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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1892-01-22 · Heft 4 (22.1.1892) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
56 (1892)
Issue
Heft 4 (22.1.1892)
Date
1892-01-22
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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1 Machtspruch des russischen Zaren, sich des Genusses ihrer Menschenrechte erfreuen föiuteit, in den Stand zu sehen, auch fernerhin seiner selbstgestellten Ausgabe nach Straften nachzukonunen. In dem Aufruf heißt es, daß im laufenden Jahre etwa 7500 russische Flüchtlinge hier gelandet sind, non denen ein Drittel die Mittel entbehrte, von hier aus Gegenden aufzusuchen, die ihnen Gelegenheit zu lohnendem Erwerb gewähren Dazu war ihnen das genannte Komitee behülflich, aber jetzt sind'seine erschöpft. Allerdings haben wohlhabende hiesige Menschenfreunde schon Tausende und aber Tausende zu diesem Zweck aufgebracht, allein die Anforderungen, die an das Komitee gestellt werden, mehren sich von Woche zu Woche, und deshalb erachtet dasselbe die Weihnachtszeit als den geeignetsten Zeitpunkt, sich an alle Amerikaner, ohne Unterschied der Herkunft, der Religion und der Rasse zu wenden mit der Bitte, um eine Beisteuer zu dein oben angegebeneil Zweck. Der Aufruf hat bereits namhafte Früchte getragen; bis Mittwoch waren für den „Transportation Fund" bereits 75,000 Dollar gezeichnet lind voraussichtlich werden die Subskriptionen vor 'Ablauf der Festtage die Ziffer von 100,000 Dollar überschritten haben. Auf dem am Montag aus Havre im hiesigen Hafen eingetroffenen französischen Dampfer „La Gaseogne" befanden sich siebzig aus Rußland ansgewiescne und von der Pariser jüdischen Wohlthätigkeits-Gesellschaft hierher gesandte russische Erilirte. Da dieselben ohne jegliche Geldmittel hier eintrasen, wurde ihnen vorläufig die Landungs-Erlaubnis; verweigert und werden sie wahrscheinlich nach Havre bezw. Paris zurückgesandt werden. Ursprünglich sollten dieselben von dort aus nach Argentinien befördert werden; auf ungünstige, voll dort alls in Paris eingetroffene Berichte hin hatte jedoch das Pariser Komitee anders über sie disponirt. S£2 New-'))ork, im Januar. Bon der Jargonzeitschrift für die in Amerika angesiedelten jüdischen Kolonisten liegen nun die ersten beiden Hefte i November und Dezember) vor. Die Monatsschrift nennt sich: „Der jüdische Farmer. Monatliche Zeitschrift für lmldwirthschaftliche Kolonisation", kostet pro Nummer 2 Cents und behandelt in äußerst populärer urld geschickter Form alle einschlägigen Fragen. Die ständigell Abtheilungen der Zeitschrift sind: Leitartikel über Fragen der jüdischen Kolonisation, Korrespondenzen aus den Kolonien, Geschichte der jüdischen Koloilisatioil, populäre landwirthschaftliche Artikel zur Belehrung der jüdischen Farmer, Mittheilungen über Geschichte, Gesetze und Sitten der amerikanischen Bevölkerung, Rathschläge und Auskunft für das Haus illld die Familie, Briefkasten und Annoneell. Von Und und Fern. In jüngster Woche ist hier die neueste Schrift des Rektors Ahlwardt „Jüdische Taktik" auf Grund eines Beschlusses des Amtsgerichts l. mit Beschlag belegt worden. Nachlnittags gegen 1 Uhr erschien in der Berlagshandtullg ein Polizeiwachtineifter in Begleitung zlveier Kriminalbeanltell und holte die noct) vorhandenen Exemplare ab. — In Breslau ist eine Komillissioll ails Mitgliederuder Vereine zur Fürsorge für entlassene Gefangene, sowie ans Vertretern der jüdischen Gemeinde zusanuuengetreten. Zweck dieser Kominission ist: Entlassenen Gefangenen ohne Unterschied der Religion, des Geschlechts und 'Alters bei ihrer Entlassung aus der Haft, sofern sie darum bitteil und dazu geeignet erscheinen, durch Vermittlung von 'Arbeit und Unterkommen den Uebergang zu einem ordentlicheil Lebenswandel in der ineilschticheil (Gesellschaft zu erleichtern, um sie dadurch zu bessern und vor Rückfall zu bewahren. — In erhebender Feier fand in Ebers walde die Einweihung der nellerballten Synagoge statt, zil welcher sich allster sänlintlichen Mitgliedern der Gemeinde atnb zahlreichen auswärtigen Glaubensgenossen Vertreter der Behördeil, der evangelischeil und katholischen Geistlichkeit, der Schuleil?c. in dem prächtigeil Gotteshause eingefnuden hatten. — Tie „Leipziger Zeitung", ein anttliches Organ der sächsischen Regierung, welche voll jeher antisemitisch angehailcht war, ist neuerdings vollständig iils antiseinitische Lager übergegailgeil. Sie bracl)te dieser Tage einen Artikel, in welchem der Ton der ärgften AntisemitenbläUer angeschlageil und ganz llnverblüiilt zuin „Kampfe gegen das Jndenthum" aufgefordert wird. -- Der b a d i sch e