Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1897)
- Date
- 1897-05-07
- Page
- Seite 224 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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224 wißheit von meinen Eltern'hauen, lmich' dann; als seine Braüt heimzuführen, — er sprach von- Mohren und Papageien, die auf dem Wege nach Berlin seien und seine Schöße mitbrttchten, — die Geschichte endigte damit/daß er meinem Vater eine silberne Tabaksdose stahl und verschwand.". Nach einem halben Jahre erzählte ihr die Tante im Vertrauen, daß sie. wiederum Braut, werden sollte, und zwar mit einem angehenden praktischen Arzte. Henriette freute sich kindisch darüber, vor allem hoffte, sie auf ein größeres Taschengeld, das bis jetzt aus zwei Groschen monatlich bestanden hatte. Mit Ungeduld erwartete, sie den Tag der Verlobung.. „Der ersehnte Tag erschien, der Morgen, verstrich, und mir ward nichts gesagt. — beim Mittagessen fragte mich mein Vater, ob ich lieber einen Doktor oder einen Rabbiner heirathen wolle. Mir klopfte das Herz.mächtig, und ich antwortete, daß ich mit allem zufrieden sei, was er über mich beschließen würde." Eine schöne Rebbezin wäre Henriette unzweifelhaft geworden, ob eine gute, ist eine andere Frage! Zum Glück heirathete sie den Dr. Marcus H erz, der 15 Jahr älter war als sie, klein und häßlich, aber ein großer Gelehrter und ein geistreicher Mann, ein „geliebter Schüler Kants". Sie bekam nun statt zwei Groschen sechs Groschen wöchentlich und wurde zweimal in der Woche vom Friseur frisirt. - Wer war glücklicher-als Henriette Herz! Ihre Hochzeit fand am 1. Oktober 1779 nach altem Brauch statt. „Es lag hoher Schnee auf dem Hofe, auf welchem. der Baldachin stand, unter welchem ich nach jüdischen Gebräuchengetraut ward-" Sehr interessant ist nun die Schilderung der drei ersten Ehejahre. Nach der Hochzeit mußte sie noch ihr Haar völlig -verbergen, und das Kopszeug, mit Perlen und Blumen verziert, stand ihrnicht gut, wie sie behauptet. Ja, als sie einmal Gäste hatten, empfing sie ihre Mutter mit Unwillen und schalt, daß hier und da etwas von ihrem eigenen Haar unter dem Kopfzeug, d. h. wohl dem Scheitel, hervorsah. In jene Zeit fällt ihre Freundschaft mit Dorothea Mendelssohn, die ein Jahr früher als Henriette geheirathet Hatte. Eines Tages begegneten sie einander auf der Straße, und in wenigen Augenblicken hatten sie. ihre Herzen entdeckt. „Sie war nicht glücklich, denn ihr guter, weiser Vater hatte sie, wenn auch nicht gerade gezwungen, doch beredet, den Mann zu heirathen, den sie nicht lieben konnte. Der Vater meinte, daß die Töchter den Mann so erkennen würde, wie er es gethan — wie sollte aber das 17 jährige, lebendige, mit glühender Einbildungskraft begabte Mädchen, gebildet von einem solchen Vater, erzogen in einem Hause, das von. den vornehmsten wie ausgezeichnetsten Leuten besucht ward, wie konnte ein solches Mädchen wohl einen Mann lieben, der unansehnlich an Gestalt und Gesicht, mit jüdischen Manieren, damals von noch begrenzter Bildung war. Dadurch ward ihr junges Leben in seiner Blüthe geknickt." Henriette dagegen fühlte sich an der Seite ihres Mannes, wenn man ihren Versicherungen glauben darf, sehr glücklich. Er las in seinem eigenen Hause philosophische Kollegin, und dadurch kamen viele und bedeutende Leute zu ihnen. Sie waren oft jung und vornehm, so daß es nicht zuentscheiden ist, ob sie wegen , des Philosophen. Marcus Herz, oder wegen der schönen Henriette gekommen sind. Auch eine interessant^ Frauenbekanntschaft machte sie in jener Zeit. Sie berichtet darüber!! „Kurz vor meiner Krankheit hatte ich eine junge, sehr liebenswürdige^ Frau kennen gelernt. Sie war ans Prag, wo sie, sich von einer unglücklichen Ehe losmachend, in ein Kloster geflüchtet war, ihr Vater, ein frommer, im Gesetz lebender Jude, entführte, sie daraus, obschon, sie bereits auf Zu- und Bereden der Klosterfrauen katholische Christin geworden war. Der Vater ließ sie in. Berlin zurück. - Wir gewannen uns lieb und sahen uns oft. Sie ward später Gattin eines trefflichen Künstlers." Die Genannte , war keine. Andere als: Marianne Schadow.