Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1892)
- Date
- 1892-11-25
- Page
- Seite 4 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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4 heute die Nachricht widerrufen, trotzdem werden fast Me bei bent ersten Glauben bleiben, denn was traut man den Juden nicht zu? — Wie die Zeitung „Kaukasus" meldet, bemühte sich die Polizei in Baku, die Stadt von Juden zu befreien; viele Familien sind schon ausgewiesen und die klebrigen erwarten jeden Tag den schrecklichen „Ukas". Auch in Polen haben jetzt Hunderte von jüdischen Familien, die auf dem Lande wohnen, den Befehl bekommen, ihre Stätte zu verlassen und sich nach den Städten zu begeben. Die unglücklichen Familien wandten sich an den Gouverneur mit der Bitte, ihnen wenigstens eine Frist von drei Monaten zu gewähren, um ihre Angelegenheiten ordnen zu können. Der Beamte bewilligte ihnen anfangs diese Frist. Bekanntlich wurden diejenigen Juden, die höhere Bildung genossen haben, privilegirt und in Vielem als russische Bürger betrachtet, so konnten sie z. B. überall in Rußland wohnen, Geschäfte eröffnen re. Jetzt plant die Regierung, wie die „Nowoje Wremja" meldet, die Rechte derselben zu beschränken, damit sie von den anderen Juden nicht unterschieden werden. Auch werden jetzt die Juden in sehr geringer Zahl zur Universität zugelassen. In Kiew sind in diesem Jahre 43 Juden, in Charkow, laut der Anzeige in „Juschui Kraj" nur 10 und in Tomsk nur 12 ausgenommen worden. Wie die Zeitung „Kraj" aus Petersburg meldet, wird in der Regierung geplant, den Juden den Beruf als Rechtsanwalt zu versagen; und wenn ein solches Projekt einnml da ist, so kann man sicher sein, daß die Ausführung desselben nicht in die Länge gezogen werden wird. Die meisten jungen Leute, die in ihrer Heimath das begonnene Studium fortzusetzen verhindert sind, lassen sich dennoch nicht abschrecken und begeben sich nach dem 'Anslande. Viele von ihnen befinden sich in Paris, Zürich, Wien tmb Berlin. Geradezu erstauneuswerth ist die Kühnheit und Aufopferung vieler, die, unbemittelt, es wagen, in ein Land zu gehen, dessen Sprache und Sitten sie nicht kennen, und sich bereit erklären, für die Befriedigung ihres Dranges nach Wissen mit den letzten Kräften zu kämpfen. Afrika. * Pretoria, 14. September. Der Präsident unserer Republik und der gesummte Exekutivrath sind auf Einladung der dortigen jüdischen Gemeinde nach Johannesburg gereist, um der feierlichen Einweihung der neuen prachtvollen Synagoge beizuwohnen, welche auf dem von der Regierung der jüdischen Gemeinde im schönsten Theile der Stadt geschenkten Baugründe errichtet wurde und die schon seit Jahren bestehende ältere Synagoge an Größe und Schönheit bedeutend übertrifft. Der Präsident wurde schon einige Meilen von Johannesburg vom Vorsitzenden und den sonstigen Honoratioren der jüdischen Gemeinde ehrerbietig empfangen und erwiederte die Ansprache des Vorsitzenden durch eine freisinnige Rede, in welcher er nur vielleicht zu viel seine Privatansichten über Religion und sein Bedauern über die zwischen der alten und der neuen Kirche Gottes bestehenden Verschiedenheiten betonte, hierauf setzte sich der Zug wieder in Bewegung. Der Präsident betrat mit seinen: Gefolge das schöne, von über 2000 Personen dicht gefüllte neue Gotteshaus, an der Pforte des Tempels von den Häuptern der Gemeinde empfangen, welche ihn zu einem Ehrenplätze gegenüber der Bundeslade geleiteten. Nach Abspielung des Volksliedes durch ein zahlreiches Orchester hielt der Präsident noch eine kurze Eröffnungsansprache, worauf der Inaugurations-Gottesdienst begann. Es wurden mehrere trefflich einstudirte Ehöre abgesungen und schließlich eine Sammlung eingeleitet, die in kurzer Zeit über 1000 Psd. St. ergab. Die ganze Ceremonie machte einen erhebenden Eindruck, und der Präsident, der, wie er sich später aussprach, zum erstenmal einen: jüdischen Gottesdienst beiwohnte, schien sichtlich davon ergriffen. Abends erfolgte in: großen Saale der Tabaksabrik das von der Judengemeinde dem Präsidenten und dem Exekutivrathe offerirte Festessen, bei welchem Präsident Krüger, der bekanntlich die ganze Bibel auswendig weiß, seine großen Kenntnisse alttestamentarischer Zustände zu entfalten Gelegenheit hatte. Nach vielen Reden, in welchen, obwohl progrannnüßig keine politischen Fragen berührt werden sollten, die „Franchise Ouestion" lebhaft besprochen wurde, entfernte sich der Präsident, nicht ohne für die herzliche Bewirthung seinen vollen Dank auszusprechen und die Lösung der „Franchise" und der sämmtlichen berechtigten Wünsche der Uitlanders in nahe Aussicht zu stellen. Ueberhaupt nahm die ganze Bevölkerung