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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-30 · Heft 40 (30.9.1892) · p. Seite 479

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 40 (30.9.1892)
Date
1892-09-30
Page
Seite 479 (sequence 11)
Language
German
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Schon waren sie unweit des Schaffottes, da tauchte dicht neben Moses Wagen das dämonisch grinsende Gesicht Meier's auf, dessen Blick mit teuflischer Freude auf den Verurtheilten haften blieb. „Ach, meine Hoffnung ist erfüllt!" ... murmelte Moses und griff unter das Gewand auf seiner Brust. „Nun, wer wird eher in den Schooß Abrahams befördert, Du oder ich?" kreischte Meier höhnisch dem Moses Bayle zu. „Du, Elender!" sprach Moses mit furchtbarer Kälte und seine Hand zog eine Pistole hervor. Ein Moment nur — und mit zerschmettertem Schädel stürzte Meier zusammen. Dieser Todesfall erregte keine besondere Sensation, man sah damals so viel Schreckliches, erlebte nur zu häufig selbst neben den Karren der Schlachtopfer so Rührendes und so Grausiges, daß allgemein das Gefühl oafür schon abgestumpft war. „Die Guillotine hat einen Kopf eingebüßt!" sagten höchst gleichgiltig Einige, welche Meier und sein Treiben kannten. „Ich danke Dir, o Gott, daß Du mich mein heiliges Richteramt vollbringen ließest!" . . . betete still für sich Moses . . . „ich danke Dir, daß Du mir Kraft gabst, den Tod meiner Brüder zu rächen! Jetzt bin ich mit der Erde fertig!" Die Wagen hielten am Schaffot. „Es ist die Zeit des Krias-Schema!" flüsterte Einer aus der Gemeinde Moses zu und zeigte auf die Sonne, die eben jetzt mit strahlendem Glanze hervorbrach, gleichsam als nähme sie Abschied von den edlen Todesopfern. „Ja, sie ist gekommen!" . . . rief Moses im Hinaufsteigen über die Treppe zur Guillotine, und als er der Ersten einer sein Haupt in die verhängnißvolle Vertiefung des Nichtblockes legte, rief er mit laut vernehmlicher Stimme: „Höre, o höre Israel, der Gott, unser Herr, ist der einzige und ewige Gott!" Und init dem letzten Worte schwang sich sein Geist zur Ewigkeit empor, denn das Beil hatte sein Haupt getroffen in dem Momente, wo er das Flammenwort „Gott" sprach. Sprectzsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Was Herr Dr. Fink aus Hamburg in der jüngsten Nr. Ihrer Zeitung über das Fasten am Versöhnungstag geschrieben, ist theoretisch disputabel, aber in der Praktik sehr gefährlich anzuwenden. Es handelt sich um Menschenleben, was wichtiger ist als Menschengedanken, die heute feststehen und dann wieder umgestoßen werden, namentlich in der Medizin. Oder ist etwa Herr Professor Koch, auf den sich Herr Dr. Fink stützt, unfehlbar? Wie erging es dem Tuberkulin? Unsere Religion aber, die uns Fasttage auferlegt, verbietet uns zugleich zu fasten, wo Gefahr im Verzüge ist! QHD TIl 2N2- Ich bin fest überzeugt, daß der Herr Oberrabbiner Hirsch zu Hamburg, der durchaus gesetzestreu ist, seinen Gemeindemitgliedern im Sinne der bereits von Herrn Rabb. Süskind in vor. Nr. angeführten rituellen Entscheidung vom Magen Abraham das Fasten am bevorstehenden Versöhnungstage theilweise erlassen wird. Ob das Rabbinatskollegium in Berlin auch in diesem Sinne entscheiden wird, ist deswegen unsicher, weil die Frage noch immer besteht, ob Berlin als verseucht zu betrachten sei. Nach den in unserem Ritualkodex angegebenen Normen ist ein Ort als verseucht zu betrachten, wenn aus je 500 Seelen in drei auf einander folgenden Tagen je eine Person verstorben ist. Frauen, Kinder und Greise — irDTtftT — also die nicht arbeitende Bevölkerung ist unter den 500 Seelen nicht »itt inbegriffen. Hingegen heißt es nn^nmöS “D*7 N'N mriN nJ’lD4? P1J55Ö nUWl* Wenn der Verkehr ein verseuchtes Gebiet berührt, dann ist das seuchefreie Gebiet im gewissen Sinne als verseucht zu betrachten. Es wird nun Sache des Berliner Rabbinats- Kollegium sein, alle diese Punkte zu erwägen. Und wenn das Kollegium mit seinen Anordnungen, unbeirrt, ob sie von Unwissenden verlästert werden, auch nur eine Person am Leben erhält, rinK TtfSÜ dann hat es in jeder Beziehung seine religiöse und amtliche Pflicht erfüllt, was