Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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2 A hl wardt zu leugnen, insbesondere eine Anzahl konservativer Parteigänger, welche nach Mittheitungen der „Frankfurter Zeitung" dadurch, daß sie die Sache des Rektors a. D. zu der ihrigen machten, arg kompromittirt erscheinen. L Berlin, 6. Juni. Gegen einen Kaufmann Drake schwebt seit längerer Zeit ein Strafverfahren wegen einer von ihm verfaßten Broschüre, in welcher er behauptet, daß seine Verwandten und von diesen engagirte Aerzte sich gegen ihn verschiedener Freiheitsberaubungen rc. schuldig gemacht haben. Kürzlich sollte in dieser Sache abermals vor dem hiesigen Schöffengericht verhandelt werden. Der Angeklagte lies; es jedoch nicht zur Verhandlung kommen. Er perhorreszirte den Vorsitzenden, Assessor Hey mann, weil derselbe Jude sei, während er selbst Antisemit sei. "Aus diesem Gruude mußte die Verhandlung vertagt werden. Unsere Leser wissen, das; die Strafkammern über diesen Grund der Perhorreszirung anders denken. /\ Aus Oberschlesien. Tie oberschlesischen Rabbiner beschlossen in einer Versammlung in Beuthen, der u. A. die Herren Rabbiner Dr. Blumenthal-Ratibor, Tr. E o hu-Kattowitz, Dr. Goldschmidt- KönigShütte, Dr. I affe-Mislowitz, Tr. Kopfstein-Beuthen, Dr. Krakauer-Leobschütz, Dr. Löwenthal-Tarnowitz und Dr. Muuz- Gleiwitz beiwohnten, zur Förderung der religiösen und pädagogischen "Angelegenheiten, zur Wahrung der StandeSinteressen und behufs wissenschaftlicher "Anregung sich zu einem „oberschlesischen Rabbiner- V er bande" zu vereinigen.!<. Hannover, 8. Juni. Ein hiesiger Buchhändler (Warnecke) war wegen Aus Hängens anti somit i sch er Bilderbogen in seinem Schaufenster polizeilicherseits zu einer Geldstrafe von 10 Mark verurtheilt, die Bilderbogen wurden beschlagnahmt und es wurde noch später von der Polizeibehörde ein Antrag auf Bestrafung wegen groben Unfugs gestellt. Der Berurtheilte hatte dagegen Berufung eingelegt und das Gericht hob in der Verhandlung die Verfügung der Polizeibehörde unter Uebernahme der gesummten Kosten auf die Staatskasse auf. Die beschlagnahmten Bilderbogen wurden zurückgegebeu. In den Urtheilsgründen wird ausgeführt, daß die Handlung des Angeklagten nicht unter die Bestimmungen der 0 und lo des preußischen Preßgesetzes vom Jahre 185] falle, da ein Schaufenster nid)t als öffentlicher Platz im Sinne des Gesetzes angesehen werden könne. Eine Bestrafung wegen groben Unfugs könne ebenso wenig erfolgen, da der Angeklagte lediglich aus Geschäftsinteresse, nicht aber um Klassenhaß zu erregen, den Verkauf der Bilderbogen übernommen habe, die übrigens auch mehr humoristisch gehalten, als geeignet seien, eine Religionsgesellschaft in der öffentlichen Meinung herabzusehen. — Das antisemitische Hetzblatt „Hannoversche Post" jubelt über dieses Urtheil, „durch das ihr Vertrauen zu der hiesigen Justiz völlig nnederhergestellt sei, sie weiß jetzt, daß sie gegen wirkliche jüdische Ausschreitungen geschlitzt ist, und weiter verlangt sie nichts". — Wie bescheiden! A .Hildesheim, 0. Juni. Bei der hier stattgefundenen Wahl wurde Herr Stadt- und Bezirksrabbiner Tr. "A. Lewinsky in Weilburg zum Landrabbiner gewählt; eine vorzügliche "Requisition! -AK- Bielefeld, 0. Juni. "Am 10. Juni findet hier der zweite ordentliche Gemeinde tag des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens statt. Die Tagesordnung weist einige Punkte von besonderer Wichtigkeit auf und läßt klar erkennen, daß in dieser Zeit der allgemeine;; Rechtsschwenkung unsere westfälischen Gemeinde;; sich den Sinn für Fortschritt und gesunde Reforn; bewahrt haben. Als Anträge, welche dieser Entwickelung dienen sollen, sind die Punkte (»—8 der Tagesordnung zu bezeichnen. Sie lauten: „Punkt 6: Antrag der Gemeinde Münster: „Der zweite ordentliche Geineindetag des Verbandes der Synagogen-Gemeinden Westfalens wolle beschließen, das; ein neu eiuzuführendes Gebet- und eventuell Gesangbuch in vorherrschend deutscher Sprache abgefaßt werde." Punkt 7 und 8: "Antrag der Gemeinde Herford auf Annahme folgender Resolution: „Die Wiederherstellung und Kräftigung des synagogaten Lebens in den westfälischen Gemeinden fordert mit Nothweu digkeit 1. eine auf Grund biblischer Ordnung vorzunehmende Verringerung der vieltägigen Feste, des Passah- und des Suckotfestes zunächst. Von dem ersteren wären der erste und der siebente, von dem letzteren der erste und der achte Tag fortan synagogal zu berückstchtigeu 2. Es ist dringend geboten, den Gottesdienst im "Allgemeinen kürzer, dafür