O b e rra t h d er I s ra e li t eil hat säliliiltliche größere Geiiieindell des Laildes durch Rilndschreibeil allfgefordert, zu berichteil, ob llild iil ivelcher Hohe Eiilkailfsgelder von neuen Mitgliedern erhoben wordeil llild auf Grund welchen Gesetzes oder ivelcher Verordnung die Erhebung erfolgt. Wie es scheint, ist eine Neuregelung dieses Gegeü standes beabsichtigt. — Die Handelskammer in Mülhausen (Elsa^ hat Herrn Lazarus Lantz, Präsident des israelitischen Konsistoriuuv des Ober-Elsaß, zum Vizepräsidenten gewühlt. — Frau Tr. Antonic Passauer, Gattin des Arztes Tr. Passauer in Wien, hat zum Andenken an ihren kürzlich verstorbenen Oheim, Herrn Ignaz Leidesdorf, der sie zu seiner Universalerbin eingesetzt hat, den Betrag von fl. 50,000 z u wohlthÜtigen Zwecken gewidmet. — Von der Moral der Antsemiten liegen heute folgende Proben vor: 1. Der Postmeister von Schwarzerlau, bei Krenls, Friedrich S p r i n g e r, ist wegen U n t e i schlagung von Amtsgeldern in der Höhe von 4000 fl. verhaft.! worden. Springer ist der Führer der Antisemiten seines Wohnortes. 2. Der Hauptkassirer der Budapester Ersten vaterländischen Sparkasse. Herr Piuffich, hat mehr als eine Million Gulden gestohlen, sich sodann angesichts einer Kassenrevision erschossen und wurde bei großn B e t h e i l i g u n g in einem mit Kränzen reich geschmückten Sargc und mit bent Pompe eines Leichenbegängnisses erster Klasse begrabe Des Räthsels Lösung liegt in der Thatsache, daß der Budapester D. fraudant nicht blos seit je ein wüthender Antisemit war, sondern zll dui Hauptakteuren beiln Drama Tisza-Eßlar gehörte. — Am 2\. d. beging der Nestor der Prager Kapellmeister Herr Eduard Tai w itz in voller Rüstigkeit des Körpers und Geistes sein 80. Wiegenfest. Ter Eentralvereill zur Pflege jüdischer Angetegellheiten in Prag versendet den Jahresbericht über seine Wirksamkeit im Vermal tungsjahre 1800—01. Wie in den vorangegangenen Jahreil, so war üc auch im letztverflossenen Jahre, Dank seiner vortrefflichen Organisation nnb dem Eifer, mit dem die Mitglieder des Ausschusses und jeder ein zelnen Sektion, allen voran der Obmann Herr Sigmund Maut htm und der Geschäftsleiter Herr JUDr. Friedrich Dusch enes, best re n waren, der guten Sache zu dienen, eine sehr ersprießliche. Ein Gesamun bild dieser segensreichen Wirksamkeit bieten der dem eigentlichen fina i zielten Ausweise vorallgeschickte Geschäftsbericht mit» die Berichte d n einzelnen Sektionen des Centralvereins. Ter Eentralvereill hat feiiu n Wirkungskreis erweitert und feine Sektiollen im Vorjahre urn eine nem, welche sich die Herallbildllng israelitischer Krankenpflegerinnen zur Aufgabe macht, vermehrt, so .daß er nunmehr sieben Sektiomn zählt, von denen jede einzelne sich in ihrer Wirkungssphäre beweg!, alle jedoch im Gesammtausschllsse ihrell Centralisationspliukt finde i. — Dem Präsidenten des israelitischen Kullusraths in Lemberg, Hrn. Samuel Horowitz, ist das Ritterkreuz des Franz-Joses-Ordens veliehen wordeil. — Die Auswanderung der Judell im Gouvernemem W i tlla nimmt weiter zll. In den letzten drei Monateil betrug Mo Zahl derselben 24,000. — Ein Engländer namens Jacob Bitter', welcher einen regen Handelsverkehr nach Venezuela unterhält, ist dies-1 Tage aus Caracas in London eingetroffen und berichtet, daß die veno zllelanische Regierurrg sich bereit erklärt hat, beit ausgewiesenen r ll s s' s ch e ll I il d e n in ihrem Lande Aufnahme zll gewähren. Im Dorfe K iel o ein, Gouvernement Wolhynien, wurde, wie mrs Warscho.il telegraphisch gelneldet wird, ein wohlhabender jütischer Schenkherr, Szmierels, dtachts fammt seiner Familie, im Ganzen aus sieben Köpsui bestehend, voll Ballern angeblich aus Religivnshaß ermordet. Do' Blörder wurderl von der Polizei ergriffen. — I erusalem wurde jüngü voll heftigem Regen und gleich darauf folgendem lmgewöhntich stark-.n Schileefall heim gesucht. Das strenge Wetter hat viel Elend unter bcn Jllden, insbesandere ullter bcn rllssisch en E i ll w a n d e re r n verursacht In Kilnberkey fand vor einiger Zeit eine zahlreich besuchte Versamin lulig unter Vorsitz des Bürgermeisters statt, welche den Zweck hatte, du' Sympathie für die russischen Juden praktisch zu bethätigen. Allste dem Bürgermeister sprachen auf derselben fast nnr noch Geistliche tcv englischen Hochkirche, der Dissidenten, der Katholiken und Juden. ernsten und beredten Ansprachen hatten den erfreulichen Erfolg, daß s -r den russischen Ullterstützungsfolld sofort 5000 Mark durch Subskription gezeichnet wurden. -0. Truck lind Verlag von 'JhibtOi in Berlin Verantwortlich für die Redaktion-. Mar Bau cbm. t; in Berlin. i

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