Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1892)
- Date
- 1892-09-16
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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454 Schickele nicht ab und zu traumverloren vor sich Hinstarren, mit dem Kopf hin und her wackeln und dabei erstaunt flüstern: „Ein Mädel, ein schön' Mädel, ei» großes Mädel! ein dickes Mädel!" Wenn es mit rechten Dingen zuginge, dann müßte Schickele bemerkt haben, daß seine Cousine Sarah, eine arme achtzehnjährige Waise, die im Hause seines Baters ausgewachsen, zwei kornblnmblane Augen, weiße Händchen und Füßchen hat, so klein und zierlich, wie sie seit der Gründung von Plojana im Städtchen niemals gesehen wurden; er müßte bemerkt haben, daß diese kornblumblaucn Allgen seltsam aufleuchten, wenn er mit ihr spricht, daß sie zärtlich wie eine Mutter über ihn wacht und daß sie ihm dann und wann Blumensträußchen in einem Glas Wasser auf den Tisch stellt. Aber lvie kann man all' dies bemerken, wenn einem ein schönes, ein dickes, ein großes Mädel vor Augen steht? Schickele ist also verliebt? Offenbar. Ein Tal- »illdist ist aber ein logisch geschlilter Denker, der es vortrefflich versteht, aus einem Obersatze die entsprecheuden Schlüsse zu ziehen. „Wenn ich", sagte sich Schickele, „die Gitele lieb habe, so will ich sie heirathen, und wenn ich sie heirathen will, so muß ich zuerst mit Josef Flammer sprechen." Die Borbesprechungen über eine Heirathspartie führten sonst die Eltern des Heirathskandidaten mit Flammer, da aber Schickelcs Mutter vor Jahren gestorben, sein Bater seit Monaten verreist war, so nrllßte der Talmudist die Sache selbst in die Hand nehmen. Er sprach daher mit Flammer, der bald darauf die Angelegenheit Herrn Berisch Kloper vortrug; der Schächter schüttelte bedenklich das Haupt und sagte: „Schickele ist ein Gelehrter, allen Respekt vor einem Gelehrten, aber zum Heiratheu braucht man Geld! Hat Schickele Geld? Nein! Kann man von der Thora allein leben? Nein. Hat er ein Geschäft? Nein!" Berisch Kloper nahm darauf aus einer Horndose eine Prise, nieste geräuschvoll und fuhr dann fort: „Ich kenne kein Geschäft, das so sicher wäre, wie die Schüchterei. Man legt kein Kapital hinein nnd zieht Kapital heraus. Habt Ihr einmal gehört, daß ein Schächter bankrottirt hätte?" — „Niemals!" rief Joseph Flainmer. „Ich bin seit vierzig Jahren Schächter," fuhr Berisch fort, „mein Bater war auch ein Schächter, mein Großvater ebenso, und mein Schwiegersohn wird nur ei» Schächter werden; das könnt Ihr ihm sagen, Flammer." Der Heirathsvermittler theilte Schickele diese Unterredung mit. Der arme Talmudist tvar wie aus den Wolken gefallen. Wenn eine Bombe vor seinen Augen geplatzt wäre, hatte dies auf ihn keinen so erschütternden Eindruck gemacht wie die Nachricht, die ihm Flammer überbrachte. Der Heirathsvermittler fühlte ein menschliches Rühren bei»; Anblick des trostlosen Gelehrten. Er begann ihm weitläufig die Bvrtheile des Schüchtereiberufs auseinanderzusetzen, er wies darauf hin, daß Berisch Kloper ein alter Mann, daß Gitele sein einziges Kind sei und daß sein Schwiegersohn die Anwartschaft ans zweitausend Dukaten habe. Schickele hörte diese Auseinandersetzungen mit düsterer Ruhe an, dann schüttelte er traurig das Haupt und sagte: „Ich kann nicht, ich kann keine Fliege tobt machen, wie sollte ich es zu Stande bringen, ein Thier zu schlachte»! Ich kann nicht, es ist unmöglich." Joseph Flammer brauste aus. Er warf dem Talmndisten ein paar Injurien an den Kopf, er nannte ihn einen Stubenhocker, einen heillosen Narren, der sein Glück mit Füßen trete, dann