unter keinen Umständen getadelt werde - darf. Schreiber dieser Zeilen stammt aus einer sehr alten Rabbiner-Familie, unter deren Mitgliedern das Prinzip stets beobachtet wurde, in Zweifelfällen in Bezug des Fastens — auch am Versöhnungstage — zu Gunsten des Nichtfastens zu entscheiden. Das Menschenleben, hatte mein Urgroßvater Mitglied vom Rabbinatskollegium über vier Länder, gesagt, ist gar werth und thener, weswegen kein Rabbiner es über sich nehmen darf, den entstandenen Zweifel ob des Fastens gar zu strenge zu entscheiden. Geehrter Herr! Ich bitte Sie, mir zur Frage der „Hilfsprediger für die hohen Feiertage" das Wort zu gönnen: Ich gehöre zwar durchaus nicht zu den armen „Hilfspredigern" und „Jünglingen", die Herr Becker in der 36. Nummer dieses Blattes zu besprechen beliebte. Doch ich habe eine gewisse Neigung für diese Herren, die unter den Jüngern der Wissenschaft — im Großen und Ganzen — die vielleicht am meisten kämpfenden sind und trotzdem ein gutes Maß von unverfälschtem Idealismus in ihr bürdenschweres Amt mitnehmen. Sie haben sich gegen alte Auffassungen, die sie aus der kleinlichen Schule drückender Verhältnisse mitbrachten, zu wehren, innere Kämpfe bleiben ihnen — wie jedem anderen besser Denkenden — ebenfalls nicht erspart; und wenn sie aufrichtig sind, wird ihnen der Sieg nicht leicht. Materiell sind sie auch nicht zu beneiden. Ihr Studium theilt sich in Folge der eigenthümlichen Verhältnisse in das der, wegen der Ueberlieferung heiligen Schriften, und in das der in der Gegenwart stark im atheistischen Fahrwasser segelnden Philosophie. Trotzdem fest zu bleiben, unbefangenen Sinnes mit muthigem Schaffen fortzuschreiteu, ist kein leichtes Ding. Ich hatte so recht meine Freude daran, diese Wandlung vom Bachur bis zu diesem, freilich immer noch besserungswürdigen Hochschüler oder Seminaristen zu iiberblicken. Frohen Muthes gedachte ich der, hoffentlich bald eintreffenden Zeit, wo wenigstens keine deutsche Gemeinde ohne einen gebildeten Rabbiner bestehen wird. Und da konlmt nun Herr Becker und bedeutet mir, daß es tadelnswerth sei, daß solche Hilfsprediger — „ein stolzes Selbstbewußtsein haben". Mein Herr! Sie vergessen, daß die Weisheit zwar mit den Jahren kommen kann, aber auch des Oesteren ausbleibt. Sie ist also nicht ein Merkmal des Alters. Sie sagen: „Mit einer wahrhaft verblüffenden Sicherheit spricht ein so junger, halbfertiger Mann über den „Geist der Zeit", als hätte der Geist sich selbst und ihm allein offenbart." O, wie charakteristisch! Thut es Ihnen etwa weh, zu sehen, wie der junge Mann aus der großen Stadt, dem Mittelpunkte des geistig regen Lebens, den „Geist der Zeit" auch wirklich kennt? Und nun der Schluß Ihres Satzes! Der über den „Geist der Zeit" spricht, will ihn eben nicht für sich haben, sondern theilt ihn mit voll überquellender Ueberzeugung. Sie, Sie monopolisiren, indem Sie sich darüber beschweren, daß Jemand frei das sagt, was er für richtig hält. Die donnernde Philippika mag sich ereignet haben, sie ist, nach Ihrem Artikel 51t urtheilen, auch zuweilen am Platze, aber sie ist nicht chronisch, wie Sie meinen. Finden Sie es auch wirklich so schön in den Gemeinden? Läßt der Synagogenbesuch wirklich so wenig zu wünschen übrig? Ist der Religionsunterricht wirklich so tadellos, daß nach einer diesbezüglichen Mahnung eines Hilfspredigers „die Leute sich verwundert anblicken und antasten, ob sie noch leben? Und was sind die „weit verbreiteten Mißstände", die Sie „im Besonderen ins Auge fassen wollen". Sie sagen: „der junge Hilfsprediger kennt nicht die Sonderinteressen der Gemeinde". Wozu soll das nöthig sein? „Die wichtigsten Lehren des Judenthums und seiner Religion kennt heutzutage wohl jeder (!!!) Glaubensgenosse von der Schule (!) her", und wenn er sie vergessen hat, so hat ja der deutsche Gemeindebund ein Heftlein zu allgemeiner Erbauung edirt! „Der Prediger muß deshalb Leben und Lehre in Beziehung zu setzen suchen " Als wenn das Jemand bezweifelte! Aber „Leben" kann man doch wohl in der Großstadt am ehesten kennen lernen. Erfahrung gewinnt der Kandidat vor Allem in

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