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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-08-05 · Heft 32 (5.8.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 32 (5.8.1892)
Date
1892-08-05
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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glauben heutzutage nicht mehr an Wunder, aber es giebt heute noch Mirakel wie in den Vorzei tcn. 1. Betrachte ich als größtes Mirakel die Erhaltung des Menschengeschlechts; 2. das Fortbestehen von Abrahams Stamm, welcher im Juden verkörpert ist; wo sind die Völker der Vorzeit, die Römer und Griechen, die Teutonen und Germanen, die Aegypter und Assyrer, wo ihre Nachkommen zu findend Das 3. Wunder sind die zehn Gebote, ewig unwandelbar bestehen sie, wo andere Gesetze hinfällig geworden sind. Sie sind die Basis aller Religionsbekenntnisse, aller bestehenden Gesetze. Das Schlußgebet wurde von Rabbi Hecht von Milwaukee in eindrucksvoller Weise verrichtet. Am Nachmittag fanden sich Dr. I. M. Wise, Mielziner, Dr. Köhler, Dr. Moses Berkowitz, Levi und 'Andere im „Hebrew Orphan Asylum" ein und wurden dort von Herrn Tr. Baar und Gattin aufs Freundlichste empfangen und in dem zweckmäßig eingerichteten Gebäude herumgeführt; diejenigen Gäste, welche zum ersten Male das Institut besuchten, erklärten, daß der erste Anblick desselben einen wahrhaft überwältigenden Eindruck auf sie gemacht, welcher durch die praktische, zweckmäßige Einrichtung des Innern noch verstärkt wurde. Am Samstag Abend fand ein vom hiesigen Komitee arrangirtes Bang net zu Ehren der Mitglieder der Central-Konferenz statt. Das Liebesmahl war in Jägers eleganten Räumlichkeiten hergerichtet worden, und verlebten die Theilnehmer einige gemüthliche Stunden in leiblicher und geistiger Beziehung. Die Herren Kantoren Helfere und Sparger erfreuten und entzückten die Gäste durch den vollendeten Vortrag mehrerer Gesangspiecen. In der 4. Sitzung der Konferenz am Sonntag Morgen, welche, weil noch Vieles vorlag, schon um 0 Uhr eröffnet wurde, wurden alle vorliegenden Geschäfte erledigt. Die Proselytenfrage wurde dahin entschieden, daß alle alten Riten durch neue Formen ersetzt werden. (Sin Komitee wurde ernannt, das Hymnenbuch zu redigiren Die Kremationsfrage wurde dahin entschieden, daß es jedem Rabbiner gestattet sei, ans Wunsch der Angehörigen bei der Feuerbestattung den Trauergottesdienst zu verrichten. Nach Annahme verschiedener Vorschläge und Neuwahl der Beamten vertagte sich die Versammlung. Den würdigen Beschluß der dritten Central-Konferenz amerikanischer Rabbiner bildete die am Sonntag Abend abgehaltene öffentliche Versammlung im Tempel Israel in Hartem. Bueuos-Ayres, 10. Juni. Mit dem Dampfer „Baltimore" sind gestern hundertfünfzig Israeliten, meist Ansiedler der Kolonie Mauricio bei Neueve de Julio, nach Europa verreist, um sich von dort nach den Vereinigten Staaten zn begeben. Eine zweite größere Sendung wird Nachfolgen;- sie wird aus den überschüssigen Elementen der Kolonie Palacios bestehen. Zu dieser Rückwanderung bemerkt das hiesige „Argentinische Tageblatt": Wie das Unternehmen in finanzieller Beziehung sich stellt, kann uns heute nicht interesstren, in kolonisatorischer war es ein Fiasko. Der Umstand, daß Ackerbauer und dazu noch ^eute, deren Stellung ungleich günstiger war als diejenige anderer unbemittelter Einwanderer dieses Berufs, in so unhaltbare Lebensverhältnisse gerathen konnten, daß sie auswandern mußten, beweist, daß entweder die Vorbedingungen zu ihrem Emporkommen nicht vorhanden waren oder aber, daß sie als Ackerbauer untauglich sind. Das letztere kann nur Einzelne betreffen, im großen Ganzen kann den eingewanderten russischen Israeliten der Vorwurf nicht gemacht werden, daß sie zum 'Ackerbau untauglich seien. Somit fehlte es an den Arbeitsbedingungen, unter denen sie leben mußten. Diese waren nun in der That derart, daß nur ein Theil der nach den israelitischen Kolonien Versandten sich wirklich ansiedeln konnte An gutem Land scheint es wohl in Palacios, nicht aber in Mauricio gefehlt zu haben, und dennoch konnte sich Anlaß zur 'Auswanderung finden! Der Grundfehler, an dem das Besiedelungssystem litt, bestand eben darin, daß die Einwanderer nach den Kolonien gesandt wurden, ohne dort ihre Landloose, ihre Häuschen noch Brunnen bereit zu finden, um sofort mit der Feldarbeit beginnen zu können. Dazu bestand die Verwaltung der Kolonien nicht aus Leuten, die mit den landwirthschaftlichen Verhältnissen vertraut waren. So kam es denn, daß eine große Anzahl der Schützlinge des Barons Hirsch trotz vorhandener Arbeitslust gar nicht zur Arbeit kam, sondern lediglich auf Kosten des jüdischen Philanthropen ernährt werden