Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 40 (30.9.1892)
- Date
- 1892-09-30
- Page
- Seite 476 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227972--49166-3269843- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
476 einer solchen Kasse müßte auch der Lehrerin möglich sein, und ich zweifle nicht, daß es nur der Anregung bedarf, um die Kassenvorstände zu veranlasse», einen diesbezüglichen Antrag zu stelle» und sich hierdurch die Dankbarkeit aller Lehrerinnen zu sichern. Dieser Dank gebührt schon jetzt den, „Deutsch-israelitischen Gemeindebund", der mit der Lebens - Versicherungs - Gesellschaft „Viktoria" einen Vertrag zu Gunsten einer Rentenversicherung der Lehrerinnen geschlossen hat, und der zudem fiir die dort versicherten Lehrerinnen die Hälfte der Prämie zahlt. Bei dieser Gesellschaft zu versichern, ist also gegenwärtig die einzige materielle Sicherstellung der Zukunft der Lehrerin, sofern sie nicht von Haus aus Vermögen besitzt. Jni Allgemeinen sind also, tote wir gesehen haben, die Aussichten für die jüdische Lehrerin gerade nicht sehr rosig. Im Verhältniß zu der schweren und verantwortungsreichen Aufgabe derselben ist die Sicherheit für die Zukunft eine zu geringe, ihre Stellung eine zu unsichere. Trotzdem aber wird die echte und rechte Lehrerin ihren Beruf mit keinem andern vertauschen mögen, da er im Stande ist, Herz und Geist in gleicher Weise zu befriedigen. Denn was gewährt wohl edlere und innigere Befriedigung, als ihre Thätigkeit, die darauf hinzielt, den Geist der Kinder zu wecken und zu bilden, ihr Gemiith empfänglich zu machen und zu öffnen für alles Schöne und Gute und sie zu erziehen zu denkenden, charakterfesten, überzeugungstreuen Menschen, die, treu ihrer Religion und ihrem Vaterlande, erfüllt von wahrer Menschenliebe, für ihre Familie und ihre ganze Umgebung zum Segen tverden. Hoffen wir, daß Alles, was ihrem Wirken Eintrag thun, was ihr die Freude an ihrem Berufe verringern könnte, bald beseitigt werde. U FEUILLETON Gin Versöhnungstag. Historische Erzählung von I, Braun. (Schluß.) „Ihr versteht mich; aber die Höhle des Fuchses kann nur wieder von einem Fuchse attfgespürt werden. Ein einziger unter den Pariser Juden — Bayle ist sein Name — kann Alle zu Allein vermögen, denn die Gewalt seiner Rede ist groß, wie sein Muth. Er ist mein Feind, denn schon der stolze Knabe war mir eilt Gräuel, und seit er in den Vorstand der Gemeinde ausgenommen, behandelt er mich wie der Adler die Kröte. Wer aber mein Feind ist" . . . setzte Meier mit düster zusaminengezogenen Augenbraunen hinzu, während ein teuflischer Blitz aus seinen Augen schoß . . . „der riecht in dieser schönen republikanischen Zeit nicht mehr lange die Morgenluft, das wißt Ihr, Mathurin, denn wir kennen uns schon ein paar Tage!" . . . Der Andere grinste wieder und nickte im Einverständniß Meier zu, welcher den Kopf in die Schultern zog und murmelte: „Er hat mich nicht umsonst mit Schimpf fortgejagt, als ich um die Hand seiner Schwester anhielt, er soll nicht umsonst überall gesagt haben, „er wolle keine Otternbrut in seiner Familie!" — Sein Haupt ist mir schon lange verfallen, aber ich sparte ihn mir auf, denn die Rache ist um so süßer, je länger sie währt, klm seinen Untergang zu sichern, bin ich einer der Frömmsten der Gemeinde ... In diesem Augenblick drang dumpfer Lärm von der Straße herein, der sich plötzlich zu wildem Geheul verstärkte. Alles stürzte nach Thür und