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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-11 · Heft 11 (11.3.1892) · p. Seite 130

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 11 (11.3.1892)
Date
1892-03-11
Page
Seite 130 (sequence 10)
Language
German
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130 feinem, iit der Spandaner Straße belegeneil Hause und fragte ihn: »Was haben Sie, lieber Herr Mendelssohn? Sie sehen ja so besorgt aus!" — „Ja," antwortete er, „ich bin es auch! ich denke daran >vie es meinen Kindern nach meinem Tode ergehen wird, da ich meinen Kinder» nur wenig Vermögen hinterlasse." Bekanntlich sind diese Besorgnisse nicht in Erfüllung gegangen. Gottes Segen waltete sichtlich über den Nachkommen des großen Philosophen, von denen alle eine auskömmliche Existenz sich gründeten und einige sogar zu Fürsten der Geldaristokratie sich emporschwangen. Mendelssohns Haus war ein sehr geselliges, und seine Gattin verstand es, mit vollendetem Takt und größter Liebenswürdigkeit Gastfreundschaft zu üben. Es herrschte dort jene angenehme Geselligkeit, bei der jeder in der Familie Eingeführte ungeladen Abends erschien, so es ihm gefiel. Man fand dort Bekannte, wie sie dann der Zufall vereinigte; es ivnrde ein lebhaftes immer wechselndes Gespräch geführt; das Abendessen war einfach, wie cs die improvisicte Geselligkeit erheischte. So lairge die Familie Mendelssohn in Berliir lebte, nunsic eine Hanptträgerin dieser schönen Vereinigungsart der Menschen. Es gab fast leinen bedeutenden Menschen in Berlin oder die Stadt besuchenden ausgezeichneten Fremden, der nicht im „Salon" Mendelssohn gewesen wäre. Fromet Gngenheim beschenkte ihren Gatten inSgesammt mit nenn Kindern, von diesen starben zwei ganz klein und ein Knabe im Alter von zwölf Jahren, und leben blieben drei Söhne: Josef, Abraham und Nathan, und drei Töchter: Dorothea, Henriette und Recha. Die Söhne intcressiren uns hier weniger. Er ließ allen seinen Kindern eine ausgezeichnete Erziehung zn Theil werden. Während MoseS Mendelssohn noch mit allen Fasern seiner Seele am alten Jndenthni» festhielt und mit größter Gewissenhaftigkeit die Ritnalgesetze und sonstige talmndische Vorschriften befolgte, waren seine genannten drei Tochter bereits „Kinder der Welt" sie standen unter dem Einfluß der Romantik und schwuren mit ihrem Glauben auch die reinen alten Sitten ab. Sie traten ans der dumpfen Atmosphäre des Ghettos hervor und die frische Luft der neuen Zeit, die modernen Ideen über Franenrechte und Franenemanripation verführte» und korrnmpirten sie. Die älteste Tochter Dorothea hieß ursprünglich mit dem hebräischen Namen Brendcl (Veronika); geb. am 24. Oktober 17<>3 in Berlin, nahm sie in der Taufe den Namen Dorothea an, angeregt durch den von Friedrich Schlegel 1790 an sie gerichteten Brief: „lieber die Philosophie. An Dorothea." Erst 15 Jahre alt, heirathete das hochbegabte und dichterisch veranlagte Mädchen nach der Bestimmung ihres Vaters de» Bangnier Timon Veit-Witzenhansen. Der arme Mendelssohn! Er glarlbte, seine Tochter werde in dieser Ehe ihr Lebensglück finden. In diesem Sinn schrieb er am 27. Juni 1783 voll Freude an Herz Homberg: „Meine Tochter hat bereits am ersten Nissan ihre Heirath vollzogen. Bei dieser Gelegenheit ist Ihrer oft gedacht lvorden. Sie lebt mit ihrem unvergleichlichen Veit in einer gliicklichen Ehe, glücklicher, als wenn der Sohn des reichsten Mannes sich entschlossen, sich zu ihr herabzulassen." Obschon der Ehe mit ihrem Mann 7 Kinder entsprungen waren, trennte sie sich doch von ihm, als der Don Inan Friedrich Schlegel sich ihr näherte. Henriette Herz war es, die die Vermittlerin machte. Der Schritt läßt sich wohl psychologisch erklären, aber keineswegs entschuldigen. Die Nemesis ist übrigens nicht ansgeblieben. Die bittere Rene stellte sich ei»; unter ihren Papieren fand man