Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 38 (16.9.1892)
- Date
- 1892-09-16
- Page
- Seite 449 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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449 gefühl des beiwohnt seiner sitt- »r Tändeln >r; sondern ffessioneller nd für die ) verbannt öohle wird der Wahl- Zeiten des ede, so hat : Ehre des > bewiesen, t vorzugsöünde »nd in die Ge- 'ses letztere e Religion, idigen ver- Bedcntling der Gesellt betrachtet »rsinne ist beste Lob. nachsagen ck vielmehr -Rönchthnni miiiann in kämpft von nedizi,nschc )e Gesund, lei. Seine rheitspflcge Politischer 'e von den, »indcr für . sei. flssionelleii »offen dar trotz allein >s erhaben, 'idigc Jdcr Gottesidc« Heiligun, der Angst oeifel und sröhlichcin her Jubel persönlicher vir unserer iener Briese. XIX. p. Die Signatur unserer Zeit ist die Unaufrichtigkeit. Man spricht anders, als inan denkt, und thut nichts ohne Hintergedanken. In der hohen Politik wie in der einfachen Geineindestube, im 'Verkehrswie im Privatleben, in der Gesellschaft wie in der Familie — nirgends Offenheit und Geradheit. Das Wort Talleyrands: „Die Sprache ist dem Menschen gegeben, um seine Gedanken zu verheimlichen", ist allgemeingiltig geworden. Daher der Mangel an ernstem Wollen, der Abgang entschiedener Thatkraft. Man lavirt. Man verheißt den Frieden und rüstet für den Krieg, interessirt sich für das Gemeinwohl und ist der berechnendste Egoist, singt die süßesten Töne der Moral mit den hinterlistigsten Jntenliouen in der Brust, betheuert die Wahrheit und hegt eitel Lug und Trug, öffnet der Freundschaft angelweit die Arme und trägt lein Bedenken, sie zn verrathen; mit einem Worte: man spricht, wie es fremde Ohren gern hören, und ist nur bestrebt, anders zu scheinen, als man ist. Ich will jedoch nicht weit hinausgreifeu; bleiben wir bei den uns zunächst berührenden Angelegenheiten. Wie sieht es im Gemeindeleben ans? Man predigt den Fortschritt und liebäugelt mit der Regierung; man will die religiöse Erziehung der Jugend und konstruirt den Religionsunterricht, nicht wie er ihr (der Jugend), sondern der tonangebenden Partei entspricht; man giebt vor, den Sinn für der Räter Glauben in der Familie wecken zu tvollen, und bestellt Beriünder des Gotteswortes, die am allerwenigsten den Beruf und die Befähigung besitzen, aus dem harteil Kies des Jndifferentismus durch ihr Wort den Funken religiöser Begeisterung zu schlagen; man thut wohlthätig und strebt blos die Reklame an; man ist besorgt um die Erhaltung der Denkmäler unseres Schristthnnis und verweigert die Bewilligung der hierzu erforderlichen Mittel; mau lobpreist den Werth der Wissenschaft des Judenthums und läßt mit voller Gemüthsruhe deren Träger und Pfleger am Hungertuche nagen. Die Aufrichtigkeit im Dienste der Oeffentlichkeit heißt aber, sich derselben mit allen Schlägen des Herzens, mit allen Gedanken der Seele, mit allen Mitteln der eigenen Kraft zu widmen. Was nützt es, die Lärintrommel in Vereinen, Vertretungskörpern und Journalen schlagen? Damit lockt man höchstens die urtheilsnnfähige Menge heran; die Einsichtigen bleiben nach wie vor abseits. Ich verspreche mir daher auch nichts von der Konferenz, die der hiesige Vorstand auf den 6. September d. I. eiuberufen hat. So wenig der Koblenzer Kongreß vom 14. und 15. August 1883 ein greifbares Resultat aufzuweiseir hatte, ebenso wenig läßt sich ein solches von dein in Rede stehenden erwarten. Es ist ein Jrrthum, wenn gesagt wird, der Koblenzer Kongreß habe die Anregung gegeben zu dem großen Hilfswerke des Baron Hirsch in Galizien; wenn überhaupt diesbezüglich von einer Eingebung gesprochen werden kann, so ist diese nur von dem unvergeßlichen Kann in Paris ausgegangen. Dieser hatte bereits alle Vorkehrungen getroffen, um auf dem Wege der Autopsie sich vo» den Verhältnissen der galizischen Juden Kenntniß zu verschaffen, als ihn leider der jähe