Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 16 (15.4.1892)
- Date
- 1892-04-15
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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iu welchem die Großeltern des Judenkindes wohnen und in dem, verhängnißvoller Weise, in einem nach hinten hinaus gehenden Raume auch der Betsaal der Israeliten Port Saids — es sind deren etwa 15 Familien — sich befindet. Das vorerwähnte Gelaß war mit einem nur von außen zu öffnenden alten Schnappschlosse versehen, und die Kinder hatten in der Hast des Spieles die Thür geräuschvoll hinter sich zugeworfen: als sie sich gefangen sahen, begannen sie laut zu klopfen. Der: Vorgang hatten int gegenüber belegenen Kaffeehause beim Spiele sitzende und müßig umherlungernde Griechen, die unterste Hefe der Hafenstadt, bemerkt, und mit entsetzlicher Schnelle durchzuckte das Hirn der entmenschten Horde die wahnwitzige Kombination vom Osterfest, der Synagoge und dem rituellen Morde. Gedacht, gethan, stürmt die Menge über die Straße, dringt ins Haus und pocht an das Thor des Betsaals, in welchem gerade des Judenkindes Großvater, der 85 Jahre alte und erblindete Kaufmann Carmona, seine Andacht verrichtete. Tie im nämlichen Hause wohnende Frau desselben, der griechischen Sprache mächtig, vernimmt das anschwellende Toben des Mobs und dessen Verwünschungell; nichts Gutes ahnend, reißt sie die Fenster auf, vergeblich um Hilfe rufend, und sie eilt durch einen anderen Gang zn ihrem bedrohten Manne, fliegenden 'Athems ihm den Hergang erzählend ulld ihn anfellernd, die Kinder aus dem Gelaß zu holen, die unversehrte kleine Griechill der tumultuirenden Masse zu zeigen und damit die Grundlosigkeit der Verdächtigung darzuthun. Es war zu spät! Der zitternde Greis öffnet die Thür, sinkt aber auch schon im nämlichen Augellblick, von beu Knitteln seiner Angreifer zu Boden geschlagen, nieder. Wie die Autopsie ergab, hatten die griechischen Helden dem alten Manne sieben Rippen gebrochen, beide Beine total zerschmettert und vom zertriimlnerten Hirnschädel fand lnan fast keine Substanz mehr 'vor. Schon todt, lud man ihn auf einen Karren, um den Leichnam ins Hospital zu fahren: die Raubthiere mit dem gottähnlichen Antlitz ließen es sich aber am Geschehenen noch nicht genügen, denn als das erbarmungswürdige Gefährt an seinem Ziele antraf, ivar der Ermordete noch über und über mit großen Feldsteinen bedeckt. Seit der Zeit durchschwirren beständig Alarmgerüchte die Stadt, der Polizeichef war derzeit abwesend, und der Gouverneur erklärt, gegenüber allen Bitten um Schutz, in bündiger Weise, mit seinem geringen Militärkontingent wider die 5000 Griechen Port Saids machtlos zu sein. Selbst bei dein Begräbniß des Erschlagenen mußten 20 Mann mit geladenem Gewehr zur Verhütung von Exzessen den Leichenkondukt bis zum Friedhofe geleiten. Das sonst hier stationirte englische Kanonenboot ist wegen der zur Zeit stattfindenden Uebungen nicht am Orte." * Berlin, U. April. Daß die „Kreuz-Ztg." auf dem besten Wege ist, ein philosemitisches Blatt zu werden, oder es schon geworden ist, das nachzuweisen ist für Denjenigen eine Kleinigkeit, der sich die Logik, deren sich die „Kreuz-Ztg." zu bebieiten pflegt, einmal zu eigen machen will. Bei der Bemäntelung des kläglichen Rückzuges, den sie in Sachen des von ihr konstruirteu angeblichen „Nitualmordes" in Port Said antreten mußte, bezieht sich die „Kreuz-Ztg." auf die „englisch und französische Egyptiau Gazette", ein in Alexandria erscheinendes Handelsblatt, welches auffallend viele 'Annoncen von Markus, Meyer, Adlersohn, Worms und ähnlichen Geschäftshäusern zeigt, also wohl zu den ausgesprochen philosemitischen Blättern gehört." Die „Kreuz-Ztg." will so die Glaubwürdigkeit einer Zeitung verdächtigen, welche in einer den Antisemiten höchst unerwünschten Weise den Vorgang darstellt, der den 'Anlaß zu der Judenverfolgung in Port Said gegeben hat. Angesichts dieser Logik des Herrn v. Hammerstein haben wir einen flüchtigen Blick in die Spalten der neusten 'Ausgabe der „Kreuz-Ztg." (Nr. 171) geworfen, und was entdecken wir dort? Auffallend viele Annoncen von Cohn, Israel, Abraham, Baer, Lewin, Simon, Gerson, Grünfeld, Landsberger, Ehrenhaus, Bernstein, Benedikt, Hirschberg, Loewenberg unb ähnlichen Geschäftshäusern! Tie „Kreuz-Ztg." muß — nach ihrer eigenen Logik — „also wohl zu den ausgesprochenen philosemitischen Blättern gehören". Ja, Bauer, das ist ganz was 'Anderes! Ter Herr von Hammerstein mag keinen Juden leiden, doch feine Inserate nimmt er gern. Berlin, 14. 