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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-03-04 · Heft 10 (4.3.1892) · p. Seite 110

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 10 (4.3.1892)
Date
1892-03-04
Page
Seite 110 (sequence 2)
Language
German
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110 Der Vslksschulgesichentrvurf und die Simultanschule in Nassau. Bon Dr. M. Silberstein. Welche mächtige, tiefergreifende Bewegung der neue Volksschulgesetzentwurf auch in alten preußischen Landestheilen hervorgerufen hat, so hat derselbe doch nirgends tiefer und »tüchtiger die Gemüther ergriffen, als in dem ehemaligen Herzogthum Nassau, in dem die Simultanschule, ein Werk eines aufgeklärten, hell denkenden Staatsmannes, des Herrn v. Jbell, als ein kostbares, werthvolles Erbe aus altnassauischcr Zeit, von der überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung hochgehalten und geehrt wird. Bon der Liebe und Anhänglichkeit eines großen Theils der Bevölkerung getragen, ist cs daher auch nicht zu verwundern, daß schon als der Goßler'sche Bolksschulgesetzentwnrs die Existenz unserer Simultanschule schwer bedrohte, Petitionen an den Landtag um die Erhaltung dieser der Bevölkerung an das Herz gewachsenen Institution gerichtet und mit massenhaften Unterschriften bedeckt wurden. Auch die jüdischen Mitbürger tvrirdcn zur Theilnahme an diesen Agitationen eingeladcn, und es ist begreiflich, daß sie, ganz und voll in der Bevölkerung stehend und air ihren Bestrebungen ihren ungeschmälerten Antheil nehmend, auch dieser Bewegung sich aus tvarmem Herzen angeschlossen haben. Sie thaten es als Bürger und hatten hierzu ihr volles Recht, zumal da ja die Frage auch unzweifelhaft eine finanzielle Tragweite hat. Anders aber lag die Frage der Bctheiligung an der Agitation für mich. Ich hatte, als die Frage an mich herantrat, in erster Reihe in Erwägung zu ziehen, ob denn die als Snnultanschule bezeichnete nassauische Schule, deren Existenz bedroht sein soll, in der That auch eine solche sei, und wenn ich mich so ausdrücken darf, der Inhalt auch der Etikette entspreche. Ich mußte mir uun aber sagen, daß die nassauische Simultanschule, insbesondere in ihrer gegenwärtigen Gestalt, einwandlos einen spezifisch christlichen Charakter an sich trage, lind ich darf daher den sachkundigen Lesern die Beantwortung der Frage überlassen, ob eine christliche Simultanschule noch in der That als Simultanschule anzusehen sei. Wahr ist es, daß, als manche deutsche Regierungen begannen, den Juden, insbesondere der Jugend ihre wohlwollende Fürsorge zuzuwcndeu, im Gegensätze zu den übrigen kleineren deutschen Ländern in denen jüdische Volksschulen begründet wurden, die nassauische Regierung darauf hielt, daß die israelitischen Kultusgemeinden ausschließlich nur Religiousschulen einrichteten, da die israelitischen Schüler ihren weltlichen Unterricht in den simultanen Konnnnnalschulen empfangen sollten. Für einen Lehrer israelitischen Bekenntnisses war dagegen an den nassauischen Simultanschulen niemals Raum, und cs wäre ein darauf gerichtetes Ansrichen als eine unberechtigte Zumuthung a limine znrückgewiesen worden. Vor wenigen Jahren kaiu der Religionslehrer einer Gemeinde meines Bezirkes in Begleitung des Vorstehers zu mir, um mir die erfreuliche Mittheilung zu machen, daß der Magistrat der Stadt ihin — ein Zeichen der Achtung, deren er sich unter den Bewohnern erfreut — eine in Erledigung gekommene Lehrerstelle au der Kommuualschule augeboten habe. Run wollte der Lehrer zum Regicrrmgsresereuten, um sich zu vergewissern, daß seitens der Regierung keine Schwierigkeiten zu befürchten seien. Ich mußte nun gewissermaßen den Beiden Wasser in den Wein gießen und ihnen bedeuten, daß ich, trotzdem wir in Nassau Simultanschulen haben, nicht an die Zustimmung, beziehungsweise Bestätigung der Regierung | glauben könne. Dennoch