Fenster. „Was giebts!" rief man vom Wirthshaus der fluthenden Menge zu. „Herbei, Bürger! ... tönte es aus tausend Kehlen ... „Herbei! wir wollen das verfluchte Nest, die Juden-Synagoge niederreißen! Wir wollen das ganze Judenviertel niederbrennen, um auf seinen, Grunde einen Tempel der Vernunft zu bauen! Vorwärts! Vorwärts!" Im Nu war die Wirthsstube geleert. Nur Meier und der Sanskülotte blieben zurück und wechselten Blicke, die nur zu verständlich waren. „Siehst Du, wie uns das Glück in die Hände arbeitet?" kreischte Meier. „Jetzt gilt's, hinunter, damit wir das Feuer schüren. . . . „Hinaus zu den Andern!" . . . brüllte der Sanskülotte und stürzte nach der Thür. Vorher aber vertrat ihm Meier den Weg und sagte: „Höre, Freund, ich will Dir einen Mann bezeichnen, triffst Di, Diesen so, daß er nie wieder aufsteht, dann sind tausend Franken Dein!" . . . „Ich bin kein Meuchelmörder!" . . . brummte Mathurin. „Aber er ist ein Aristokrat!" „Das ist etwas Anderes! Dann ist mein Gewissen beruhigt! sprach der ehrliche Bürger der französischen Republik. Und Beide mischten sich unter die Menge, welche immer drohender amvuchs und im Sturmschritt auf das Judenviertc, loseilte. IV. Tief in Nacht gehüllt ist das Straßennetz, welches in seinen, engen Raume so viele besorgte Gemüther, so viele grainerfüllte Herzen umschließt. In Schweigen liegt Alles unter den Fittichen der Nacht. Nur hier und da dringt aus den Fenstern einer ein samen Behausung das späte Nachtgebet eines frommen Bewohners. Aber wo am Ende der Judengasse der Knäuel der Quartier Wege sich in einem Punkte vereinigt, dort erhebt sich die Synagoge — ein ehrwürdiges Andenken vergangener Tage, in jedem Steine ein Denkmal ausharrender Geduld eines Märtyrervolkes, das diese altersgrauen Quadern schon öfters mit dem Blute der Seinigen bespritzt sah. Plötzlich regte es sich an der schweren, eisenbeschlagenen Pforte der Gasse. Der dttrch das Klirren der schweren Angeln anfgestört, Wächter eilt an das Fensterchen und späht hinaus in die düstere Nacht. Und Schreck überfällt ihn. Denn ein zahlloses Gewimmel wälzt sich der Judenstadt zu, von blutgierigen Händen geschivungen, er glänzen allerlei drohende Waffen im rothen Scheine vieler Fackeln noch furchtbarer. „Im Namen des Konvents!" wird Einlaß gefordert. Doch er öffnet nicht, sondern eilt davon, die Bewohner des Quartiers mit der Schreckensbotschaft aus sorglosem Schlafe aufznstören. Schnell ist Alles wach, in geüngstigter Verwirrung stürzen Alle aus den Häusern. Inzwischen verdoppelten sich die Schläge und Stöße an der Pforte und immer brausender schwillt die nachdrängende Masse davor an. Bald werden sie die eisernen Bande im wuchtigen Andrang gesprengt haben und daun wird ihre durch das Hinderuiß noch gestachelte Wut), keine Grenzen mehr kennen, wie verheerende Wogen werden sie sich in die Straßen ergießen. Dies erkennt mit scharfem Ueberblick Moses Bayle sofort, welcher auf den Ruf des Pförtners einer der Ersten gewesen ist, die sich bewaffnet herausbegebc», um zu retten und zu Helsen, wo es noch möglich war. Schnell haben sich um seine Gestalt Gruppen gesammelt, die mit ihrer letzten Hoffnung zu ihm aufschauen wie ein hartbedrängtes Schiffsvolk zu dem allein in der Wasserwüste noch kundigen Lootsen. Mitten unter dem schreienden und verzweiflttngsvoll sich geberdenden Haufen steht Moses in edler Ruhe und Zu verficht fest wie ein Fels. Endlich winkt er dem tobenden Volke mit der Hand Ruhe.