^ie, Frau des berühmten Künstlers, eine geborene Devidels. eines Hofjuweliers in Wien. . Damals macht, kein Geringerer als der englische Gesandte Ewart Henrietten den Hofe und ihre Eitelkeit bekam, bei. dieser Gelegenheit noch besondere Nahrung dadurch, daß — um es mit ihren eigenen Worten zu erzählen — „um diese Zeit den jüdischen Frauen die Erlaubniß gegeben ward, wenn auch nicht ihr eigenes, doch falsches Haar tragen zu dürfen, und da meine Eltern nichts, dagegen hatten,' wurde eine Perücke angefertigt, welche mir sehr gut stand; doch ward sie . bald bei Seite gelegt, und das eigene rabenschwarze, .glänzende Haar ersetzte sie". Wie man sieht, hat.Henriette alle Stadien der HaarTheologie: Haube, Scheitel, eigenes Haar, und zwar in sehr rascher Folge, durchgemacht. .Mit besonderer Vorliebe erzählt sie von einer.Lesegesellschaft bei Dorothea Mendelssohn, bei der außer Friedländer noch Dorotheas Schwester, Henriette, und ein Moritz D. die Leser, waren. Gewöhnlich wurden dramatische Sachen gelesen, und linier den. Zuhörern war Moses Mendelssohn „das hellste Licht". Es. ist. natürlich, daß Henriette Herz, in ihrer späteren christlich-gläubigen Periode auch mit dem jüdischen. Philosophen sich: auseinandersetzen muß, den sie so sehr verehrt hat. Ihr Bericht darüber ist sehr intereffant: „Er war so gut und milde in seiner Klugheit, und tadelte er mich auch zuweilen, was. gewöhiüich nur dann geschah, wenn, ich über leichten Scherz empfindlich ward, dann sagte er wohl:. Sie , sollten, das doch vertragen können.. Dieser Mann lebte streng nach den mosaischen. Gesetzen, , und die Leute glaubten, den innigen Freund Lessings zu aufgeklärt und vernünftig, als., daß es, ihn: ernst., sein könnte. Sie glaubten, daß er den Zweck habe,, seinen. Nathan .aufzuklären, und fürchtend, daß er ihr Zutrauen..verlieren, würde, wenn er sich von ihren Gesetzen und Gebräuchen entferne, halte er sie. Ich bin anderer Meinung über ihn, und . die. Duldung und Nachsicht, mit welcher er. alle die beklagt, welche Freidenker waren, bewiesen mir, daß ich nicht irre, wenn ich aus Ueberzeugung sage, daß der weise, milde Mann Gott im Herzen hatte und den Weg zu ihm durch das Judenthum hoffte; ohne Stab und Stütze zu. ihm gelangen, zu können, glaubte , er nicht. Im Judenthum erzogen, das Christenthum nicht kennend, lebte er im ersten fort und hielt darauf , ..daß. sein Haus in gleichem. Sinne geführt und so auch seine Kinder unterrichtet wurden. Freilich blieben diese in so aufgeklärter! Zeiten, wie die waren, in welchen Mendelssohn lebte, nicht lange innerlich Juden, und die Freunde des Hauses, auch sogenannte aufgeklärte. Juden und Christen, d. h. eigentliche. Deisten, trugen nicht eben dazu bei, einen besseren Sinn in die Kinder zu bringen, da die Freunde, alle der Meinung waren, daß es dem Vater mit dem Judenthum, nicht ernst sei." Man sieht, hier berührt sich Henriette Herz mit Rabbi Mosche Szofer und dem ungarischen Chassidismus. .. Der Einfluß. des Mendelssohnschen Hauses, auf Henriette war ein sehr guter. Auch, noch eine andere. Bekanntschaft machte. sie. in dieser Periode. Sie verließen nämlich, ihre bisherige Wohnung und bezogen eine größere, ganz in der Nähe von Freunden, deren älteste Tochter nm wenige Jahre jünger war als. sie. . Sie. wurden amu bald mit einander befreundet, und der Vater, der Juwelenhändler war, nahm Beide sogar einmal mit zur Leipziger Messe. Das Mädchen hieß Rahel Lewin. und war später, die Gattin Varnhagens. Seltsames berichtet Henriette über den Vater Pahels/ Er hatte, „wie es hieß, ein sehr schlechtes. Leben geführt,, soll uyter einer' Räuberbande und. gebrandmarkt gewesen , sein, Ec war. ungemein klug, aber nicht gut. Er hatte die wah.re Lust an der Unlust, — er war reich, sah viele Leute, in seinem Hause, besonders , aber Schauspieler". Die Mutter wird, als eine, einfache und gute, dem Manne in jedem Sinne unterworfene Frau geschildert.