Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 24 (10.6.1892)
- Date
- 1892-06-10
- Page
- Seite 288 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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288 Kprechsaal. Sehr geehrter Herr Redakteur! Bei aller Verehrung, die ich dem Herrn Professor Dr. Steinthal zolle für seine hochinteressanten Artikel in Ihrer gefch. „Zeitung des Judenthums", kann ich doch nicht umhin, gegen eine Aeußerung desselben in Nr. 23 dieses Jahrgangs etwas einznwenden. Derselbe äußert nämlich daselbst in seinem Vortrag: Der Juden tägliches Gebet: „Der Kaddisch Jossom sei blos Sache des späteren Aberglaubens." Man kann aber dem hochgeehrten Herrn Verfasser höchstens zugeben, daß das Kaddischgebet ursprünglich nicht gerade für die J'ssvmim verfaßt wurde, aber man ist doch wohl auch zu der Annahme berechtigt, es sei, nachdem dieses Gebet einmal verfaßt wurde, den J'ssomim, ganz besonders denjenigen, die nicht vorbeten können, das ausschließliche Recht darauf zugesprochen worden. Der Grund davon, wie des Vorbetens der A'welim überhaupt, ist wohl der, um dadurch den verstorbenen Eltern den Beweis ihres Verdienstes zu erbringen, Binder erzogen zu haben, die zur Verherrlichung Gottes und des Judenthums das Ihrige beitragen. Es kann also von einem Aberglauben in Betreff des Kaddisch Jossom nicht die Rede sein, um so weniger, als nach der mich nicht zu bezweifelnden Behauptung des Verfassers: das Kaddischgebet nehme Bezug auf die messianische Zeit, zugegeben werden muß, daß die J'ssomim mit demselben in inniger Beziehung stehen, da doch die messianische Zeit, wie bekannt, auch die Auferstehung mit einschließt. Sollte der Jossom, der das Tahinscheiden seiner Eltern so tief betrauert, nicht das Anrecht haben, diese Zeit herbeizusehnen und dieser Herbeisehnung durch das Kaddischgebet Ausdruck zu verleihen 3 — Daß dieser Brauch schon sehralt ist, braucht wohl nicht erst gesagt zu werden, deshalb verachten wir ltnfcve Mutter nicht, dieweil sie alt ist (Spr. 23, 22). Vergl. Braehoth Ab sch. 9, Mischnah 5. Wollstei n, 29. Mai. A. Zimmermann. * Hochgeehrter Herr Redakteur! In Nr. 23 des „Gemeindeboten", vom 3. er. datirt, bringen Sie unter der Spitzmarke: „Hier können Familien Kaffee kochen", eine Notiz aus Berlin, welche doch mit einigen ironischen Zeilen nicht abgethan werden kann. Ich habe die Ehre, dem Vorstande einer Gemeinde an Osten anzugehören und muß gestehen, daß mir so wenig wie meinen .Kollegen daran gelegen ist, „ein wenig Vorsteher zu spielen", daß wir unsere mühevollen und opferreichen Aemter nur im Interesse unserer Glaubensgenossen übernommen haben, und daß wir gern unsere ganzen Institutionen unter Verzieht auf jedes Ehrenamt und jede Gegenleistung der großen Jüdischen Gemeinde überlassen würden. In der Notiz heißt es: „Wenn mau die Mittel nicht hat, um den 'Anforderungen zu genügen, dann ist es nicht erlaubt, Lehrer zu eugagiren :c. :c." Dieser Gedanke durchgeführt, heißt drei Viertel unserer Jugend ohne Religionsunterricht und den größten Theil unserer Glaubensgenossen ohne Andachtsstätte lassen. Wie vielen Knaben können die von der großen Gemeinde unterhaltenen Religionsschulen Unterricht gewähren? Und selbst wenn Alle Platz hätten, welchen Werth hat es für das Kind armer Eltern in der Gubeuer- oder Skalitzerstraße, daß in der Großen Hamburgerstraße Religionsunterricht ertheilt wird? Soll man denn stets die armen Glaubensgenossen in den Vorstädten fühlen lassen, daß alle Tempel und Religionsschulen nur für die Wohlhabenden vorhanden sind? So lange alle Stadtgegenden zu den Gemeindesteuern herangezogen werden, ist es auch die Pflicht der Gemeinde, Institutionen zu errichten, in denen man dem religiösen Bedürfniß genügen kann. Es ist sehrtraurig, daß zu diesem Zweck Bettelbriefe versandt und Vergnügungen veranstaltet werden müssen. Wenn Sie, geehrter Herr Redakteur, diesen Zeilen eines angegriffenen Vorstehers irgend welchen Raum gestatten wollen, so