Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 54 (1890)
- Issue
- Heft 2 (19.1.1890)
- Date
- 1890-01-19
- Page
- Seite 28 (sequence 12)
- Language
- German
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88' Dank! Du warst der Lehrer und Führer eines ganzen Geschlechtes, Deine Liebe umspannte alle Söhne unseres Stammes, Du warst unsere Leuchte in trüben Nächten, der sieghafte Anwalt unserer Gerechtsamen. An Deinem Lichte entzündete sich das unselige, Deine Begeisterung fachte die der Nachgeborenen und Nachstrebenden an. Jedes Blatt, das Du hinausgesandt, war eine fliegende Rolle mit himmlischem Inhalt beschrieben, neues Heil kündend, den Glauben an uns selbst, an unsere Zukunft, an die Liebe und Gerechtigkeit der Menschheit in uns erweckend. Du lehrtest uns, daß die Fragen, die die Welt bewegen, auch in unserer Glaubensge- »ofsenschaft keinen Stillstand dulden, daß die Lehren und Einrichtungen unserer angestammten Religion, die Du klar und licht wie kein Anderer dargestellt, dem großen Gesetze der Entwickelung stets gehuldigt haben, stets gehorchen müssen. Deine Hände waren getreu bis Deine Sonne unterging, die Schotten des Abends hatten ihre Fittige über Dich ausgebreitet, und Du warst noch nicht müde, Cultur und Gesittung, Glauben und Gesinnungsadel hineinzutragen in die Gemeinschaften Israels. Nun wandelst auch Du unter den Palmen ewigen Friedens, im Anschauen der Sonne, die nimmer untergeht, wir aber folgen weiter Deinen Lichtspuren, wir halten auch weiter in guter Treue zu Dir, Du großer Lichtwart, Du Leuchte unsers Stammes! Du hast genug gearbeitet und gewirkt, gestritten und gekämpft, für Deinen Glauben, für Deine Stammesgenossen, für Licht und Wahrheit. Schlummere sanft! „süß ist der Schlaf des Arbeiters," der Segen unseres Gottes, den Du wie Wenige erkannt, dessen Namen Du wie Wenige verherrlicht, geleite Dich, wir sind Dein, Du bist unser!" Amen. Nach dieser letzten Rede, die alle Anwesenden von neuem tief ergriff, fielen die Erdschollen auf die irdische Hülle des Mannes, der so lange ein Führer und Lehrer in Israel gewesen war. Sein Andenken wird bestehen und zum Segen gereichen der Glaubensgemeinde, der er sein ganzes Leben, Fühlen und Denken gewidmet hatte. Ieuil Letzter Artikel Dr. Ludwig Philippsons. Äuch ein Zeichen der Zeit. ii. Es ist bemerkenswerth, daß die modernen deutschen Historiker und Literaturhistoriker über die Männer des sogen, „jungen Deutschlands" in wegwerfendem Tone sprechen, daß sie nur beschränkte Geistesgaben, keinen Schwung, keinen bleibenden Erfolg gehabt, in Gedanken und Form gesucht gewesen — und doch immer wieder auf sie zurückkommen, um sie ausführlich zu bekritteln. Es scheint als ob sie dieselben als ein Experimentirfeld betrachten, auf welchem sie ihre antiliberale Gesinnung recht anschaulich bekunden könnten. Daß sie hiermit nur ihre Kurzsichtigkeit und ihre durchaus nur oberflächliche, oft nur erheuchelte nationale Begeisterung erweisen, fällt ihnen nicht ein. Denn sie blasphemiren hiermit doch nur die deutsche Nation, welche sich so mühsam unter dem Drucke des patriarchalischen Absolutismus und des Polizeiregimes heraufarbeitete und deshalb diejenigen Männer freudig begrüßte, welche ihr den freieren Weg zu eröffnen schienen. Doch von diesem Gesichtspunkte aus mit Herrn v. Treitschke zu rechten, wäre sehr überflüssig. Man l c t o tt. hat die früheren Bände seines weitschichtigen Werkes dahin bezeichnet, daß sie mehr Pamphlete als Geschichtschreibung seien. Hiermit ist auch dem vorliegenden Bande seine Stellung angewiesen. Man hatte geglaubt, Treitschke hätte im III. Bande seine Galle über Heine und Börne genügend ausgeschüttet und sie so gründlich verlästert, daß sie damit für ihn abgethan wären. Da hat man aber das Genie dieses Mannes und die Fülle der Schmähworte, die ihm zu Gebote steht, unterschätzt. Er beweist die Kraft an allen Männern des „jungen Deutschlands". Wie urtheilt er über Carl Gutzkow? Bei diesem ergreift er mit Vergnügen die Gelegenheit, seinen Aerger über die „Berliner" auszulassen, da Gutzkow das Ungeschick gehabt hatte, gerade in Berlin das Licht der Welt zu erblicken. Er sagt unter Anderem: „Ein echter Berliner, der Natur entfremdet, ganz Verstand, ganz Bildung, so daß selbst seine Leidenschaft einen doktrinären Zug zeigte . . . Sein Tagelang hing es ihm nach, daß er in dieser Großstadt aufgewachsen war, wo selbst der Pöbel kein ärgeres Schimpfwort kannte, als den Namen „ungebildeter Mensch", wo die Kinder sich frühe schon in den Thierbuden ihrer eigenen Affenähnlichkeit bewußt wurden, aber selten oder niemals eine deutsche Rinderheerde zu Gesicht bekamen." Das nennen Herr v. Treitschke und seine Gönner und Ge-