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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-09-16 · Heft 38 (16.9.1892) · p. Seite 446

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 38 (16.9.1892)
Date
1892-09-16
Page
Seite 446 (sequence 2)
Language
German
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446 Um die Zahl der Getauften im deutschen Reiche mit muthmaßlicher Sicherheit zu ermitteln, kann man der Berechnung ganz unbedcneklich die preußischen Ziffern zu Grunde legen. In Preußen stiegen die Taufen progressiv unter dem Drucke des Antisemitismus von 70 in 1880 auf 700 in 1890, betrugen zusammen also höchstens 4,000, und in Deutschland — das gleiche Verhältniß vorausgesetzt — 6,000. Von der relativen Abnahme von 64,000 kommen auf die Laufen nur 6000, so daß ein Minus von 58,000 durch Geburtcnmangel zu erklären ist. Alle anderen an die Zahlen geknüpften Vermuthungen sind eben — Vermuthungen und beanspruchen keine größere Autorität, als Vermuthungen überhaupt beanspruchen dürfen. Die Tausmanie allein braucht uns keinen Schrecken einzujagen; ja, Wien hat viel mehr durch Taufen verloren und andere Städte Oesterreichs noch mehr, aber die normaleren Ueberschüsse der Geburten über die Todesfälle haben die Lücken wieder geschlossen, und die Statistik der Juden in Oesterreich zeigt für den Bestand des Judenthums keine Befürchtungen. Der Vermehrungsmangel ist eine sehr trübe, auf soziale» und anderen Verhältnissen beruhende Erscheinung, aber so beunruhigend wie Masscntaufen wirkt er doch nicht auf uns. Denn solche wären ein Symptom der religiösen und sittlichen Zersetzung, der Eharakterlosigkeit, die auf Heilung keinerlei Hoffnung mehr zuließe, während jene beängstigenden Wahrnehmungen mehr die äußeren Verhältnisse treffen, die sich hoffentlich ändern und bessern werden. U Nie Waffen nieder! Ein Brief an Frau Baronin Bertha v. Suttner. Berlin, 12. September 1892. Meine verehrte Frau Baronin! Oft und oft habe ich in den trüben Tagen, die uns dieser Sommer gebracht, jenes gleichfalls trüben und doch so schönen Februar- Nachmittags gedacht, da ich in dem kleinen Salon des Hotel Bellevue Ihnen gcgenübersitzen und Ihre begeisterten Worte für die Idee der Friedensgesellschaft anhören durfte. „Als wir den Champagnerschaum von den Gläsern bliesen", da verstand ich Ihren Haß und Ihre Liebe, Ihre große Mission und Ihr edles Herz. Und ich gelobte Ihnen, mich nach meinen schwachen Kräften ebenfalls in den Dienst dieser erhabenen Friedensidee zu stellen und auch meine Glaubensgenossen dafür zu begeistern. Nun ist der Sommer vorüber, der Herbst gekommen — ich aber habe nichts erfüllt von alledem, was ich Ihnen damals in heller Begeisterung gelobt. Da drängt es mich denn, Ihnen gegenüber offen ausznsprechen, was mich bewegt und erfüllt, wenn ich an die Mission jenes Februar-Nachmittags denke. Schon damals deutete ich Ihnen an, daß wir Juden dieser Idee der Friedensgesellschaft gegenüber uns in einer eigenthümlichen Lage befinden. Und Ihr verehrter Gatte, der ja als Präsident des österreichischen Vereins zur Abwehr des Antisemitismus die einschlägigen Verhältnisse — leider — nur allzu genau kennt, stimmte mir vollständig zu. Diese Lage ist folgende: Unser Herz ist bei Ihnen, unser Verstand zwingt uns, abseits zu stehen. So oft wir in deni letzten Dezeniliuni uns irgend einer Bewegung angeschlossen haben, wurden wir deshalb beschimpft und verdächtigt. Sind wir sparsam, nennt man uns geizig, sind wir freigebig, nennt man uns prahlerisch. Ziehen wir uns zurück, heißt es, wir bilden eine Enclave im Herzen Deutschlands, schließen wir uns an, so sagt man, wir seien zudringlich; wollen wir uns gar assimiliren, so ertönt rasch der Warnungsruf vor den drohenden Verjudung. Kurz, wie wir es machen, machen wir es unfern