Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 12 (18.3.1892)
- Date
- 1892-03-18
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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-,6. Zalirgnng. «r. V2. fierllMl 'S> m*l *g$eU<x$e zur „Attgemeinen Zeitung des IuöenLHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Nc«tsch!nud. * Berlin, 15. Mörz. In der gestrigen Sitzung des 'Abgeordlietenhauses führte die 'Angelegenheit der Schule in Horde aufs Nene zu einer Debatte. Zunächst erklärte der Abg. Rickerl: Ter Minister hatte erklärt, obwohl er das Vorgehen der Negierung zu Arnsberg mißbilligte, daß die KathoUken nicht gut gu finanziellen Leistungen für eine evangelische und jüdische Simultanschule herangezogen werden könnten. Nach amtlichen Dokumenten, die mir vorliegen, kann ich versichern, daß auch nicht ein Pfennig von den Katholiken für die Unterhaltung der Simultanschule gezahlt worden ist. Woher mag der Minister diese unrichtige Darstellung habend Der zweite Punkt, den der Minister benutzte, um den Simultanschulen etwas auszuwifcheu, war der, daß nicht die Negierung der „schwarze Mann" gewesen ist, sondern daß „berufene Vertreter der Schule" den Wunsch nach 'Aufhebung der Simultanschute ausgesprochen hätten. Eine solche Anregung ist niemals gegeben worden (Hört! hört! links», vielmehr haben maßgebende Persönlichkeiten erklärt, daß, obwohl sie grundsätzliche Gegner der Simultanschule seien, sie keineswegs irgend welche Nachtheile anführen könnten. (Hört! hört! links.) 'Aus den Kreisen der Lehrer wird auf das Bestinnnteste versichert, daß ihrerseits keinerlei solche Anregung gegeben worden ist. (Hört! hört! links.) Ein interessantes Licht wirft aber ans diese Angelegenheit eine Verfügung der Negierung irr Arnsberg, welche lautet: „Allgesichts der mehrseitigen Störungen und Unzuträglichkeiten, welche sich aus der Verwendung eines jüdischen Lehrers an einer Schu'e ergeben, deren evangelischer Charakter (lach einem Erlasse des Ministers vom 27. Mai dieses Jahres einem Zweifel nicht unterliegen kann, und mit Rücksicht auf die einer christlichen Lehranstalt zu bewahrende Einheitlichkeit in der sittlichen und religiösen Gestaltung'des .Unterrichts (Hört! hört! links.) ist die Weiterbelassung des fraglichen Zustandes keinesfalls angängig. (Hört! hört! links.» Euer Hochwohlgeboren wollen demnach der städtischen Schuldeputation eröffnen, daß die erwähnte Maßnahme unwiderruflich zu Ostern nächsten Jahres, in Kraft zu treten hat." (Hört! hört! links.) Trotz dieses Schreibens hat der Minister gesagt, daß eine 'Anregung zur Aufhebung der Simultanschute nicht von ben Behörden ausgegangen ist. (Hört! hört! links.» Wie ist es möglich, daß eine Behörde in solcher Weise über eine Angelegenheit berichtet wird, welche die öffentliche Aufmerksamkeit in hohem Grade in Anspruch genommen hatV Hierauf erwiederte der Kultusminister Graf Zedlitz: „Im Fall Hörde will ich zunächst das Eine zugeben: die Katholiken haben die Kosten für die Schule nicht mitbezahlt; es ist ein'Jrrthum in meiner ersten 'Ausführung, den ich bedaure, der aber dadurch vielleicht verständlich ist, daß diese Behauptung in einer Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts voll Parteien aufgestellt war. Aber finanziell liegt die Sache doch nicht ganz so, wie sie hier dargestellt ist Die katholischen Bürger in Hörde beschweren sich darüber, für kommunale Schnlangelegenheiten bezahlen zu müssen, von denen sie keinen Nutzer: ziehen. Was die Ausschulung der 28 jüdischen Kinder betrifft — eine Maßnahme, die auch mir ganz sonderbar er- »cheillt — so will ich den Vorwurf ans mich nehrnen, den der Abg. Nickert gegen meine Behauptung gerichtet hat, daß die 'Anregung dazlt aus Hörde selbst, ausgegangen ist. Ich lehne ab, denjenigen zu nennen, der das gesagt hat. (Aha! links.» Die behördlichen Organe in Hörde haben es nicht gethan. Daß ich nicht in dieser Weise Schulpolitik treibe, wird allgemein bekannt sein. Mir liegt es fern, derartige Dinge gu machen.) (Hört, .hört! links.» 