Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 56 (1892)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1892)
- Date
- 1892-02-05
- Page
- Seite 72 (sequence 12)
- Language
- German
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Mulh. Er lvagte nicht zu kämpfen und der Kaiserin tuaib der Sieg leicht. Um ganz sicher zu gehen, beschlas; man, den Zaren ,;u beseitigen. Ein Leibarzt bereitete ein Gifttränkchen, das ihm Graf Orloff in den Branntwein lhat, und als der Zar merkte, das; er vergiftet sei und nach Hitfc schrie, warf ihn Orlofs nieder, und Prinz Baratinsky und General Teplosf erdrosselten ihn mit der Serviette." „Abscheulich!" „Ja, Prinzessin, es waren große Schurken diese Russen." „Fahrt fort!" Die Kaiserin war nun Atleinherrscherin. Der Zar wurde mit großer Pracht begraben und die Zarin zeigte tiefe Trauer. Doch bald nachdem sie die Nachricht von dem Tode Peters III., durch ivelche» sie sich nun sicher fühlte, erfahren hatte, erinnerte sie sich auch Eurer. „Wo ist meine Tochter?" fragte sie Anna Jwanowna. Tie Kammerfrau suchte nach dem heiligen Herrn, aber er war nbgercist. Wie verzweifelt klagte die Kaiserin in ihren Gemächern im Winterpalast über den Verlust ihrer Tochter und Alles wurde angestrengt, um die Verlorene zu finden. Ich wurde dein heiligen Herrn nachgesaudt nach N'ieopol, aber als ich hinknm, war er schon nach Salonik geeilt. I» Salonik fand ich ihn ebenfalls nicht. Endlich erlangte ich ihn. Aber als ich glücklich seine und Eure Spur gefunden, hatte die Kaiserin Ursache, das Geheimnis; Eurer Geburt nicht zu enthüllen. Dann kamt ihr nach der Ukraine, wie Euch bekannt ist. Ich glaube, daß man Euch in St. Petersburg vergessen hat oder für todt hält." Eva konnte sich kaum fassen gegenüber den Eindrücken, ivelche sic alle mit einem Male empfing. Vor ihr cnüvirrte sich ein ganzes Netz von Jntrignen, welches sie bisher umschlang. Um Alles, was sie besaß, um Vermögen, Lebensstellung, ja um Vater und Mutter hatte man sie betrogen. Lange dauerte cs, bis sie nach den Enthüllungen Iwans ivieder einigermaßen gefaßt erschien. „Warum habt Ihr mich bisher immer über meine Herkunft getäuscht, warum habt Ihr mich durch erbärmliche Märchen irre geführt?" nicht ihre Unwissenheit, der Aberglaube ihrer Zeit an diesem Fehltritt Wie groß war nicht der Einfluß des Netzes von Jntrignen, mi welchen man sie von Jngcnd auf umgeben hatte. Wer waren die jenigeu, denen man ihr Schicksal anvcrtraut hatte? Betrüger, Abenteurer, Spione, die sic zuerst für Heilige und Auserwählte gehalten, deren ganzen Betrug sic aber nunmehr kennen gelernt hatte. Leute, die das Geheimnis;, welches ihre Person umgab, dazu benutzten, um Geld heraus zu pressen, sie selbst zur Helferin bei ihren religiösen Gaukeleien machten, ja ihr die wichtigste Rolle bei dem großen religiösen Gaukelspiel, das sich in Offenbach vollzog, anwiesen. Sie war in einer schändlichen Weise betrogen und hintcrgangen, sie war, ohne daß sie sich eigentlich ordentlich Rechenschaft darüber geben konnte, in eine Betrügerei verivickclt worden, an deren Wahrheit sie, umnebelt von einem ganzen Dunstkreis abergläubischer Vorstellungen, selbst lange Zeit geglaubt hatte. Was sollte sie thun, um sich loszumachen? Sollte sie es versuchen, mit derjenigen, von welcher sie nun wußte, daß es,ihre Mutter war, Beziehungen anzuknüpfcn, sollte sie die große Frau in St. Petersburg um Hilfe anrusen in der Hvffiiung, daß ihr diese vielleicht die rettende Hand reichen ioerde, um sic aus ihrem Jammer zu erlösen? — Das Alles 'wußte sie noch nicht. — Sie mußte es noch erwägen, denn