Gegnern nicht recht. Denn sie wollen ja gar nicht, daß wir es recht machen. „Daraus folgt," höre ich Sie im Geiste sagen, „daß Sie es eben recht machen und Ihren geraden Weg unbekümmert' gehen müsse!!, ohne auf die Feinde rechts und links zu achten." Ich bin ganz Ihrer Ansicht, verehrte Frau Baronin, und würde dieselbe unbedingt vertheidigen, befänden wir uns in ruhigen Zeiten, in Friedenstagen. Aber wir stehen im Kriege, mitten im Kriegeint einem Gegner, der kein Pardon kennt, der keinen Waffenstillstand annimmt, der nicht einmal irgend eine völkerrechtliche Konvention anerkennt, kurz, mit einem Gegner, der unsere Vernichtung um jeden Prei: erreichen will. In solchem Kampfe um unsere eigene bürgerliche und religiöse Existenz müssen wir alle Kräfte anspannen, alle Geister sammeln; da dürfen wir uns nicht zersplittern und nicht trennen, d» müssen wir nach Bundesgenossen in allen Lagern suchen. Und darum erscheint es mir wenigstens nicht rathsam — weder für die Frieden - idee noch für die Juden — wenn diese in solcher Kriegszeit ein wesentliches Kontingent zu den Friedensgesellschaften stellen wollten Ihmn würde man zurufen: Frauen und Juden bilden Eure Truppe! Ui: — gegen uns ist man ja gröber — würde man ein bekanntes Wort entgegenschleudern, das unsern Anschluß an Ihre Friedensidee vielleiwl gar auf die Scheu vor dem Pulvergeruch zurückfiihren würde. Und doch ist nichts ungerechter als gerade dieses Wort! Von den Tagen, da in der Ebene zu Emmaus Juda, der Makkabäerheld, mit 6000 tapferen Judäern das große Syrerheer mit mehr als 50,000 Mann in bie Flucht trieb, bis zu den heldenmüthigen Vertheidigern der CitadeR von Antwerpen, bis zu den tapferen jüdischen Kriegern, die bei Seda» und bei Metz, bei Königgrätz und Custozza für ihres Vaterlandes Elm gestritten, haben die Juden auf allen Schlachtfeldern des Gedanken: und der That gekämpft und geblutet! Der alte Göttinger Professor Michaelis verbrachte einst schlaflos- Nächte darüber, ob die Juden für den Militärdienst tauglich seien. Er hat es freilich nicht mehr erlebt, zu sehen, wie sein Volk in Hel! » Schaaren in den Krieg für die Freiheit von fremdem Joch auszez, und wie mit all' diesen Schaaren zahlreichejüdischeJünglingeundjüdijO- Männer freiwillig zogen, um die Schmach des Vaterlandes, das ihn- » damals noch alle bürgerlichen Rechte entzog, mit ihrem Herzblut ,» rächen. „Der Jude ist eher zum Krieger als zum Hausirer geboren," sngl ein großer ethnographischer Forscher sehr richtig. Und ich füge hinzu: Das Herz der Juden ist überall und jederzeit da, wo du Fahnen ihres Vaterlandes wehen! Doch wohin bin ich gekommen? Der Verkünderin des Frieden; spreche ich vom Kriege und von den Schlachten der Weltgeschickm Aber diese Abweichung war nothwendig, meine, verehrte Fru> Baronin, um das Folgende einzuleiten und allen Mißdeutung » vorzubeugcn, wenn ich sage: So freudig die Juden jederzeit du» Rufe des Kriegsherrn in die Schlacht folgen, ebenso freudig ihiö begeistert folgen sic aber auch dem Ruf der Herolde des ewigen Friede» :! Nur Kurzsichtige werden in dieser Acußerung einen Widerspruch sehn» Denn das Ideal des Judenthums ist nicht der Krieg um des Kriege; »Villen, oder etwa gar „als eine von Gott gesetzte Ordnung", sondee» der Patriotismus für eine gerechte Sache, die Liebe zum Vaterland-, der Krieg gegen das Böse und Schlechte, gegen die Erbfeinde der Menschheit, vor Allem aber und über Allem — der ewige Friede! Wenn Sie, meine geehrte Frau Baronin, heute in ein oberösterreichisches Dorf gingen und dort der nichtjüdischen Bevölkerung eine, wenn auch noch so populäre Rede für den ewigen Frieden hielten, ich fürchte, meine Gnädige, Sie würden bei all' Ihrer Redcgabe keinen Erfolg haben, kaum ein Verständniß finden. Wenn

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