Johannesburgs, mit der Geistlichkeit sännntlicher Konfessionen an der Spitze, an der gestrigen Feier den lebhaftesten Antheil, und man darf stolz daraus sein, hier, am äußerster: Ende eines vor wenigen Jahren noch uncivilisirten Landes, einen duldsamen liberaler: Geist zu entdecken, der die alten Länd^ Europas und deren vermeintlich hohe Civilisation wahrhaft beschäm^ könnte. Von Nah und Fern. An der Berliner Universität hat sich der bekannte Spezialarzt si i Ohren- und Nasenkrankheiten Dr. Ludwig Katz als Privatdocent f: r Ohrenheilkunde habilitirt. — Der Rektor der Berliner Universität, Ge Heimrath Virchow, verbot eine von den antisemitischen Studenten b absichtigte Versammlung in der Universität. — Ihre goldene Hochzeo begingen die Goslinerschen Eheleute. Die Einsegnung fand in Cassel Hotel statt. D Jubelpaar bewohnte seit seiner grünen Hochzeit in Nogasen ein und dasselbe Haus. Seit Kurzem sind die alten Lente na!,! Berlin zu ihren Kindern in der Kastanien-Allee übergesiedelt Beide finr noch sehr rüstig. — Im Wahlkreise Arnswalde-Friedeberg wird zu Gunsten Ahlwardts von den Antisemiten flott weiter gelogen. Sogar der „Abgeordnete Werner", welcher dortselbst Reden hielt, war, wie Böckel „Reichsherold" enthüllt, ein „Mumpitz", insofern der wirkliche' Abgeordne\- Werner, nach Aussage dieses gewiß wohlunterrichteten Zeugen, behaupte:, gar nicht im Wahlkreise gewesen ist. — In Hannover wurde der a::t semitische Redakteur Tesdorpf wegen Beleidigung des Clever Gerichte Hofes zu 300 Mark Geldstrafe verurtheilt. — Bor einigen Tagen vob endete eine Bürgerin der Stadt Siegburg, Frau Wittwe Stern, ilu 102. Lebensjahr. Die hochbetagte Dame, die sich der stattlichen Za! von 0 Kindern, 30 Enkeln und 30 Urenkeln rühmen kann, erfreut sis, einer erstaunlichen Körper- und Geistesfrische. — Am 3. November in Herr Dr. S. Bamberg er in sein Amt als Rabbiner der Synagoge:: Gemeinde Schrimm feierlich eingeführt worden. — In Nieder-Olr: ist diese Woche ein Bubenstreich verwerflichster Art ausgesührt worden: bis jetzt unbekannte Burschen wußten sich nämlich in die dortige Syna goge Eingang zu verschaffen und die Thorarolle, Betmäntel re. aufzn finden. Sie schichteten die Sachen zusaunnen und steckten sie in de Synagoge selbst in Brand. Es handelt sich zweifellos um einen Rache akt, dessen Urheber hoffentlich bald ermittelt werden. — Der Luxen: , burgische Landesfeuerwehr-Verband hat den Brandmeister B. Jacob' in Stuttgart in Anerkennung seiner Thätigkeit auf dem Gebiet bc*> Feuerlöschwesens zu seinem Ehrenmitglied ernannt. — In einer an: 10. d. M. zu Wien stattgehabten Besprechung der Kuratoren der Baron Hirsch-Stiftung wurde beschlossen, Herrn David Ritter von Gut m a n n zun: Präsidenten dieser Stiftung zu erwählen. - Dieser Tage ha: <■ Fnrsterzb is0, of Ko hu in Olrnü tz auch eine Deputation der dortigen! israelitischen Kultnsgemeinde empfangen ::nd ihr gegenüber seiner Freud; Ausdruck gegeben, daß die Angehörigen dieser Gemeinde ihn beglückwünsche:: j Bei diesen Empfängen gedachte Dr. Kohn des ausgezeichneten Empfange! seitens des Kaisers. Letzterer sei sehr freundlich gegen ihn gewesen. - Der humanitäre Verein ,Rereob Jeschara“ in Prag, begründe j von Löb Moscheles im Verein mit dem damaligen Prager Oberrabbine! R. Ezechiel Landau, begeht am 20. Dezember d. I. das Jubiläum seine ' hundertjährigen Bestandes. — Ans Kostet in Mähren meldet man un! den Tod der Frau Elisabeth Knlke, Gattin des Rabbiners Sarnsm! Kulte und Mutter des bekannten Schriftstellers Eduard Kulke. Di , Verstorbene, die ein Alter von 84 Jahren erreichte, war eine Tochter de^ einstigen Oberlandesrabbiners von Mähren :md Schlesien Nehemia-: j Trebitsch. — M. Joseph Reinach in Paris, der bekannte Deputirb ' und Herausgeber der Republique Franrai.se, rourbe zum Stabsoffizier de: : Territorial-Armee ernannt. M. Reinach diente bei den Manövern in; Osten Frankreichs im vorigen Jahre im Stabe des Generals de Guillife und veröffentlichte über die Manöver sachkundige Abhandlungen, welch:! großes Aufsehen erregten. — Das Amtsblatt in Petersburg veröffentlicht eine Verordnung, durch welche den Juden, welche in de: Armee als llntermilitärs nach dem früheren Rekruten-Reglement ge dient haben, sowie den Familienangehörigen derselben, die in Städter der inneren Gouvernements ortsangehörig sind, der Aufenthalt in Mos kau und in dem Moskauer Gouvernement verboten wird. — Der Sultan der Türkei hat den Vorsteher der türkisch-sephardischen Ge meinde in Wien, Herrn Liceo I. Addut, zum Offizier des Medjidje Ordens ernannt. Druck und Verlag von Rudolf Mo Ne in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion. Ma? Bauchwiy in Berlin.