diese Fragen bedurften reiflicher Prüfung. Eines aber war ihr klar, sie mußte selbst den ersten Schritt thun, uni sich ans der Gemeinschaft, in welcher sie sich befand, zu befreien. -Sie mußte sich lossagen von den Sektirern, unter welchen sie bisher gelebt hatte, sie mußte den Aufenthalt in einer reinen, unverdorbenen Atmosphäre zu gewinnen suchen. „Iwan," sprach sie zu dem Leibdiener Franks, den sie hatte kommen lassen, „verkünde den Gläubigen, daß nach meines Pflegevaters Tode mich nichts mehr unter Euch znrückhält. Ich entsage der Gemeinschaft mit Euch, weil ich zur Erkenntnis; gekommen bin, daß Euer Thun wider Gott und mein Gewissen ist." „lind Du wolltest von uns lasten, Emuna," sprach Jlvan, „jetzt, da der Herr tadt ist, und Du uns Führerin und Prophetin sein sollst?" „Der heilige Herr hat cs befohlen!" sprach Iwan gelassen. Iwan war ohne Zweifel vermöge des sklavischen Gehorsams, zu welchem die Anhänger Franks ihrem Meister gegenüber verpflichtet waren, nur einer der verächtliche;; Helfershelfer bei dem Betrüge, der an ihr begangen worden war. Den eigentlichen Urheber desselben konnte ihre Rache nicht mehr erreichen. Frank hatte sic, anstatt sie ehrlich und gewissenhaft erziehen zu lassen, herangelockt zu seinem Gaukelspiel und sie auf einen Weg geführt, auf welchem sie für immer verloren war. — Aber wie war es möglich, daß die .Kaiserin einem solchen Menschen das Schicksal ihrer Tochter anvertraute, fragte sie sich weiter, und unwillkürlich sprach sie zu Iwan: „Aber sprich, Iwan, ist Dir nicht bekannt, wodurch sich mein verstorbener Pflegevater das- Vertrauen der Kaiserin erwarb?" „Ter heilige Herr," sprach Iwan, „war der Günstling der Kaiserin, denn er berichtete ihr über die Pläne ihrer Feinde. Er enthüllte ihr die geheimen Absichten derselben. Er lvar ihr verborgenes Auge und Ohr tut Königreich Polen." „Er war der Kaiserin Spion, willst Du sagen?" fragte Eva. „Das Wort lautet zwar häßlich, aber man kann den heiligen Herrn so nenneu," antwortete Iwan. Eva dachte über ihre Vergangenheit nach. Sie war sich bewußt, daß ihre Schuld groß lvar. Aus gekränkter Eitelkeit und Mißtrauen in dem Glauben, das Vertrauen der ihr wohlgesinnten Freundin verloren zu haben, hatte sie die Gräfin Lnbomirska verlassen und war zu ihrein Pflegevater zurückgekehrt. Aber wie viel Schuld trug „Ja," antwortete Eva, „ich habe mich entschlossen. Widerrede hilft nicht. So Ihr versuchen solltet, mir Hindernisse in den Weg zu legen, werde ich de» Schutz des Fürsten anrufen." „So leb denn wohl, Emuna, leb wohl," jammerte Iwan und küßte ihr in tiefster Unterwürfigkeit den Saum ihres Kleides. Eva wandte sich von ihm ab. Der alte Betrüger, der frechste Helfershelfer in dem Gaukelspiel, das man an ihr verübt, lvar ihr ein Gegenstand des Ekels und des Abscheus. Er war für sie ein lebender Beweis, wie hinter der Maske eines ehrwürdigen Kreises oft ein ganz gemeiner Schi rke verborgen steckt. Eva begab sich in ihr Gemach. Mit einer Kammerfrau, deren Zuverlässigkeit sie erprobt hatte, packte sie ihr persönliches Eigenthum ein und verließ unbemerkt mit ihr, nur noch von einem Diener begleitet, das alte Schloß. In der Aufregung, ivelche der Tod des Propheten verursacht hatte, achtete man ihrer nicht. Die gesammtc Gemeinde war mit Vorbereitungen zu dem feierlichen Leichenbegängnisse beschäftigt. Betend nmstandeu die Gläubigen den Sarg, in welchem der Messias aufgcbahrt lvar, und Tag und Nacht vernäh»! man die Klagegesänge der Trauernden. Truck und Verlag von Rudolf Moffe in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Mar Banchwitz in Berlin.