'April. Der zweiundsechzigste Jahresbericht der Alter Versorgungsanstalt der jüdischen Gemeinde für das Jahr 1801 weist ein Grundvermögen der Anstalt von 1,800,077.55 Mk. auf. Die Summe der Jahresbeiträge betrug l 5,010.50 Mk., die der Büchsengelder 10,400.78 Mk. Von der Gemeinde wurde ein Zuschuß von 0050 Ml. ^enöthigt. Die 'Ausgaben betrugen für die alte 'Anstalt 02,512.48 Mk., für die neue 34,385.10 Mk. Die Zahl der Hospitaliten betrug 163. —- Durch die Hochherzigkeit des Herrn Moritz Manhenner und seiner Gemahlin Bertha, geb. Lehweß, ist ein zweiter Anbau der neuen Anstalt errichtet worden, welcher am 1. April er. bezogen werden sollte. Derselbe ge währt Raum für 30 Hospitaliten. * Berlin, 14. April, Am 10. b. Mts. starb hier nach längerer Krankheit der Kommerzienrath Siegmund Levi, Theilhaber der berühmten Firma Gerson u. Comp. Der Verstorbene war eine allgemein bekannte und beliebte Persönlichkeit, eilt glaubenstreuer Jude, ein wob! thätiger Mann. Der Vorstand der jüdischen Gemeinde widmet ihm folgenden Nachruf: Durch das am 10. d. Mts. erfolgte Ableben des Königlichen Kvrmnerzienraths Herrn Siegmund Levi ist unsere Gemeinde von einem schmerzlichen Verluste betroffen worden. Seit dem Jahre 1879 bezw. 1882 dem Vorstande der alten Synagoge und der Armen Kommission unserer Gemeinde als Mitglied angehörend, hat der Ver klärte die ihm obliegenden Pflichten mit treuester Hingebung erfüllt uno durch die Biederkeit seines Charakters sowohl, als durch seine Herzens güte wahrhaft segensreich gewirkt. Sein Andenken wird von uns ftelv in Ehren gehalten werden. * Hamburg, 10. April. Vor kurzer Zeit versandten die anti semitischen Vereine an einen Theil der Reichstagsabgeordneten ein Cirkular, worin sie die Aufmerksamkeit auf den Fall Paasch lenkten und die Erörterung desselben im Reichstage verlangten. Ein solches Cirkular erhielt auch der Abg. Bebel als Vertreter des ersten Hamburger Wahl kreises durch den Vorsitzenden des hiesigen antisemitischen Wahlvereins. F. Raab, zngesandt, der darauf dem Letzteren folgende Antwort zukommen ließ: „Herrn F. Raab, Hamburg. Sie übersandten mir im Namen des antisemitischen Wahlvereins zu Hamburg ein Cirkular, worin Sie muh aufforderu, die Angelegenheit des Herrn C. Paasch im Reichstage zur Sprache zu bringen. Es fällt mir ans, daß ein solches gedrucktes Cir kular von Ihren Gesinnungsgenossen an einen größeren Theil der Reichstagsmitglieder versandt wurde, obgleich die von Ihnen Vertretern Richtung durch fünf Abgeordnete, und einschließlich des Herrn Stöcker durch sechs, ihre Vertretung im Reichstage hat. Wenn rum diese Herren — denen es doch nicht an der nöthigen Unverfrorenheit fehlt die von Ihnen gewünschte Angelegenheit bisher nicht zur Sprach: brachten, was doch ihre verdammte Pflicht und Schuldigkeit als Ver tretet Ihrer Partei gewesen wäre, so sollten Sie sich selbst sagen, das; in den Angaben des Herrn Carl Paasch gar Manches sein möchte, das ihre Erörterung erfolglos erscheinen läßt. Und das ist in der That der Fall. Ich hatte bisher von den auch mir zugesandten Büchern des Herrn Paasch feine Notiz genommen: erst auf Grund Ihres Cirkulars habe ich dieselben einer Durchsicht unterzogen und habe daun allerdings gefunden, daß die Anschuldigungen des Herrn C. Paasch gegen den deutscher: Gesandten in Peking auf Hallucinationen beruhen, welchem Uurstand der Verfasser wohl allein zu verdanken hat, daß er nicht mit der: Gerichterr Bekanntschaft machte. Daß aber Ihre Partei das Mach werk eirres geistig gestörten Menschen als politisches Frnktisizirungsmittet zrr benutzen trachtet, ist ebenso kennzeichnend für die „christliche" Moral und Wahrheitsliebe, die ihr zu Grunde liegt, wie für die Bornirtheit, die in ihr herrscht. Ergebenst A. Bebel." * Cöln, 9. April. Das Eentrum findet es zur Zeit wieder ein mal opportun, in Autisemitismus zu urachen. Aus diesem Grunde veröffentlicht die „Kölnische Volkszeitung" folgende „sieben Thesen zur Judenfrage": 1. Bei der notorischen Betheiligung des Judenthmns an der Ausbeutung der wirthschaftlichen Schwäche und Noth — an der Bekämpfung der katholisch-kirchlichen Interessen — an der Schwächung der religiös-sittlichen Grundlagen unseres Volkslebens — an der sozia listisch-revvlutionären Bewegung — muß das Judenthum als aggressiv angesehen werden. 2. Diese Aggression des Judenthums erscheint bei der geringen Zahl, irr welcher die Juden unter der christlichen Bevölkerung vorhanden sind, für diese christliche Bevölkerrurgin hohem Grade verletzend imb herausfordernd. 3. Ta bisher noch nichts Sicheres bekannt geworden ist, daß das Reform-Judenthum bei obenge nanntem aggressiven! Vorgehen vom übrigen Jndenthum in aufrichtiger Weise zurückgehalten, gehemmt oder auch nur abgeschüttelt worden sei, so besteht für die abwehrende katholische Presse keine zwingende Veranlassung, sich ausdrücklich nur gegen das Refornl-Judenthnm zu wenden. 4. Die 'Abwehr bethätigt sich vorerst und hauptsächlich