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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-05-07 · Heft 19 (7.5.1897) · p. Seite 222

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 19 (7.5.1897)
Date
1897-05-07
Page
Seite 222 (sequence 6)
Language
German
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-^222 neue Applikanten cm die Gesellschaft appellirten, und daß in 26000 Füllen die Würdigkeit und Bedürftigkeit früherer Klienten von Neuem untersucht werden mußte, so daß auf einen Geschäftstag 150 Fälle kommen. Begreiflicherweise ist der Apparat ein ziemlich komplizirter. Aus dem Journal werden die Applikanten in einen Zettelkatalog eingetragen. Einem Agenten der Gesellschaft wird die Untersuchung des Falles anvertraut, und sein Bericht wird zu den Akten gelegt und deren Nummer auf dem Zettel eingetragen. Kommt nun Abraham Kopelowitz mit einer Bitte um Unterstützung, so ist der Beamte sofort in der Lage, zu erkennen, ob, wann, wie oft und zu welchem Zwecke der Bittsteller die Hilfe der Gesellschaft in Ausbruch genommen hat und wie die Auskünfte über.ihn gelautet haben. Die Fürsorge für die Armen muß sich hauptsächlich auf diejenigen erstrecken, denen die Institute die nöthige Hilfe momentan nicht gewähren können, wie verwaiste Kinder, die den Erfolg ihres Gesuches um Aufnahme in ein Waisenhaus abwarten müssen, Greise, Kranke und Invaliden, für die im Hospital oder Asyl augenblicklich kein Raum ist, und ähnliche temporäre Hilfeleistungen. Einen großen Posten im Budget der Gesellschaft bilden die verlassenen Weiber, ein Uebelstand, der unter der russisch-polnischen Einwandererklasse erschreckend häufig und mitunter von den schmählichsten Schurkenstreichen begleitet ist, so entsetzlich, wie sie kaum die Phantasie eines Zola schlimmer ersinnen könnte. Die United Hebrew Charities beschränkt sich jedoch nicht auf Almosen-Spenden, sie sucht vielmehr die Erwerbsfähigkeit zu heben, indem sie eine weibliche Handarbeitsschule erhält, welche von 254 Schülerinnen besucht wird und für Arbeitsvermittelung Sorge trägt. 6751 Personen appellirten im Vorjahre um ihre Vermittelung zu einem Erwerbe und für 98 Prozent derselben wurde Beschäftigung gefunden. Der jährliche Aufwand für diesen Zweck ist ein ungeheurer, er betrug im Vorjahre 143 000 Dollars, wozu der Baron Hirsch-Fonds 24650 Dollars beitrug, trotzdem kommt auf den Kopf des ^Applikanten die verschwindend geringe Summe von 5^ Dollars, und die Klage, welche der Talmud König David in den Mund legt: Eine Handvoll Futter kann den Löwen nicht sättigen, und eine Grube wird von dem auZgehobenen Erdreich nicht gefüllt, ist heute in Amerika ebenso berechtigt, als sie es vor mehr als anderthalb Jahrtausenden in Palästina war. Dürfen, wir aber hoffen, daß die soziale Noth jemals durch richtig angewendete Wohlthätigkeit behoben werden wird, daun hat New-Uork den Weg dazu gezeigt. Die einzelnen Wohlthätigkeitsanstalten in New-Aork gründlich zu schildern, ist eine Aufgabe, für die ein Zeitungsartikel absolut nicht ausreicht. Zu diesem Zwecke müßte ein Buch geschrieben werden. Darum will ich mich darauf beschränken, in allgemeinen Umrissen darzustellen, was das jüdische New-Hork für die Erziehung von Kindern, für die Fortbildung Erwachsener, für die Pflege der Kranken und für die Versorgung von Greisen und Siechen leistet. So müßten wir mit dem Säuglingsheim fcegiimen, der Schöpfung einer Dame, der es nur nach harten Kämpfen gelang, den Widerspruch gegen die Gründung eines neuen Instituts, während viele andere einen harten Existenzkampf führen, zu besiegen. Es ist in einem prächtigen Landhause untergebracht, welches einst jenseits der Stadtgrenze gelegen war, heute wohl schon lange innerhalb derselben liegt, aber doch noch mit seinen großen schattigen Rasenplätzen seinem Zwecke aufs Trefflichste entspricht. Von dem rührenden Ein-, druck, welchen die