eine eigenhändige Abschrift der klassischen Worte, welche Maria Stuart in dem gleichnamigen Schillcrschen Trauerspiel an Elisabeth richtet: Ich hole mcnschlich, jugendlich gefehlt. Die Macht verführte mich, ich Hab es nicht Verheimlicht und verborgen: falschen Schein Hab ich verschmäht mit königlichem Freimuth. Das Aergste weis; die Welt von mir, und ich Kann sagen: ich bin besser als mein Ruf. Es war ein wunderlicher Anblick, >vie Mendelssohns Tochter dem Papste den Fußkuß darbrachte. . . Sie mußte mit Friedrich Schlegel ein trauriges Wanderleben in Noth und Elend führe», lvurde von seinen Verwandten verächtlich behandelt und ihr betrogener und verschmähter jüdischer Gatte mußte ihr sein Mitleid znivenden, uni sie vor Hunger und Elend zn schützen. Wie Dorothea, so verheirathcte Mendelssohn auch Recha, seine zweite Tochter, frühzeitig. Sie vermählte sich mit dem mecklenburgischen Hofagenten Meyer. Aber auch diese Ehe hatte keinen Bestand und wurde nach kurzer Zeit schon wieder gelöst. Moses Mendelssohn war mit dem Vater seines Schwiegersohnes, dem herzoglichen Hofagenten Nathan Meyer in Strelitz, seit Jahren intim befreundet und erachtete es als ein großes Glück, daß dessen Sohn Mendel Meyer im, die Hand seiner Tochter warb. Dieser war ein fleißiger, biederer und rechtschaffener Mann, ein ruhiger Kaufmann unb besaß sehr viel Intelligenz. Doch paßte er zu Recha nicht, sie trennte sich von ihm, ohne sich jedoch wieder zn verhcirathen — wahrscheinlich weil kein Verführer ü In Friedrich Schlegel kam. Die dritte Tochter, Henriette, blieb nnverheirathet. Sie war nicht schon genug, um die Lebemänner des damaligen Berlin zu reizen, auch war sie ein wenig verwachsen, aber den Hellen, scharfen Verstand hatte sie von ihrem Vater geerbt. Gleich Recha, die nach ihrer Ehescheidung eine Pensionsanstalt für junge Mädchen in A l t o n a gründete, widmete sie sich auch der Laufbahn als Erzieherin, anfänglich bei ihrer Schwester in Strelitz, dann in Paris, wo sie in dem großen Garten des Fonldschen Hauses eine Pensionsanstalt leitete- Sehen wir »ns nun die Beziehungen Mendelssohns zn der Frauenwelt im Allgemeinen an, so finden wir, daß er mit mehreren namhaften und geistvollen Damen in regem und anregendem Verkehr stand. Seine geistreiche Nnterhaltnngsgabe, sein liebenswürdiges Benehmen, seine köstlichen Briefe unb wohl auch der Ruhm, dessen er sich in Folge seiner Schriften erfreute, gewannen ihm die bewundernde Verehrung hochstehender, schöner und feingebiloeter Damen. Besonders griff in sein Leben ein, die man als die „Egeria" der deutschen Dichter des 18. Jahrhunderts bezeichnen konnte, die an Geist, Gemüth und Scharfsinn gleich ausgezeichnete Freundin Lessings, Elise Reimarns, geboren am 22. Januar 1735 als Tochter des berühmten Schriftstellers H. D. Reimarns, dessen anonym durch Lessing herausgegebene „Fragmente" solch gewaltiges Aufsehen erregten, zeichnete sie sich schon frühzeitig durch ihren vornehmen Geist und ihre Vorliebe für berühmte Dichter und Denker ans. Ihr klarer Verstand befähigte sie in bevorzugter Weise zu besänftigender Theilnahme an dem, ivas ausgezeichnete Männer geistig bewegte. Beide hegten für einander lebhafte Sympathie. Mendelssohn nennt Elise in seinen Briefen: „thenerste Freundin", „theuerste Elise", „vcrehrungswürdige Schwester" rc. Er behauptete, daß Lessing ihn bei Elise zum Erben seiner Rechte eingesetzt habe. Ans einer Reise, ivelche sie im Frühling 1783 in Begleitung Campes und seiner Gemahlin nach Berlin unternahm, lernte sie Mendelssohn persönlich kennen. „Mendelssohn, meinen lieben Mendelssohn, sah ich gestern," schreibt sie am 25. März .1783 von Berlin an einen Freund, „er ist ganz, wie ich ihn mir dachte: unwiderstehlich einnehmend, durch die überall aus ihm redende Glnth des Herzens und hervorleuchtende

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