Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227931-3227956--48901-3269562- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
56. Jahrgang. Nr. 24. iöerlin, 10. Juni 1802. Der Gemerndebote. HSeitcrge zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöenLHurns". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. Berlin, 3. Juni. Der Deutsch-Israelitische Gemeindebund versendet zu gleicher Zeit die Nummern 33 und 34 seiner „Mitteilungen". Die erstereu enthalten das Protokoll des sechsten Gemeindetages nebst der Präsenzliste, während die Veröffentlichung des Stenograunns der Reden für später'in Aussicht gestellt wird. Bei dem seiner Zeit verbreiteten Mißverständnisse bezüglich des Beschlusses über den „obligatorischen Religionsunterricht" erscheint es zur Beruhigung mancher Gemüther geboten, die betreffenden Beschlüsse hier nun in authentischer Form folgen zu lassen. Das Protokoll lautet: Der Antrag der Gemeinde Brandenburg: „Der Ausschuß des D.-J-G.-B. wolle Schritte thun, daß von Seiten aller jüdischen Gemeinden Preußens die Negierung durch Petitionen angegangen werde, den jüdischen Religionsunterricht an der: höheren Schulen obligatorisch zu erklären", wurde nach längerer Berathnng von dem Vertreter dieser Gemeinde zurückgezogen und au Stelle dessen ein Antrag des Herrn Dr. Friedländer-Potsdam: „Der sechste Gemeindetag erklärt die Einführung des jüdischen Religionsunterrichts als Unterrichtsgegenstand in den Lehrplan der öffentlichen Schulen für eine unerläßliche Forderung nud beauftragt den Ausschuß, die Frage, in welcher Weise dieser Anspruch wirksam zu verfolgen sei, zu prüfen und über das Ergebniß dem nächsten Gemeindetage zu berichten", zum Beschluß erhoben. — Dem Protokolle folgt der von uns bereits früher erwähnte Bericht des geschäftsführenden Vorsitzenden, der zugleich ein fesselndes und übersichtliches Bild der Thätigkeit des Bundes in beit letzten 4 Jahren bietet. — Die Mittheilungen Nr. 34 enthalten Kassenbericht und Listen. Das Vermögen des Bundes ist auf 109,611.06 M. gestiegen, wovon für allgemeine Bundeszwecke 23,036.18 M. verfügbar sind. Der Rest gehört dem eisernen Fond und den Stiftungen. Auf die einzelnen Posten des Rechnungsberichtes, sowie auf den Voranschlag für das Jahr 1892/3 kommen wir in nächster Zeit zurück. Die Listen weisen eine Vermehrung sowohl der ordentlichen wie der außerordentlichen Mitglieder auf. Der Ausschuß besteht zur Zeit ans 25 Mitgliedern; den Vorsitz führen die Herren Geheimer Sanitätsrath Dr. Samuel Kristeller in Berlin, Professor Dr. Moritz Lazarus in Berlin und Justizrath Josephthal in Nürnberg. □ Berlin, 5. Juni. Der Verein „Freunde der Taubstummen, Jedide Ilm im" hielt am 29. Mai d. I. im Lokale des Brüdervereins seine 8. Generalversammlung ab. Mit herzlichen Worten begrüßte der Vorsitzende des Vereins, Herr Geheimrath Dr. Marcnse, die erschienenen Mitglieder und ertheilte den: Dirigenten der israelitischen Taubstummen-Anstalt in Weißensee, Herrn M. Reich, zum „Bericht über die Thätigkeit des Vereins" das Wort. Redner weist in Kürze auf die Vergangenheit des Vereins und auf die erfreuliche Thatsache hin, daß der Verein nunmehr eine Anstalt, die allen pädagogischen und hpgienischen Anforderungen der Neuzeit entspreche, für die jüdischen Taubstunnnen im deutschen Reiche besitze; leider aber fehle es noch an Mitteln, um allen Anforderungen betreffs der Aufnahme von Zöglingen zu genügen. Gegenwärtig werden 25 Zöglinge — 16 Knaben und 9 Mädchen — von drei Lehrern und einer Lehrerin erzogen und unterrichtet. Die nächste Aufgabe soll es sein, weitere Aufnahme von Zöglingen zu ermöglichen. Mit einem Appell an den Wohlthätigkeitssinn der Glaubensgenosse:: schließt Redner. Den Kassenbericht erledigt der Rendant, Herr W. Löwenthal. Herr P. Bernhard aus Potsdam erstattet den Revisionsbericht, worauf die Generalversammlung dem Rendanten Decharche ertheilt. Ans Antrag des Geheimraths Dr. Marcnse wird einstimmig beschlossen, den Antragsteller und Herrn Geheimrath Dr. Kirstein zu ermächtigen, die erforderlichen Schritte zur schnelleren Herbeischaffung der Korporationsrechte für den