würden Sie vielleicht die Aufmerksamkeit weiter Kreise auf einen wirklichen tief eingreifenden Schaden lenken. Berlin, 3. Juni. A. Lewinsky, Schriftführer der Gemeinde B'ue B'rith. In meinem 'Aufsatze der vorwöchentlichen Immuner dieses Blattes sind folgende Druckfehler zu verbessern: Statt: Dr. F. Friedmann ist zu lesen: S. Statt: Voran wir ziehen: wird. Statt: „welches sich bei von Kleist findet und schon von Heinrich Simon bei Gamliel" ist zu lesen: „welches sich bei Heinrich v. Kleist findet und schon von Simon ben Gamliel." . . . Dr. Friedmann. Lublinitz, 3. Juni. * Miscrüen. * Waffentragende Juden im Mittelalter. „Responsen des R. Meier von Rottenburg (gest. 1293)." In diesem soeben erschienenen Werke des Prof. Bloch findet sich auf Seite 9 nachstehendes Responsmn des Letzteren. „Mit Rücksicht auf das talmudische Verbot, an Sabbath Waffen zu tragen, handeln unsere Brüder in Böhmen nicht recht daran, an: Vorabend des Sabbath Schwert und Schild zu führen (offenbar, weil sie hierdurch leicht dazu konnnen könnten, die Waffen auch bei Sabbathbeginn ncht abzulegen)." Das Responsum fährt sodann fort: „Wenn sie jedoch aus Furcht (vor einem Ueberfall) die Stadt bewachen, dann ist vielleicht das Waffentragen selbst am Sabbath religiös gestattet." — Aus dieser interessanten Entscheidung ist ersichtlich, daß die Juden Böhmens im 13. Jahrhundert, also vor mehr als 600 Jahren, Waffen trugen und an der Stadtwache sich betheiligten. Da im Mittelalter das Recht des Waffentragens nur freien Männern zustand, ergiebt sich hieraus die Nichtigkeit der Behauptung vieler Historiker, daß die Juden in Deutschland und Böhmen bis zu den schrecklichen Verfolgungen im 14. Jahrhundert als freie Männer anerkannt waren. * A me r i k a n i s ch e K u n stinaccn e. Frau Amelia B. Lazarus in New-Aort, die Wittwe des bekannten Portraitsmalers Jacob H. Lazarus, und deren Tochter, Frl. Emilie Lazarus, haben dem „Metropolitan Museum of Art" 24,000 Doll, zu einer Stiftung überwiesen, deren jährliche Zinsen zu je einen: Preise für einen in der Kunstschule des Museums herangebildeten Maler verwandt werden sollen. Diese unter dem Namen „The Jacob H. Lazarus' Travelling Scholarship" gegründete Stiftung j ist eine der größten ihrer Art und übertrifft durch ihren Preis den! bekannten „Rompreis" der „Aeadomie des Beaux Arts" in Paris, welcher I nur 800 Doll, beträgt. Jacob H. Lazarus war am 4. Oktober 1822 in New-Aork geboren und gehörte einer alten angesehenen Familie an. Seine kunstvollen Malereien erwarben ihm bald einen Namen und ein beträchtliches Vermögen. Er starb am 11. Januar 1891. * Ein jugendlicher Reisender. Vor wenigen Tagen langte in Lodz, wie die „Lodz. Ztg." berichtet, ein kleiner Hebräer, 6 Jahre alt, an, der allein die weite Reise von Paris zurückgelegt hatte. Er trug ein Plätteben an einer Schnur, auf welchem das Ziel seiner Reise angegeben war: „Chaie Weinstein, Krutkastr. Baluty. Russisch-Polen," und auf der Rückseite: „In Thorn hatte ich noch 15 Mk. 20 Pf., wovon ich 40 Pf. für Gepäck und Nüsse ausgegebeu habe." Der kleine Reisende hatte einen Sack mit Lebensmitteln bei sich und reiste ohne jegliche Begleitung, indem eine Bahn ihn der anderen übergab und so fort, bis er hier durch die Gensdarmerie der Polizei Libergeben nmrde, von wo seine Mutter ihn abholen sollte. Wie er selbst erzählte, ist er vor einem Jahre mit seinem Vater ans Lodz nach Paris gereist und schickt ihn dieser jetzt zur Mutter zurück. * Briefkasten der Redaktion. M. N. in S. Bei Nordin u. Josephson in Stockholm werden Sie das gewiinschte Buch erhalten. Tr. E. A. W. in W. In nächster Nummer. H. in A. Das ist nicht unsere Schuld. Die betr. Aufsätze sind uns zugesagt, aber noch nicht übergeben worden. Hoffentlich kommen sie noch. Zu 3: Ja, 1890, Folio-Format. P. in I. In dieser Form unmöglich, durch den dieswöchentlichen Sprechsaal schon erledigt. Druck und Berlag von Rudolf Masse in Berlin Verantwortlich für dre Redaktion- Mar Baucdwitr in Berlin.