Tod ereilte. Was der Koblenzer Kongreß in dieser Richtung beschloß, bestand darin, daß die Kulturentwickelung bei den osteuropäischen Juden als Objekt gemeinsamer Thätigkeit zu behandeln sei. Mittlerweile hat die Jwölfmillionen-Stiftung des Baron Hirsch diese Mission — insotveit sie Galizien betrifft — auf ihre Schultern genommen; eine gleiche Stiftung in Rußland zu kreiren, ist dem Baron Hirsch nicht gewahrt worden. Der ebenfalls auf dem gedachten Kongresse gefaßte Beschluß, ein grundlegendes Werk über „jüdische Ethik" ins Leben z>t rufen, ist bis jetzt unausgeführt geblieben. Wird in vollem Ernste augestrebt, religiösen Sinn in die Familie zu bringen, so wird dies kaum durch das Medium eines Kongresses zu Stande gebracht werden; wenn es hierfür einen zum Ziel führenden Weg giebt, so ist es der des Beispiels. Man müßte es anders als jener Prediger machen, der seine Zuhörer apostrophirte: „Richtet euch nach nieinen Worten, aber nicht nach meinen Handlungen!" Alle, die einen Kultusdienst offiziell innehaben — Rabbiner, Lehrer, Beamte rc. — sollten nichts thun oder lassen, was als ein arger Verstoß gegen die religiöse Observanz angesehen werden kann. Man vergesse nicht: wie die Flamme, so bedarf auch die Idee des Funkens, dadurch sie sich entzünde. Möge es Erleuchtete geben, die die Idee an sich zu erfassen im Stande sind; die Menge kann dies bezüglich der Mnemonik der Ceremonie nicht entrathen. Vielleicht in noch erhöhterem Maße als den Kultusfunktionären obliegt es den Kultusvorstehern, die aus ihrem Ehrcnamte sich ergebenden Rücksichten getreulich zu beobachten; hierin liegt eine Attraktionskraft, mächtig genug, die Gemeindemitglieder zu bestimmen, in Dingen des Kultus nicht leichtsinnig zu sein. Das Verhalten in den oberen Gesellschaftsschichten findet im Guten wie im Bösen Nachahmung in der Gesammtheit. Es mag als eine günstige Vorbedeutung angesehen werden, daß thatsachlich diese Erkenntniß sich allmählich Bahn bricht. Gegenüber dem durch nichts gerechtfertigten Vortvurfe, daß der frühere Kultusvorstand sich „vornehm" über die Nothstände, unter denen wir heutzutage insbesondere durch das wüste Treiben des Antisemitismus leiden, hinweggesetzt habe, mag konstatirt werden, daß bereits Anfangs des vorigen Jahrzehnts ein Komitee sich hier bildete, das die Behandlung der allgemein jüdischen Allgelegenheiten sich zur Aufgabe machte. Diesem Komitee gehörten an: der Gemeindeprüscs Dr. Ignatz Kuranda, Bicepräses R. v. Borkenan, die Vertreter Dr. Leopold Kompert und Arminio Cohn, die Prediger Dr. Jellinek »nd Dr. Güdemann, sowie die Vorstandsmitglieder Emanuel Baumgarten, Wilhelm R. v. Gutinann und Dr. Philipp Mauthner. Außerdem schlossen sich diesem Komitee an: Albert Freiherr v. Rothschild, Baron Henry Worms aus London rmd Dr. M. Lazarus und Ludwig Loeive aus Berlin. Auch wurde ein engeres Komitee, bestehend aus den Herren Dr. Kuranda, Dr. Kompert, Wilhelni v. Gutmann, Baumgarten und Dr. Mauthner, zusammengesetzt, welches sozusagen in Permanenz geblieben ist. Ob die stille, ohne Ostentation sich entwickelnde Thätigkeit zweckentsprechender gewesen, als die gegenwärtig beliebte Methode des Lautdenkens und Lautredens, mag dem Urtheile Einsichtsvoller überlassen werden; den früheren Borstand aber des „vornehmen" Jgnorirens der durch den Antisemitismus geschaffenen Nothlage anzuklagen, muß — euphemistisch gesprochen — als höchst sonderbar erscheinen. Es würde mir alich nicht schwer fallen, auf die effektiv verdienstlichen Leistungen des Komitees hiuzuweisen, tvenn das Schwergetvicht der angeführten Namen mich nicht der Nothwendigkeit hierzri enthöbe. Briefe aus Amerika. Von Dr. G. Deutsch, Professor am Hebrew Union College in Cincinnati. II. Wir hätten von den» Gottesdienst zu dessen Trägern, den Rabbinern, überzugehen. Darin nun ist es Pflicht des Berichterstatters, ein in Europa weitverbreitetes Vorurtheil zu bekämpfen, das darin