Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 19 (7.5.1897)
- Date
- 1897-05-07
- Page
- Seite 223 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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' r J - - - 223 -- einer Zeit, da Henriette Herz bereits 59. Lebensjahre stand. Schon der Anfang der Aufzeichnungen ist für uns von hohem Interesse^ sie beginnen mit dem Satze: „Mein Vater war portugiesischer Jude, dessen Großväter mit vielen seiner Glaubensgenossen aus Portugal fliehen mußte, um nicht in die Hände der Inquisition zu gerathen." Es war das bekanntlich der Arzt Benjamin de Le m os. - Der Vater scheint das Kind mehr geliebt zu haben als die Mutter, von der Henriette eigentlich nur Strenges und Unfreundliches zu erzählen weiß. Sie war ein wildes Kind, und die Mutter mag ihre liebe Noth mit ihr gehabt haben. Ueber ihre Jugendfreundschaften berichtet Henriette:. „Meine Eltern waren mit eurem reichen israelitischen Hause (der Familie Daniel J tzi g) sehr befreundet. Es waren treffliche Menschen, welche ihrer-zahlreichen Familie die beste Erziehung geben ließen. Diese Freunde, sollten mich mit in dieser bilden lassen. Ich ward hingeführt; es mißfiel mir aber dort alles so, daß ich fast immer heulte und schrie und man mich endlich nicht mehr haben wollte." Henriette wird nun in eine andere Schule geschickt. Dort lernte sie aber nur, „wie. angenehm es sei, .hübsch zu sein, sowohl durch das, was mir selbst gesagt wurde, als was ich den anderen jungen Mädchen von jungen Offizieren, welche das Haus oft besuchten, sagen hörte." . . Unter diesen, so berichtet Henriette Herz, waren zwei Schwestern, Töchter eines reichen jüdischen Hauses, die zwar eine elegante, aber nicht gut bürgerliche Erziehung genossen hatten. Der Vater war alt „und gehörte zu der ganz ungebildeten Klaffe der damaligen Israeliten, die Mutter war wahnsinnig". An diese beiden bedeutend älteren Mädchen, die schon Gesellschaften einluden, attachirte sich Henriette, und dort ließ sie sich sehr oft sagen, daß sie hübsch sei. Schon zu acht Jahren hatte sie den Ruf eines schönen Kindes in Berlin. „Einst, als die Prinzessin Amalie, Schwester. Friedrichs des Großen, eine Laubhütte bei einem der reichsten Israeliten besah, wurde ich hingeholt, um mich ihr zu zeigen, und ich mag wohl in meinem blaustoffenen Kleide recht gut ausgesehen haben — ich weiß, daß die Fürstin mir die Backen klopfte." Als die Mutter Kunde Don den Vorgängen im Hause der beiden Schwestern erhielt, entzog . sie Henriette der Schule und ließ sie zu Hause von Lehrern in Hebräisch, Französisch, Schreiben, Rechnen und Geographie unterrichten. „In der ersten Sprache fing ich an, die Bibel zu übersetzen, und sogar mit einigen ..ihrer Kommentare. Mein Lehrer darin sowohl, wie in den . anderen Dingen gehörte zu den allerunsittlichsten Männern, die man hätte, wählen können — meine gute. Mutter glaubte gut zu wählen. Wie.schlecht aber die Wahl war, lernte ich erst später verstehen." Mit besonderer Liebe hing Henrielle, wie gesagt, an ihrem Vater. Jedes unfreundliche Dort desselben schmerzte sie tief,, und „stieg sein Unwille sogar so hoch, daß er mir den Segen versagte, welche die im Gesetz lebenden Israeliten noch jetzt am Sonnabend ihren Kindern geben, die Hand auf das Haupt derselben legend, dann war ich sehr unglücklich und ließ nicht ab mit Bitten und Flehen, bis erversöhnt war". Ganz anders war sie gegen die Mutter, die durch ihr ewiges Zanken sich die Liebe des Kindes nicht zu erwerben vermochte. Sie betrachtet es selbst, als ihre Buße, daß sie in ihrem späten Lebensalter diese Dinge aufschreiben inüsse, und sie erkennt es sehr richtig an, daß ihr damals das nicht gegeben wurde, was sie allein hätte gegen alle Gefahren widerstandsfähig machen können. Ihre Aeußerungen sind in dieser Beziehung so werthvoll, daß sie noch heute als eine Mahnung an unsere Mütter gelten können: „Was in jener frühen Zeit schon mich hätte sollen ertragen machen, was mich drückte, war