rieth ich ocin Lehrer entschieden, sich dadurch! vom Besuche des Referenten nicht zurückhalten zu lassen. Schon nach kurzer Zeit kehrte er, niedergeschlagen, mit der Antwort zurück, das: »ach der Mittheilung des Referenten an einer christlichen Simultanschule ein israelitischer Lehrer nicht angestellt werden könne. Ich beruhigte den Lehrer in ähnlicher Weise, wie einst Moses Mendelssohn sich getröstet hatte, als der König Friedrich der Große seine von der Akademie beschlossene Aufnahme nicht bestätigen wollte. „Es ist besser," meinte er, „der König verweigere meine von der Akademie beschlossene Aufnahme, als wenn umgekehrt, der König meine Ans nähme verlange und die Akademiker sie verweigern." Haben wir nun demnach eine Simultanschule, die für uns des Kampfes werth wäre? dürfte hier noch Mancher fragen. Und doch wohnt dem Worte Simultanschule ein wunderbarer Zauber inne, der schon oft seine guten Dienste geleistet haben mag. Hierfür ein Beispiel aus meiner amtlichen Praxis. Als vor mehreren Jahren in der Lehrerkonferenz einer öffentlichen höheren Lehranstalt, deren Lehrkörper ich, da ich in den höheren Klassen den Religionsunterricht ertheile, angehöre, seitens der Direktors der Antrag gestellt ward, jede Schulwoche mit einer Andacht für die christlichen Schüler zu eröffnen, erklärte ich, daß, so sympathisch ich auch diesem Anträge im Allgemeinen gegenübcrstehe. ich ihn doch in der Art, wie er gestellt ist, bekämpfen müsse. Den» sollen unsere israelitischen Schüler, die doch ein verhältnißmäßig grvßes Kontingent der Schule stelle», sogleich bei dem Beginne der Schulwoche das drückende, ja peinigende Gefühl empfangen, daß sie doch nicht als voll und ganz der Schule angehörig angesehen werden? Ich könne mir für eine Schule, deren Elemente gemischt seien, nur eine Art von Andacht als geeignet vo>-stelleu, die nämlich, welche einen allgemein menschlichen Charakter an sich trügt, die nicht das die Menschen Trennende und Scheidende, sonder» das sie Verbindende »ud Versöhnende in den Vordergrund stellt. Auf d e Einwendung des übrigens sehr wohlwollenden, tüchtigen und gerechten Direktors, daß sich das Religiöse doch stets in der Form eines bestimmten Bekenntnisses darstellen müsse, und daß eine Andacht ohne konfessionellen Charakter sich kaum abhalten lasse, erwiederte ich, daß es mir hierbei mehr aus das Wollen, als auf das Können anzulommen scheine, daß wir Alle dem Herrn Direktor die volle Fähigkeit zntraueu, durck eine Betrachtung oder ein Gebet die Herzen aller Schüler in gleicher Weise zu erwärmen, und daß sich überdies allein schon in einzelnen Psalmen, die ja allen in der Schule vertretenen Religionsbekenntnissen gemeinsam wären, unübertroffen, weil unübertreffliche Muster für solche Andachten darböten. Als nun nach längerer lebhafter Debatte, in deren Verlauf sich mehrere Lehrer, unter Betonung des simultanen Charakters der Schule, entschieden auf meine Seite stellte» die Frage zur Abstimmung gestellt ward, fiel der ans Einsührum einer christlich-konfessionellen Schulandacht gestellte Antrag in der einige zwanzig Lehrer umfassenden Konferenz nahezu einstimmig. Ich gestehe, das Ergebniß that mir wohl. Hatte sich doch de' Geist der Simultanschule in überraschender Weise geltend gemacht, ja, er zeigte mir, daß die Simultanschnle, selbst da, wo man sie ihre- Inhaltes berauben möchte, sich doch noch wirksam erweist, befreiend wirkt, befreiend von den finstern Geistern der Intoleranz und de Inhumanität. Im Innersten meines Herzens sah ich es darum dock nicht ungern, daß sich die Glieder meiner Gemeinde an de» auf du Erhaltung der Simultanschule gerichteten Bestrebnngen auch ihrer seits betheiligten und zweifle nicht, daß der Geist der Simultan schttle früher oder später die Schranken durchbrechen wird, die Geser »ud Gewohnheit ihr bisher gezogen haben. d

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