'Abg. Richter: Was die finanzielle Seite des^Hörder. Falls anlangt, so hatten früher die Katholiken viel höhere Beiträge für ihre Konfessionsschule aufzubringeu. Wie zmneist im Westen, stellen die^Katholikelst den weniger begüterteil Theil der Gemeinde dar. Daraus ist das Verlangen erwachsen, die Schulen auf den ] Etat zu übernehmen. Das ist ja heute allgemein so, daß man Konfes- > sionsschulen will, daß die Kosten aber von der Allgemeinheit getragen I werden sollen. Abg. Nickert: Ich muß wiederholt den Wunsch ans-; sprechen, daß der Minister seinen Gewährsmalln nennt. Wenn aus den! Kreisen der Lehrer die 'Anregung nicht gekommen ist, so fällt doch die! ganze Schlußfolgerung fort, die der Minister gegen die Simultanschulen! gezogen hat. (Sehr richtig! links.» Ich möchte noch ausdrücklich koni statiren, daß sowohl der königliche Landrath, als auch der Kreisschul-! inspeklor sich gegen die Ausschnlung der jüdischen Kinder ausgesprochen! haben. «Hört, hört! links.» Ich finde es aber geradezu unerhört, daß j eine königliche Negierung solche 'Aeußerungeu macht, wie sie in der von | mir erwähnten Verfügung enthalten sind. Das geht selbst über das j hinaus, was das Schulgesetz zuläßt. Wenn wir zu solchen Grundsätzen ' kommen, dann können wir einer vernünftigen Erziehung Valet sagen (Sehr richtig! links.) Kultusminister Graf Zedlitz: Ich bedaure, den Namen nid)t nennen zu können, auf dessen 'Angaben meine Beurtheilung der Sache sich stützt. Ich will die Verantwortung auf meine Person nehmen, wenn die Herren geneigt sind, meine 'Angaben für unzutreffend zu erachten. * Berlin, 14. März. Wenn auch Vorstand und Repräsentanten in liberalster Weise die Mittel für die Bedürfnisse des jüdischen Kranken-; Hauses bewilligen, so wachsen doch namentlich in Folge des überaus starken. Zuzuges armer Glaubensgenossen von Jahr zu Jahr die an die! Verwaltung herantretenden Ansprüche in dem Grade, daß denselben nur j noch genügt werden kann, wenn die Verwaltung aus den Kreisen unserer : Gemeinde - Mitglieder durch freiwillige einmalige oder jährliche Beiträge in den Bestrebungen unterstützt wird. Im Krankenhause verblieb am l. Januar 1691 ein Bestand von 140 Kranken. Im Lause des Jahres 1891 wurden neu aufgenonunen 1190 Kranke, in Summa 1270 Kranke- Bon diesen sind 50pEt. gratis verpflegt worden. Diese 1270 Kranke haben 46,t>44 Verpflegnngstage (.704 Tage mehr als im Vorjahre» erfordert. Die durchschnittliche Dauer der 'Anwesenheit eines Kranken in der Anstalt war 98 Tage 19 Stunden. Bei der Entlassung ans dem 1 KrankenHanse sind an Rekonvaleszenten 2798 Ni. 20 Pf. gezahlt worden. Von den von kranken Glaubensgenossen eingegangenen 1726 schriftlichen i Unterstützungsgesuchen sind 1100 mit Baarbeträgen von in Summa : 6987 Ni. 50 Pf. berücksichtigt worden. Die Gesuche um Gewährung I von Medikamenten, Wein, Milch, Bandagen, Brillen, Bädern und dergl. sind bereitwillig und nach Möglichkeit bewilligt, und es sind für diese j Zwecke in Summa 4770 Ni. verausgabt worden. In der mit dem; Krankenhause verbundeneil Poliklinik frunen 6109 Persollen mit einem Kostenaufwände von 9750 Ni. zur Behandlung. Diese statistischen Notizen? gewähren eine Uebersicht über die Leistungen der Verwattimg im letzten Jahre; mit Zahlen aber ist nicht der Umfang des Elends auszudrücken, welches sich in den Wohnungen unserer armell kranken Glaubensgellossen | innerhalb unserer großen Geuleinde vorsilldet. Insbesondere drängt sich dem Beobachter die schmerzliche Wahrnehlnung auf, daß die Schwindsucht in den betreffenden Kreisen in erschreckender Weise zunimmt. Es ergeht daher die dringeilde Bitte an alle edel gesinnten Mitglieder unserer Gemeinde, baldigst durch Zeichnung eines Beitrags gur Förderung dieses Li ebes lverkes beizntragen. Berlin, 19. März. Ter „Verein für jüdische Geschichte und Litteratnr" veranstaltete am Mittwoch den 9. d. M. seinen ersten Diskussionsabend im Architektenhause. Derselbe war sehr gut besucht ulld nahln einen in jeder Beziehung würdigen Verlauf. Das erste Referat hielt Herr Dr. Cassel über „griechische Bibelübersehinigen im Alterthum", zunächst über die Geschichte der Septuaginta nach griechischen und talmudischen Ouellen. An der sich anschließenden Debatte betheiligten : sich die Herren Dr. Mandelkern aus Leipzig, Tr. Joel Müller, i Dr. Michaelis, Lehrer 'Auerbach, Rektor Huth, Dr. H. Hildesheimer, j Dr. A. Kaminka n. 'A. Die Debatte drehte sich hauptsächlich u m die