mir nicht gegeben worden — die Grundsätze der Religion, wie beim die Erziehung in dieser Hinsicht bei den damaligen Juden noch viel mangelhafter war als jetzt. Das Kind, besonders aber die Mädgen, wurden gar nicht eigentlich im Glauben ihrer Eltern unterrichtet, wurden aber ängehalten, die Formen deffelben zu beobachten, d.'h. sie mußten alle die unzähligen Gebräuche beobachten, welche er oder vielmehr die Rabbinen vorschrieben. Das Mädgen mußte in hebräischerSprache. beten, ohne daß es verstand, was es betete. Und ich erinnere mich wohl, mit Andacht und Inbrunst zuweilen so gebetet zu haben/ besonders wenn es gewitterte, was mich immer sehr ängstigte. Dann sagte ich geschwind irgend welche Gebete hinter einander her^ Jetzt thun die Judenkinder dies freilich nicht mehr, denn die Gebete, sind/ins Deutsche übersetzt worden, aber — frömmer sind sie deshalb nicht: ihre Eltern, die noch auf jene Weise erzogen worden, warfen die ihnen lästigen Beobachtungen der jüdischen Gebräuche, worin allein ihre Religion bestand, bei Seite, sobald'sie ihre eigenen Herren wurden, es trat nichts in die Stelle, und so lebten sie fort ohne Gedanken an Gott, als höchstens in Zeiten der Noth. Die Kinder wurden dann auf dieselbe. Weise erzogen. Man wollte sie nicht lehren, was. man selbst nicht glaubte, und so wurden und werden sie in keinem Glauben erzogen — keine Andacht erfüllt ihr Gemüth, und sie: können nicht beten zu Gott, wenn ihr Herz gedrückt ist und geängstigt von unendlicher Qual, Die Vernunft, welche die Gebildeteren sich zur Stütze und Hilfe nehmen, reicht nicht hin, sie .zu tragen in schweren Leiden." Diese Betrachtungen über die damaligen Zustände, in der jüdischen Gemeinde Berlins klingen in dem Munde einer Henriette Herz doppelt interessant, aber es darf nicht unerwähnt bleiben, daß sie doch nicht in so frivoler Weise wie so viele andere Frauen damals und heute ihren Glauben gewechselt hat. Es scheint vielmehr, daß Schleiermacher, der ja Derartiges wohl verstanden, ihr eine Art Christenthum zurecht gemacht hatte, in dem sie sich in späteren Lebensjahren nach einer recht weltlich verlebten Jugend sehr wohl gefühlt hat, Denn sie pries sich glücklich, daß ihr später im Leben noch das „schöne Licht des Glaubens" aufgegangen sei. Zu ihrer Jugend zurückkehrend, vergißt sie niemals besonders zu erwähnen, daß man sie immer ein kluges und schönes Kind genannt habe, und wenn -in der jüdischen Kolonie irgend eine Feierlichkeit. begangen werden sollte, wurde sie regelmäßig gewählt, so als Königin Ulrike von Schweden, die. Schwester Friedrichs des Großen, einmal die Ceremoinen einer jüdischen Hochzeit sehen wollte; ein anderes Mal, als die Aeltesten der Gemeinde die Aufführung einer Operette auf einem kleinen, Privattheater einer jüdischen Familie verboten hatten, da ging die kleine Henriette in den Sitzungssaal der jüdischen Gemeinde und wußte durch ihre Erscheinung wie . durch ihr inständiges Bitten die Zurücknahme des Verbotes zu bewirken. - .Ueber ihren Vater berichtet Henriette Herz,. daß er der erste jüdische Arzt in Berlin gewesen sei. Infolgedessen, bekam er bald Praxis bei seinen Glaubensgenossen. Aber diese wurde damals so schlecht, bezahlte daß er manchen Mittag sich mit Kartoffeln und Kaffee begnügen mußte. Außerdem gab. er sehr viel für Kleidung ans, auf die er viel hielt. Besonders interessant ist folgende Mit- . theiluncp der Tochter über den Vater, die .aus der ganzen religiösen Haltung dieser Memoiren leicht verständlich wird : „Mein Vater , lebte streng im Gesetze seines Glaubens, hatte, aber die Liebe und / Milde des Christenthums im Herzen und war daher duldsam gegen . alle, die, die dagegen handelten.". Das Haus war völlig nach jüdischen Gesetzen und Gebräuchen eingerichtet. Als Henriette. Herz 12 Jahr alt war, fand sich schon der erste Freier ein. „Ein ältlicher Mann, ein portugiesischer Jude, war um. diese Zeit in Berlin — .er hielt um mich, an, wollte noch drei Jahre warten, aber die. G.e-