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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-16 · Heft 38 (16.9.1892) · p. Seite 448

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
Seite 448 (sequence 4)
Language
German
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448 Handlung sich vollzieht. So wird auch der Dank nicht nur auf den Wohlthüter übertragen, sondern von ihm wieder auf den Dankenden znrückgestrahlt. Das ist der koniinnnalc Werth des Dankes. Auch bei diesem festlichen Anlaß soll sich der Dank als Trost bewähren in der Zeit der Sorgen und des Kummers, die so lange schon über uns lagert. Indem wir das 50jährige Doktor-Jubiläum dieses unseres hochverdienten Glanbensgenosscn feiern und in diesen „Worten der Tage" ihm danken möchten, soll uns das Beispiel seines Lebens und seines Wirkens zum Trost gereichen in den schweren Lcideir, die unser Ehrgefühl erdulden muß. Trost aber in öffentlichen Dingen, die das Heil einer Gesaiumtheit angchen, darf nicht Beschwichtigung, sondern muß Heilung sein. Heilung von unserem Seelcnschinerze wollen wir aus dem Beispiel unseres Jubcldoktors schöpfen lernen. Was ist cs denn ain letzten Ende, was wir als das eigentliche, radikale Mittel uns ausdenkeu können, um den Vandalismus, der unser» Glauben und unsere Gemeinde bedroht, zu besiegen? Besteht das Universalmittel etwa ausschließlich in dem politischen Fortschritt, in der fortschreitenden Organisation des Rechtsstaates? In der Befreiung einer wahrhaftigen Pflege staatsbürgerlicher Gerechtigkeit von der Heuchelei, der Lüge und dem Betrüge der lebendige» Organe der Verwaltung? Oder soll es von dem Fortschritt in der Entfesselung der kirchlichen Glaubenszwangs-Anstaltcn allein erwartet werden? Alle diese Faktoren geistiger und sittlicher Einsicht und Macht müssen mit- und müssen zusammenwirken; aber ob sie allein, wenngleich vereinigt, das Werk ausrichten können: das ist die große Streitfrage vom Wertste der Religion als lebendiger Kultur-Potenz. Historisch denkende Menschen suchen überall die Wechselwirkungen der historischen Kräfte, auch in den zweifelhaften und latenten Momenten, zu ermitteln. Daher mögen Solche auch den Kulturfaktor der Religion nicht unberücksichtigt lassen. Das Judenthum freilich wollen die Historiker von heute zumeist als einen solche» fortwirkendcn Kulturfaktor nicht anerkennen. Spinoza allenfalls lassen sic als Ausnahme gelten, und Mendelssohn vielleicht, als ob er nur der Zögling Lessings wäre. Der Wahn Schleiermachers, daß das Judenthum antiquirt sei, schmeichelt noch immer der modernen Kulturform, die genug zu thun hat, um sich gegen die ihr ureigenen Schlangen zu wehren. Wir aber behaupten mit dem die Wahrheit liebenden Berner: daß zur Entwickelung der religiösen Idee und somit zum ferneren sittlichen Fortschritte der Menschheit das Judenthum eine unentbehrliche geschichtliche Macht ist. Vom Vandalisnuis, der die Zelte Sems vertilgen will, befreit im letzten Grunde nur die Erkenntnis; und die Ueberzeugung, daß wir die Güter der Menschheit hüten, indem wir für die Ehre, das Recht und die Macht unseres israelitischen Gottesglaubens kämpfen. Was kann uns bei solcher Ueberzeugung jene Schmach anfcchten? Wir kämpfen gegen sie, wie wir überall gegen Menschenhaß und Gcistesverlemndung kämpfen müssen. Aber wir kämpfen in dem Glaubenscifer unseres Rechtes und wir leiden irdisch in der Hoffiumg unseres ewigen Sieges. Gegen die Feinde Israels hilft im letzten Grunde nur das Ehrgefühl des Israeliten von der Würde unsrer fortdauernden geschichtlichen Ausgabe. Wer dieses Ehrgefühl nicht hat, der mag uns verlassen — so leid es uns thun muß, daß er eine verwandte Glaubensgemeinschaft vergiftet und verhenchclt. Dieses i raelitische Ehrgefühl verkörpert sich in der ernsten, geschlossenen, festen Persönlichkeit des Doktor Neumann. Und