Verein bei der Regierung zu unternehmen. Es erfolgte sodann die Wiederwahl des Gesammtvorstandes und die Wahl der Revisions-Kommission. Au Stelle des Vorstandsmitgliedes Herrn Stein, welcher znrücktrat, wurde einstimmig Herr Rabbiner Dr. Maybaum gewählt. * Berlin, 4. Juni. Recht ansehnliche Verbrnuchsziffern weist die „Israelitische Volksküche, Klvsterstrasie 99" während des ersten Halbjahres ihrer Wirksamkeit auf. Vom 30. November 1891, dem Eröffnungstage, bis zum 30. Mai 1892 wurden an arme Studirende und andere Nothleidende 21,749 Portionen ganz umsonst verabreicht. Entnommen wurden: 64,169 Mittagsportionen r>, 10 Pfg., 67,276 Mittags - Portionen ü 15 Pfg., 6946 Mittagsportionen;i 25 Pfg., 48,013 Abeudportionen -> 6 Pfg., 58,939 Portionen Kaffee resp. Thee 5 Pfg., 108,759 Brödchen ü 2 Pfg. Von mehreren edlen Menschenfreunden wurden anläßlich der Gedenktage theurer Verstorbener, sowie zur Feier freudiger Ereignisse Arnumspeisungen veranstaltet, und fanden solche auch bei Gelegenheit der jüdischen Feiertage, hauptsächlich aber am ersten Abende des Osterfestes, statt. Gesuche um Bewilligungen von Freitischen in der Anstalt, sowie um Verabfolgung von Freimarken zun: Abholen der Speisen aus dem Hause finb zu richten an Herrmann Abraham, Alte Jacobstraße 57/59. Ebendaselbst werden auch Beiträge für den Armen- Speisungs-Fonds, sowie Gesuche behufs Speisung Armer aus Anlaß feierlicher Gelegenheiten entgegengeuommen. Berlin, 6. Juni. Prediger Dr. Julius Landsberger, welcher mit dem Schluß des letzten Winterhalbjahres der von ihm gegründeten und geleiteten Friedrichstädtischen israelitischen Religionsschule das 70. Semester beendete, beging gestern in der Kaiserstraßen-Spnagoge die Einsegnung seiner Konfirmanden, 14 au der Zahl. Dr. Landsbergers Konfirmationen sind hier dergestalt populär, daß das mächtige Gotteshaus die Zahl der Andächtigen kann: zu fassen im Staude war. Es mag noch bemerkt sein, daß es auf den Tag 40 Jahre gewesen sind, als er zu Hirschberg in Schlesien, wo er zur Zeit Rabbiner war, seine erste Konfirmationsfeier vollzog. * Berlin, 8. Juni. Auf eine Anfrage an Barou Hirsch über dessen Befinden lief soeben die Drahtantwort ein, daß das Befinden des Barons sich wesentlich gebessert hat und er baldigst zu genesen hofft. jjgg Berlin, 5. Juni. Endlich hat sich auch die A hl ward t- Affaire zu einer Katastrophe zngespitzt. Am 29. Mai brachte der „Reichs- und Staatsanzeiger" in seinem amtlichen Theile folgende Erklärung des preußische:: Kriegsministers, Herrn von .Kaltenborn-Stachau: „Zur Broschüre „Neue Enthüllungen, Judenflinten I. und 41. Theil" wird hierdurch auf Grund der inzwischen augestellten Ermittelungen Nachstehendes veröffentlicht: 1. Die von der.Kommanditgesellschaft auf Aktien Ludwig Löwe & Co. hier für die Militärverwaltung gelieferten 425,000 Gewehre 88 entsprechen allen Anforderungen, die an die Kriegsbrauchbarkeit derselbe:: zu stellen sind. 2. Die sämmtlichen in der Broschüre angeführten, bei Truppen vorgekornmenen Sprengungen von Gewehren 88 betreffen nicht Löwesche Gewehre." Dieser auitliche Erlaß, dessen spätes Erscheinen eine Gewähr für die Gründlichkeit der vorgenounnenen Prüfung bietet, bringt für alle Unparteiischen die für uns längst zweifellose Entscheidung, daß wir es auch bei den „Judenflinten" nur mit einem gewissenlosen Attentat eines gewerbsmäßigen Verläumders auf die Ehrenhaftigkeit eines Inden zu thun hatten. Zum Ueberflnß ist Herr Ahlwardt auch noch in Haft genommen worden und kann nun wenigstens nicht mehr auf das Verhalten der Behörden als Beweis der Wahrheit seiner Angaben Hinweisen, wie er dies noch jüngst in Zwickau gethan hat. Nach diesen: vorläufigen Endergebnis; kann es nur noch erheiternd wirken, daß der „Herr Lieutenant der Reserve" Oberlehrer Förster in die Glaubwürdigkeit des Kriegsministers Zweifel setzt, und daß die antisemitischen Blätter eine rührende Klage darüber erheben, daß das „treueste deutsche Herz" nun hinter Gefängnißthüren schmachten müsse. Selbstverständlich versuchen nun alle diejenigen, denen an der öffentlichen Achtung noch etwas gelegen ist, ihre Verbindung mit