versammelten Kleinen machen, wenn sie ihr kurzes Tischgebet sprechen oder wenn sie ihre Liedchen lallen, habe ich schon den Lesern erzählt. Wenn man das herrliche Heim mit seinen peinlich sauber gehaltenen Räumen besichtigt und daran denkt, daß von diesen Kleinen einige mutterlos sind, andere Kinder einer Mutter, die hoffnungslos im Hospital daniederliegt, andere wieder Kinder einer von ihrem Gatten verlassenen Frau, die sich von ihrer Hände Arbeit kümmerlich ernähren muß, so sieht män^in jedem Kinde ein gerettetes Leben. ' ' An dieses Institut schließt sich zunächst basanerkannt großartigste aller Mischen Wohlthätigkeitsinstitute New-Aorks, das Waisenhaus, Hebrew Orphan Asylum, an. Meinem Interesse liegt diese Anstalt auch am nächsten, weil ich daselbst eine ganze Woche als Gast des trefflichen Direktors Dr. Baar gewohnt' habe und in der Lage war, die Einrichtung dieser Anstalt gründlich zu studireu. Schon die echt amerikanischen Grüßenverhältnisse des Instituts müssen dem Besucher imponiren. ' Man denke sich ein Gebäude, welches 1200 Kindern Unterkunft bietet, dabei von impoNirender Architektur ist, einen wohlgepflegten großen Vorgarten, einen Spielplatz und noch einen großen Exerzierplatz hat, dabei in allen seinen Räumen hell und luftig ist, imb man wird leicht zu dem Resultat gelangen, daß die Mehrzahl der Kinder des Mittelstandes lange nicht so gut gepflegt ist als diese Sprößlinge der ärmsten Gesellschaftsschichten. Mit seiner Bäckerei, seiner Schneider-, Schuster- und Tischlerwerkstätte, seinen Badeeinrichtungen, seinen Turiisülen, seinem Theater und seiner aus Zöglingen gebildeten Musikbande verwirklicht dieses Hans eine sozialistische Utopie in der bürgerlichen Gesellschaft. Dabei wird doch darauf gehalten, daß die Zöglinge die öffentlichen Schulen besuchen, damit die einseitige Waisenhanspflege durch den Kontakt mit anderen Kindern paralysirt werde. Nur die jüngsten Kinder erhalten den Unterricht in der Anstalt. Die Anzahl der Zöglinge betrug in den letzten Jahren im Durchschnitt etwa 700, doch waren die Gesuche, welche aus Mangel an verfügbaren Räumen zurückgewiesen werden mußten, so zahlreich, daß sich die Kuratoren. entschließen mußten, zwei neue Flügel anznbauen, wodurch der Fassungsraüm der Anstalt auf 1200 gestiegen ist, und auch diese Plätze werden in kürzester Zeit besetzt^sein. (Forts, folgt.) Iugenderirmerungrn von Henriette Her;. nter diesem Titel ist als diesjährige Gabe der „Berliner Litteratur-Archiv-Gesellschaft" ein kleines Heftchen erschienen, welches für uns von besonderem Interesse ist-, da es die Jugend jener schönen und begabten Frau schildert, die in Berlin den ersten Salon begründet hat, und das uns einen zuverlässigen Einblick gewährt in jene jüdischen Kreise Berlins, welche sich in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts um Moses Mendelssohn und seine Familie gruppirten. Da das Heft nicht im Buchhandel .erscheint, so werden meine geneigten Leser in diesem Fall sicher sehr dankbar sein, wenn ich ihnen einige Auszüge, soweit sie sich auf das jüdische Leben Berlins in jener Zeit beziehen oder zur Charakteristik jener Sälonperiode dienen können, hier mittheile. Die Handschrift dieser Jugenderinnerungen hat Henriette Herz einem Fräulein Luise Wolff, der Tochter des Pastors in Zossem der sie getauft hatte, einmal geschenkt, und aus deren Nachlaß kamen sie an das Litteratur-Archiv in Berlin. Es stellte sich nunmehr heraus, daß der Biograph Henriettens. I. Fürst (wer ist dieser I. Fürst?), dem dieses Manuskript Vorgelegen, in ganz unverantwortlicher Weise mit demselben gewirthschaftet und die Episoden aus ihrem Leben entweder verändert oder einfach weggelassen hat, so daß das Mitgetheilte als etwas ganz Neues erscheint. Ich will nur noch bemerken, daß die Aufzeichnungen im Jahre 1823 erfolgt sind, also zu

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