wie sehr er in Einzelfragen des Gemeindewesens unser» Widerspruch herausfordert, darüber kann bei Allen, die von ihm rvissen, nicht nur bei Denen, dir dcir Schatten seines schönen Hauses lieben, nur eine Meinung sein: in diesem Manne wurzelt ein stolzes Kraftgefühl des jüdischen Rechtes, d-s Rechtes, welches dem Judenthum beiwohnt auf wissenschaftliche, soziale »nd politische Anerkennung seiner sittlichen Ebenbürtigkeit. Ein kraftvolles israelitisches Ehrgefühl kann nicht in eitlem Tändeln und Brüsten mit der jüdischen Stammes-Gloire bestehen; sonderir es muß sich in pflichtstrcuger Arbeit bewähren, in interkonfessioneller Kulturarbeit für die Berufswissenschaft, für den Staat und für die Gemeinde. „Suchet das Wohl der Stadt, in die ich euch verbannt habe, und betet für sie zum Herrn, denn in ihrem Wohle wird euer Wohl bestehen." Dieses Wort des Jeremia ivard der Wahlsprnch unseres Jubeldoktors. Und wie in den finstersten Zeiten des Mittelalters als Arzt der Jude geduldet und gesucht wurde, so hat Dr. Neumann als Arzt lind medizinischer Schriftsteller die Ehre des Judenthums als einer lebendigen Religioir behauptet und bewiesen. Jede Kulturreligion hat zwei Momente: das eine geht vorzugsweise das Individuum an, die seelische Bedrängnis; der Sünde und der Schuld. Das andere dagegen zieht das Individuum in die Gemeinschaft, ohne die es nicht gedacht werden kann. Dieses letztere soziale Moment begründet vorzüglich das Lebensiecht einer Religion. Eine Religion, die sich nur gegen Wucher-Verdacht zu vertheidigen vermöchte, bewiese ihre Existenzberechtigung nicht: sie muß ihre Bedeutung und ihr Berdicust für die Gestaltung und Verwandlung der Gesellschaft beweisen können, wenn sic nicht als ein Gespenst betrachtet werden will. Religiöse Gesinnung int lebendigen Kultnrsinnc ist daher gleichbedeutend mit sozialer Gesinnung. Es ist das beste Lob, welches man dem sogenannten praktischen Christenthum nachsageu kann, daß es in buchstäblicher und geschichtlicher Wahrheit vielmehr praktisches Judcnthuni ist. Denn was übrig bleibt, das Mönchthum mit seinem Zubehör, ist bekanntlich vonr praktischen Nebel. Diese echte, lebendige, soziale Religiosität hat Dr. Neumann in seiner gesammteir littcrarischen Thätigkeit durchgeführt. Er kämpft von seiner Jugendschrift an für den Gedanken, daß die medizinische Wissenschaft eine soziale Wissenschaft, und daß die öffentliche Gesundi heiispflege eine vornehmliche Pflicht der Staatsgesellschaft sei. Seine erste Schrift vom Jahre 1847: „Die öffentliche Gesundheitspflege und das Eigenthum" bringt diesen Gedanken zu klarster politischer Konsequenz, sowohl für die Association der Aerzte, um diese von dein Egoismus der Gewerbetreibenden zu befreien, tute nicht minder für den Arbeiter, dessen einziges Eigenthum seine Gesundheit sei. In solcher universellen Humanität, in solcher interkonfessionellen sittlichen Arbeit erwuchs unserem verehrten Glaubensgenossen dae religiöse Ehrgefühl, welches frei von Dogmenzwang und trotz allein Eigensinn rührender Pietät, auch über den Observanzenkultus erhaben schlechthin die Sache erfaßt, den ewigen Kern, die lebendige Jdcr unseres reinen israelitischeir Glaubens. Zu der Energie solches Ehrgefühls für die jüdische Gottesidc: und für die Vorfahren, die ihr Leben dahingaben für die Heilignm des göttlichen Namens, muß sich aufschwingeit, wer von der Angst vor den modernen Vandalen sich befreien will. Diese Freiheit von Furcht und Kleinmnth, von Zweifel und Akkomodationslust stellt uns in vornehmer Sicherheit, mit fröhlichem Spotte und in glühender Herzenstreue unser sozialmedizinischer Jubel doktor dar. Möge sein Beispiel noch manches Jahr unter uns in persönliche: Lebendigkeit wirken und leuchten. Diesen Segen wünschen wir unsere: Generation p seinem Ehrentage. U

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