verständlicher und wirksamer zu gestalten. Der auf diesen Prinzipien zu Herford eingeführte Gottesdienst hat sich als gute Neuerung erwiesen und wird er den westfälischen Schwestergemeinden zur Nachahmung empfohlen." Bei dem gesunden Geiste, der in den westfälischen Gemeinden herrscht, dürfen wir auf eine einstimmige Annahme dieser Anträge hoffen. Von den sonstigen Berathungsgegenständen heben wir besonders hervor den Punkt 3. „Beitritt zum Gemeindebnnde" und Punkt -1. Berathung des neuen Lehrplans für den Religionsunterricht. Der zugleich ausgegebene Verwaltungsbericht des Vorsitzenden beweist, wie sehr die Bildung des Verbandes einem Bedürfnisse entsprochen hat. Für die kurze Zeit des einjährigen Bestehens ist die Thätigkeit des Ausschusses eine außerordentlich erfolgreiche zu nennen. Ems, 4. Juni. Der vierte Bericht der „Emser Heilquelle" (Majne hajeschuoli), Unterstützuugsverein für arme jüdische Kurbedürftige, gipfelt wiederum in einem erfreulichen Rundblicke auf edles Wohlthun. 22 arme Kurgäste erhielten Unterstützungen in Höhe von zusammen 1140.86 Mk. Außerden; wurden zu wohlthätigen Zwecken 340.10 Mk. verausgabt. Die in diesen Zahlen ausgedrückten Ausgaben machen jedoch nur einen Theil der den Kranken gewährten Hilfe aus. Baares Geld wird nur solchen Kranken ausgehändigt, denen der Verein einen Zuschuß zu ihren Kurausgaben bewilligt; solche Kranke werden gewöhnlich auch von der Zahlung der Kurtare, Bäder, Inhalationen, ärztliche Behandlung rc. befreit. Diejenigen Kranken aber, welche ganz mittellos Herkommen, werden auf Kosten des Vereins während ihres ganzen Aufenthaltes vollkommen unterhalten und erhalten Inhalationen, Bäder, Trinkkur, Arznei rc. frei, eventuell auch noch freie Heimreise Für Einzelne wird noch freie Nachkur in einen; anderen .Kurorte ermöglicht. Die Behörden und Verwaltungen der verschiedenen .Knreinrichtungen, Bäder, Inhalationen, Malbergbahn re. erweisen fortgesetzt dem Vereine das weitgehendste Entgegenkommen; namentlich muß hervorgehoben werden, daß Herr Direktor Oueht, „Wohlthäter des Vereins", den Kranken auch in seinen; Privat- Jnhalatorium alle Arten der pneiunatlschen Inhalationen gratis gewährt. Am 23. Juni fand eine Generalversammlung statt. Au; Freitag den 10. Juli, Nachmittags 3—6 Uhr, wurde im großen Saale des Hamburger Hofes zum Besten des Vereins ein .Konzert veranstaltet. Die Gesammteinnahme für das Konzert betrug 462 Mk. 10 Pfg. die "Ausgaben 47 Mk. 80 Pfg. Oesterreich - Ungarn. * Wien, 20. Mai. Der Vorstand der hiesigen türkisch-israelitischen Gemeinde, hoch intelligent und jeden; Fortschritte gern und willig huldigend, hat nunmehr auch Mädchen-Konfirmationen in der Gemeinde eingeführt. Eine solch erhebende Feier fand heute, im Beisein eines zahlreichen distinguirten Auditoriums, in dem prachtvollen türkisch-israelitischen Tempel statt. Nachdem der Chor in Begleitung herrlicher Orgelklänge ein spanisches Lied intonirte, hielt Ehachan; Papo eine spanische Ansprache, in welcher er den Zweck dieser Feier auseinandersetzte. Sodann beantworteten die Konfirmandinnen die an sie vom Schuldirektor Herrn Em. Groag und den; Chacham "Alkalay gestellten Religionsfragen sowohl in deutscher, als auch in spanischer Sprache. Nun hielt Herr Direktor Groag die Konfirmationsrede, die sowohl in ihrer Diktion, als auch in ihren; Inhalte trefflich ansgearbeitet war und wahrhaft zündete. Die jungen Mädchen als auch das Publikum fühlten sich gehoben und erbaut. — Zum Schluß wurde der Segen in spanischer Sprache mit Orgelbegleitung herrlich vorgetragen. * Wien, 3. Juni. Die antisenütischen Studenten haben neuerdings wieder einen Skandal au der Universität aufgeführt. Als in der Aula am 24. v. M. das Ergebnis; der Wahlen für den Medizinischen Unterstützungsverein, welche mit einen; S;ege der freisinnigen Studentenschaft schloffen, vom Dekan Hof rat h Dr. Ludwig bekanntgegeben wurde, brachen die antisemitischen Burschenschaften in Pereatrufe ans. Auf energisches Einschreiten des Dekans verließen die antisemitischen Studenten unter neuerlichen Pereatrufen die Aula. Vor der Rainpe machten sie Halt, stinnnten die „Wacht an; Rhein" an, während seitens der Anhänger der freisinnigen Partei, welche zur linken Seite am Fuße der Rampe Posto gefaßt hatten, die Volkshynme gesungen wurde. Die Szene rief selbstverständlich bet den zahlreichen Passanten großes Aufsehen hervor. Nach Absiugung des Liedes zogen die Antisemiten unter stürmischen Rufen: „Hoch Schönerer!" „Nieder mit den Inden!" ab, und auch die anderen St;;denten zerstreuten sich.