beruhigte er sich und begann mit einem feinen Lächeln Giteles Reize zu schildern. Das wirkte. Schickeles Augen leuchteten auf; er fing au mit nervöser Hast seine langen Schläfenlocken zu drehen. Der Heirathsvermittler war ein großer Menschenkenner, er merkte, daß Schickele die Tochter des Schächters liebte, und wenn die Liebe ihre Hand im Spiele hat, dann braucht der Heirathsvermittler seine Künste nicht allzu sehr spielen zu lasten. Flammer verließ daher den Gelehrten mit dem erhabenen Bewußtsein, daß er ein gutes Geschäft gemacht, und wem dies gelingt, der darf sich ein Gläschen über den Durst gestatten. Dies war das unmittelbare Motiv, das den Heirathsvermittler in die Schänke Naftalis trieb, wo er allerhand geheimnißvolle Andeutungen über eine bevorstehende Berlobung machte. II. Was vermag nicht alles die Liebe? Den Löwenherzigen macht sie zum Feigling und den Feigen zum Löwen. Warum sollte sie nicht auch die tiefe Scheu des stillen Gelehrten, das Blut armer Thiere zu vergießen, überwinden? Aber es war ein schwerer Kampf. Der bange Gedanke, sein ganzes Leben hindurch das Schlachtmesser zu schwingen, lag wie ein drückender Alp auf seinem Herzen, und wer tveiß, ob derselbe nicht daraus schließlich doch Giteles Bild Vertrieben haben würde, wenn sich nicht zur Liebe auch die Eifersucht gesellt hätte. Und das war so gekommen. Einige Tage, nachdem Schickele die kategorische Antwort des Schächters erhalten hatte, ging er an dessen Haus vorbei; es war an einem Samstag, die Läden waren alle geschlossen und es herrschte in dem Städtchen eine tiefe Sabbathruhe. Gitele stand vor der Hausthür; sie hatte ein schönes Seidenkleid an, uin den Hals trug sie einen Kranz mattglänzender Perlen, und die blauschwarzen, aufgelösten Locken umwallten ihr rothes, vollbackiges Gesicht. Neben ihr stand ein großer, schwarzbärtiger Manu in einem Seidenkaftan. Als dieser Schickele erblickte, lachte er laut und spöttisch auf. Schickele wurde blaß und dann roth und schlich mit gesenkten Augen an den» Mädchen vorbei. Eiire Stunde später wußte er, wer dieser Mann war. Er hieß Rubin und war aus einem benachbarten Städtchen. Sein Aufenthalt in Plojana hatte einen '.ausgesprochenen Zweck: er bewarb sich um Giteles Hand. Er that dies natürlich nicht direkt, sondern gleichfalls durch die Vermittlung Flammers, der sein Gewissen, daß er für einen Rivalen Schickeles eintrat, durch folgendes Raisonnement beruhigte: „Ich habe Gitele lieb wie mein eigenes Leben, darum will ich sie so schnell als möglich verheirathen. Rubin ist aus gutem Hause und ein tüchtiger, junger Mensch, und Schickele nicht minder. Ich will für Beide arbeiten; die Wahl überlasse ich dem Kloper." Herr Kloper hatte also die Qual der Wahl, aber er war ein kluger Mann und fand folgenden Ausweg: „Sie sollen alle Beide zuerst beim Rabbi die theoretische Schächterprüfung und dann bei mir die praktische Prüfling machen und zur Probe schlachten. Wer von Beiden besser und geschickter schlachtet, der kriegt meine Gitele. Abgemacht." „Abgemacht," sagte Flammer zu Schickele, nachdem er ihm all dies erzählt hatte. Schickele fühlte bei diesen Worten einen Stich im Herzen. Man wollte ihm also Gitele, das Mädchen, das er bereits als seine Braut betrachtete, entreißen. Und wer? Ein Hergelaufener! Das sollte ihm nie und nimmer gelingen. Und dieser Mensch hatte es gewagt, über ihn zu lachen! Schickele riß vom Schranke einen Talmudband herunter; es war der Schulchan-Aruch, jenes Buch, welches die Theorie des Schächtens enthält. Und er begann zu studiren. Er brütete die ganze Nacht über dem Talmudband. Tags darauf hatte