Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 2 (19.1.1890)
- Date
- 1890-01-19
- Page
- Seite 29 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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ss IIoffen Geschichtsschreibung. Der Mann ist so national, daß er selbst „eine deutsche Rinderheerde" von jeder anderen unterschieden sieht, und doch erkennt er wiederum die Bewohner der deutschen Reichshauptstadt als „affenähnlich" an, da doch die Affen ein sremdländisches Thier sind. Gutzkow aber weiß er nicht besser zu stigmatisiren, als daß er ein „echter affenähnlicher Berliner" gewesen, der keine deutsche Rinderheerde gesehen. Wie mag sich der Herr Professor über diesen Witz ins Fäustchen gelacht haben! Er zählt auch David Strauß zur Sippe des »jungen Deutschlands" und sagt von ihm: „Er zählte zu jenen tief unglücklichen Talenten, die sich in absteigender Linie entwickeln; sein erstes Buch blieb sein bestes, und wenn ihm seine orthodoxen Gegner, selbst der milde Perthes, voraussagten, er werde ein schlechtes Ende nehmen, so haben sie schließlich doch Recht behalten." In solchem Tone von einem Manne wie Strauß zu sprechen, bezeugt doch eine sehr geringe Achtung vor der Wissenschaft, welche die verschiedensten Richtungen auf ihrem Gebiete birgt, so daß selbst ein Treitschke nicht fordern darf, jede derselben solle ihm gefallen oder der Verdammniß anheimfallen. Auch wir stimmten mit den Ansichten des großen Kritikers oft nicht überein und waren der Erste, der seinem „Alten und neuen Glauben" mit einer Gegenschrift entgegentrat. Aber die Charakterfestigkeit, die scharfe Kritik und das ernste Streben nach Wahrheit, welche Strauß auszeichneten, flößte uns stets Achtung ein. — Doch dies Alles reicht noch nicht an das heran, was Treitschke über die vermeintlichen Führer und Anreger des jungen Deutschlands, nämlich Börne und Heine in seinem tiefen Ingrimm sich erlaubt, zu denen er auch Eduard Gans und die Rahel zählt, um diese vier als „Juden" zu brandmarken. Natürlich spricht er nicht von „Juden", sondern von „den Juden", d. h. was ihm an diesen Schriftstellern nicht gefällt, das kommt ihnen nicht als Individuen zu, sondern sind Eigenschaften aller Juden. Er meint: Wohl war die Zahl der orientalischen Chorführer nicht groß, aber der Jude besitzt Ibekanntlich die räthselhafte Gabe, sich zu vervielfältigen; wer in einer engen Gasse zwanzig Juden vor den Thüren sieht, schwört darauf, es müssen ihrer hundert sein. Ueber Heine sagt er u.-A.: „Er besaß, was die Juden mit den Franzosen gemein haben, die Anmuth des Lasters, die auch das Niederträchtige und Ekelhafte auf einen Augenblick verlockend erscheinen läßt . . . War er doch schlechthin der einzige unserer Lyriker, der niemals ein Trinklied gedichtet hat; nach Germanenart zu zechen vermochte der Orientale nicht." Hier geräth Treitschke in Widerspruch mit sich selbst, er erkennt Heine als „einen unserer Lyriker" an, also doch als Deutschen! Selbst „Anniuth" schreibt er ihm zu — aber was für eine Anmuth, und zwar eine solche, welche die Juden überhaupt besitzen! Auf welcher Seite hier „das Niederträchtige und Ekelhaste" sich befindet, wird keinem Unbefangenen zweifelhaft sein. Ist denn der Herr von Treitschke, der sich für einen Geschichtschreiber der deutschen Nation ausgiebt, so unwissend, daß ihm die ziemlich lange Reihe jüdischer Schriftsteller entgeht, welche seit Moses Mendelssohn bis zu Berthold Auerbach und über diesen hinaus Anmuth und Grazie besitzen, aber auch nicht den entferntesten Anklang an das Laster haben, an den Mißbrauch des Talentes, das „Niederträchtige und Ekelhafte verlockend zu machen," daß es ihm entgeht, wie viele moderne Autoren, die nicht zu den Juden und nicht zu den Franzosen gehören, sondern zu den Germanen, und die eifrig bestrebt sind, recht viel Lasterhaftes zu schildern und es mit gleißnerischer Anmuth zu verkleiden? Um dem Gedächtnisse oder der Unkenntniß des Herrn Professors zu Hülfe zu kommen, wollen wir Beispiele aus der ersten Categorie, nämlich aus den jüdischen Autoren, anführen: David Friedländer, der seiner Zeit als deutscher Stylist sehr anerkannt wurde, Ephraim Kuh, Michael Beer, Daniel Leßmann. Gabriel Rieffer, Ludwig August Frankl, vr. msä. Steinheim, vr. insä. M. Rapaport, vr. nisä. Ph. Philippson, Moritz Hartmann, A. Bernstein, W. Veit, Eduard Lasker, Ludwig Bamberger u. A. Wir erheben den Anspruch nicht, daß Herr v. Treitschke alle diese Autoren kenne, aber sie waren Juden, schrieben mit Anmuth und Grazie und fröhnten dem Laster in keiner Weise, wenn nicht bei einigen derselben für Treitschke der Liberalismus als ein Laster gilt. Wir haben ausdrücklich keinen einzigen jüdischen Theologen genannt, von welchen nicht wenige sich in Rede und Schrift durch anmuthige Beredtsamkeit auszeichneten, keiner aber durch das Laster des Fanatismus, von welchem sich auch Universitätsprofessoren nicht freihalten können. Daß Treitschke Eduard Gans, weiland Professor der Rechtswissenschaft an der Berliner Universität, unter diese Chorführer des jungen Deutschlands zählt, verdankt er nicht der „Anmuth" seiner Schreibweise, denn Gans kam niemals über die Grenzen strengster Wissenschaftlichkeit hinaus, wie sowohl seine „Scholien zum Gajus", seine „Geschichte des Erbrechts", seine Herausgabe der „Hegel'schen Geschichte der Philosophie" erweise», sondern seinen liberalen Gesinnungen. Denn allerdings war Gans bis zu seinem frühzeitigen Tode (1839, er war erst 41 Jahre alt) ein hervorragender Vertreter des Liberalismus in Berlin. Gans konnte auch „anmuthig" sein, aber nur in der Rede, denn seine Beredtsamkeit war eine ungewöhnliche. Aber schon als der eifrigste Schüler Hegels, als dessen unmittelbarster und treuester Anhänger konnte er kein oberflächlicher Liberaler oder nur nach französischen! Muster sein. Er hat das Verdienst der „historischen Schule der Rechtswissenschaft" gegenüber die Standarte der philosophischen Rechtsschule aufgepflanzt zu haben,