Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 47 (18.11.1892)
- Date
- 1892-11-18
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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vier Jahren seines Bestehens bereits an elf Familien Unterstützungssunnnen im Betrage voll je ooo bis 700 Mark, eine Leistung, die gewiß höchste 'Allerkennung verdient. Gegenwärtig jedoch hat der Verein eine schwierige Lage zu überwinden, da ihm von Seiten der hiesigen Polizeibehörde Bedingllllgell zur Sicherung seines Bestehens in der Zukunft vorgeschrieben wurdell, die aus bcu eigenen, schwachen Kräften der Bereinsgenossen schwer zu erfüllen sind. Um nun dieses sehr wichtige lllld nothwendige Unterstützungswerk llicht sinken zu lassen, hat der zeitige, aktive Bereinsvorstand lind Schriftführer, Herr Lehrer S. Nathan, es llnternomlllell, einerseits hier bei den Behörden die Genehmigullg der Statlltell zu betreiben, anderseits in den jüdischen Gemeinden für den Verein zu wirken, um diese als beitragende und zugleich auch für ihre jeweiligen Kultusbeamten selbst anspruchsberechtigte Mitglieder, sowie Ehrenmitglieder und Wohlthäter dem Vereine zu werben, durch bereit thatkräftige Mithilfe dessen Bestalld für die Dauer gesichert werdell kann. Tiefes wackere Unternehmen des Herrn Nathan verdient allscitige Förderllng, umsomehr, als es llicht b!os geeignet ist, der schreienden Nothlage vieler jüdischell Bearlltenfamilien wirksanl abhelsen, sondern auch zugleich die vielen kleineren und ärmeren Gemeindell in der ihnen — moralisch mindestens — obliegerlden Pflicht, für die Hinterbliebenell ihrer verstorbenen Beamten sorgen zu nlüssen, bebeutenb elltlasten, ja in einzelnen Fällen wohl gänzlich ablösell zu können. Zur Durchführung dieser nothlvelldigell Neorganisation des Vereins auf einer breiteren und sicherern Basis, als foiner bisherigen, wird demnächst, llach Bereitstellung der laut Vorschrift der Behörde neu zu bearbeitenden und von dieser noch zuvor approbirteu Statutell eine Generalversaminlung der Mitglieder llach Berlin einberufen werden. X Berlin, 15. Novbr. In eineiil Hause int Süden Berlins befindet sich in dem Treppenflur der ersten Etage vor der Wohnung des Wirths das folgellde Plakat: „ In diesem Hall se w ird all Iudell nicht v ermiethet." Dieser 'Ausdruck seiner Gefühle genügte dem wackern Wirth aber noch nicht. Es spielte sich vielmehr unlängst noch folgende Episode ab: Ein Deutsch-Amerikaner, Herr N. «Israelit), hat in dem Hauseeine WohllUllg illile. Ter Wirth, der früher sehr entgegenkollllnend war, erfuhr, daß Herr N. Jude sei und änderte sein Benehmen sofort: sogar das völlig unbetheiligte Dieilstmädchen der Familie N. mußte darunter leiden. Es wurde, beim Kleiderreinigen auf dem Treppenflur beschäftigt, von dem Wirth thätlich allgegriffell. Tie hillzukoullnende Frau N. ivurde allss gröblichste beleidigt und konnte sich nur durch Flucht in ihre Wohnung vor thätlicheil Mißhandlungen schützen, die ihr von dem betreffeildell Wirth angedroht warell. Breslau, 8. illoveinber. Folgende, auch für Ihre Leser iukeressallte Mittheilung geht ntir aus Leipzig zu: Eine von den Theologen bisher ganz übersehene und auch von den Musikschriftstellern über Bermuthungell nicht hinausgeführte, für den Gottesdienst aber wichtige Frage will Professor Dr. G. Nietschel in Leipzig in der demnächst erscheinenden Schrift: „Die Aufgabe der Orgel bis ins 18. Jahrhllndert" behandeln, «Leipzig, Türr'sche Buchhandlung). Die Schrift will llälillich den 'Nachweis führen, daß die Begleitung des Geiu eilldegesallges durch das Orgelspiel bis in die ersten Jahrzehnte des 17. Jahrhunderts ilirgellds vorhanden waren, aber auch int 18. Jahrhundert noch vielfach gefehlt hat. 'Auch die Frage, rvelche Aufgabe die Orgel demnach im Gottesdienste gehabt habe, sott einer Untersuchung unterzogen werden. - In Königshütte ist das große Gemei ilde Haus, welches die dortige Synagogen-Gemeinde erbaut hat, fertig gestellt worden und soll am 1. Januar k. I. bezogen werden. In denl Gemeindehause wird die jüdisch-konfessionelle Schule, die Wohnung für den Schächter und eine Gemeinde-Badeanstalt untergebracht werden. Der Bau, für den einige bekailnte Wohlthäter theils Geldmittel, theils Bauulaterialien und Arbeiten freiwillig zugesichert hatten, tonnte unternommen werden, nachdem die Stadtverwaltung beschlossen hatte, für die Benutzung der Schulräuine seitens der unter städtischer Verwaltung srebenden jüdischen Schule an die Synagogen - Gemeinde die bisher anderweitig verausgabte Miethe zu zahlen. — Herrn 'Amtsgerichtsrath Hamburger in Kattowitz sind die Geschäfte eines aufsichtführenden Nichters an Stelle deS ilach Berlin versetzteil Amtsgerichtsrath Dr. Stecket übertrageil worden. — Die Kattowitzer Fleischer-Innung hat am o. November den Fleischermeister Emil Steinmetz zum Obermeister gewählt. 