mußte. Das System, unter der väterlichen Obhut einer Verwaltung die Leute anzusiedeln, hat sich nicht als zweckentsprechend erwiesen. Am guten Willen fehlte es allerdings nirgends, wohl aber am praktischen Verstä-dniß. Wenn der Baron Hirsch Lust hat — sie dürfte ihm aber vergangen sein — noch ferner israelitische Kolonien in Argentinien anzulegen, so verfahre er in folgender Weise: Er gebe seinen Schützlingen ausgemessenes gutes Land, gewähre ihnen Lebensmittelvorschüsse bis zur ersten Ernte, übermittle ihnen noch Feldgeräthschaften und Saatgut und — überlasse sie ihrem Schicksal. Im Falle einer Mißernte könnte er nochmals seine mild. Hand ausstrecken. Mit diesem System würden gewiß bessere Resulatc erzielt. Kon Vati und Fern. — Wegen Beleidigung des Ersten Staatsanwalts Baum gart und des Landgerichtsraths Brixius zu Kleve ist gegen den Redakteur des „Volk", O. Balla, und gegen den Inhaber der „Vaterländischen Verlagsanstalt", Redakteur Oberwinter, Anklage erhoben worden. Es handelt sich um Kritiken des Prozesses Buschhoff, die im „Volk" bezw. in einer Broschüre „Der Fall Buschhoff" erschienen sind. Di. Angeschuldigten beabsichtigen, einen großen Zengenapparat anfzu bieten, um den Beweis der Wahrheit anzutreten. — Herrn Stöcker ist wieder ein Unglück passirt. In einer Rede in Greiz hatte Stöcker behauptet, daß Professor v. Dettingen in Dorpat, welcher früher seine Bestrebungen gemißbilligt, sich nach einer persönlichen Zu sammenkunft >n Berlin mit Stöcker zu dessen Ansichten bekehrt habe. Dir „Landeszeitung für das Fürstenthum Reuß" hat darauf bei Herrn v. Dettingen selbst angefragt und von diesem den Bescheid erhalten, das; er die Stöcker'sche Sache nach wie vor ebenso beurtheilen müsse wir früher, und daß Stöcker am Schluß der Unterredung auch selbst diese'! Eindruck gehabt habe. — Das von Herrn von Stumm ungeschlagen Verfahren hat Nachahmung gefunden. Wie man uns mittheilt, haben mehrere angesehene Firmen am Rhein die Arbeiter ihrer Fabriken voi dem Besuch antisemitischer Versammlungen gewarnt. Zu gleicher Zen hat aber auch, wie der „Vorwärts" schreibt, das Agitatiouskomitee tmi Sozialdemokratie in den Rheinlanden die Herausgabe einer Broschüre gegen den Antisemitismus beschlossen. — Der Privatdozent am Polytechnikum in Aachen, Herr Dr. Stanislaus Zolles, ist zun- Professor ernannt worden. — In Wien starb am 24. v. M. im Alb: von 86 Jahren der Kalligraph David Prager. Der Verstorbene war ein Spezialist in der hebräischen Kalligraphie. Zahlreiche Votiv-Blätter und Schriftlettern sind nach dem Schriftsystem Pragers vorhanden. - Auf der diesjährigen Versammlung des deutsch-österreichischen Lehrerbandes in Linz forderte Bürgerschullehrer Jordan seine Kollegen auf, jederzeit an den Prinzipien wahrer Menschenliebe festzuhalten mir j Jenen den Rücken zu kehren, die den Lehrer als Werkzeug ihrer dem Rassen- und Klassenhasse dienenden zersetzenden Thätigkeit mißbrauchen wollen. — Die Pester israelitische Religionsgemeinde hat zu ihrem Hilfsseelsorger und Religionslehrer den Rabbiner und Prediger Dr. Julius Weißburg bestellt. — Zur Sch ächtfrage in der Schweiz hol das Initiativkomitee bereits 50,000 Unterschriften für das Begehren um Abstimmung über die Frage, ob das Schächtverbot in die eidgenössisch Verfassung aufzunehmen sei. Eine Abstimmung hierüber muß also stau finden. — In Rom ist vor Kurzem der Sektions-Chef im Krieg > ministerium, Kommendatore Giacomo Arbib im Alter von 54 Jahren, von denen er dreißig Jahre seinem Vaterlande mit dem Schwerte gediein hatte, verstorben. Dabei war er ein treuer Anhänger seines Glaubens. Das Ostendviertel Londons weist nicht weniger als 25,000 Personen, nämlich 10,000 Männer und 15,000 Frauen auf, welche das Schneide: Handwerk betreiben. Unter den Männern gehören drei Viertel, unter den Frauen ein Viertel der jüdischen Religionsgemeinschaft au — Baren j Jonas Vitta, welcher durch 50 Jahre in Lyon lebte, ist jüngst dvrl j gestorben. Derselbe war im Jahre 1820 in Casale (Italien) geborco und hat während seines Aufenthaltes in Frankreich seine italienisch Staatsbürgerschaft beibehalten. Zur Ehrung seines Andenkens Hahn die Wittwe und die Kinder desselben 150,000 Francs unter Arme mu1! an Wohlthätigkeits-Jnstitute ohne Unterschied der Religion vertheilt.! In Rumänien ist ein Fremdengesetz in Vorbereitung, dessen Zweck m, die Rechtsverhältnisse der nicht naturalisirten rumänischen Israeliten mir der ohne anderweitige Staatsangehörigkeit in Rumänien lebenden Fremden zu regeln. Man sieht, Rußland macht Schule. Druck und Verlag von Rudolf Molle in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: ÜRaj Bauchwitz in Berlin.

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