'Auch in der dortigen Maurer- Innung verwaltet ein angesehener Glaubensgenosse, Herr Maurermeister Grünfeld, das gleiche 'Amt. — Allfangs dieses Monats trieb bei der jüdischen Kaufmannschaft in Zabrze ein geriebener Schwindler sein Wesen, der auch kurz vorher in Breslau ohne Erfolg sich gezeigt hatte, indenl sich derselbe für einen Rabbiner aus Ungarn resp. als Bruder eines solchen ausgab und auf dessen neuestes hebräisches Werk Abonnenten bei einer 'Anzahlung von 6 Mark suchte. -AK- Fürstenwalde a. d. Spree, 10. Novbr. In unserem Städtchen von 15,000 Einwohnern mit 20 jüdischen Familien hatten fünf antisemitische Kaufleute, die auf Weihnachten die Konkurrenz der paar jüdischen Geschäftsleute fürchten, eine öffentliche Volksversammlung einberufen, worin Herr Schwennhagen alls Berlin einen Vortrag über den Talmud halten sollte. Der Text hieß: „Tie heutigen Sittenlehcen der jüdischen Rabbiner", das Thema: „Kauft nicht für unserheiliges christlich-deutsches Weihnachtsfest bei Juden!" Man kanil mm nicht mehr, um diese Forderung zu stellen, den Juden einfach als Belrüger, Schwindler, Meilleidiger und Majestätsverbrecher bezeichnen, denn derartige „Ahlwardtianer" haben lneistens ein unangenehmes Nachspiel in Plötzensee Deswegen muß das Schmerzenskind, der Talmud, herhnlteu. Hierin ist nach den Ausführungen der Hetzer Alles enthalten, Raub, Ritualmord, Meineid, Unzucht, Majestätsverbrechen und noch andere schöne Dinge. Geradezu haarsträubend sind die 'Anklagen gegen die Juden an der Hand des Talmud, Schulchan Aruch re., noch haarsträubender aber die Unwissenheit der Redner, denen auch die elementarsten Begriffe über jüdische Litteratur fehlen. Von demselben Schlage waren auch die Ausführungen, die Herr Schwennhagen aus Berlin vor einem Publikum von ca. 800 Köpfen zum Besten gab, worunter sich nur ein einziger Jude, der Prediger L. Wolfs aus Berlin, der die hiesige Religionsschule leitete, befand. Kaum hatte der Redner geendet, da rief der genannte Herr W.: „Der Judenprediger bittet um^Sort!" und stand auch schon auf dem Podium. „Jude hinaus! Haut ihm!" scholl es ihm entgegen. „Wenn Sie Muth haben, so hören Sie auch die Vertheidiguug auf die schweren Anklagen, ich fürchte mich nicht!" so begann er, und still wurde es. „Alan hat hier über den Talmud zu Gericht gesessen und hat ihn, sammt dem Schulchan 'Aruch vernichtet, verurtheilt und damit auch unsere Sittenlehren. — Haben Sie schon einmal gehört, daß ein preußischer Gerichtshof einen Mörder, Räuber oder Meineidigen verurtheilt hat, ohne ihn zu hörend Der Herr hier hat über die Sittenlehren der Juden gesprochen, daß diese den Meineid, Betrug, Mord re. lehren, und ich bin ein solcher Mann, der seit 22 Jahren das jüdische Sittengesetz gelehrt. — Freilich ist der Talmud kein Gesetzbuch, der Schulchan 'Aruch kein Katechismus, aber was versteht der Herr davon. Er hat in seinem Leben noch kein Exemplar gesehen. Damit er aber einmal wenigstens den Schulchan Aruch zu Gesicht bekommt, hier ist ein Theil in der Originalsprache. Nun, lesen Sie nur eine Zeile, nur ein Wort! Nicht wahr, das verstehen Sie nicht L" Redner ging sodann auf die wahren Duellen Schwennhagens, besonders auf die Fälscherthätigkeit Aron Brimans ein, und nachdem er dann noch über das Kol nidre und Schefach chamos'cho gesprochen, schloß er mit den Worten: „— Ein Zeitgenosse Ihres Religionsstisters Jesus, Rabbi Hillel, lehrte: „es giebt nur ein jüdisches Hauptgebot, liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst", alles Uebrige ist Kommentar — in diesem Geiste wollte und sollte das Christenthum wirken, und wir Rabbiner und Lehrer lehren nichts Anderes." — Weiter kam der Redner nicht, denn einige wüthende Antis gingen mit Stöcken auf ihn los. Die Sache schien nun gefährlich, aber Prediger- Wolfs blieb ruhig. Sein Muth imponirte dann auch den Gegnern. Man ließ ihn ruhig durch den Saal gehen und Viele riefen ihm ein lautes Bravo zu. — Herr Schwennhagen hatte kein Wort der Entgegnung, soll aber einstweilen auf eine Wiederkehr hierher verzichtet haben. y^K Bütow i. P., im November. Die diesjährige Versammlung desVereines jüdischer Le hrer des Reg.-Bez. Eöslin fand am 23. und 24. Oktober d. I. in Belgard statt. Der Vorsitzende, Herr Dr. Hahn- Sto lp, eröffnete die Sitzung mit einem Ueberblick über Stand und Tendenzen des Vereines. Redner betonte besonders die Wichtigkeit der „geistigen Hebugg des Lehrerstandes", die der Verein sich zu seiner vornehmsten 'Aufgabe gesetzt habe. Herr Apolant, Vorsteher der Synagogen- Gemeinde Belgard, bewillkommte den Verein Namens dieser Gemeinde mit herzlichen Worten. Vor Eintritt in die Tagesordnung übermittelte Herr Dr. Goldschinidt-Eolberg als Delegirter des D I. G.-B. die Herz-