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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-01-29 · Heft 5 (29.1.1897) · p. Seite 53

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 5 (29.1.1897)
Date
1897-01-29
Page
Seite 53 (sequence 5)
Language
German
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53 geeignet, an die Spitze dieses Artikels gestellt zu werden, in welche«! die einzige Komposition Schuberts in hebräischer Sprache des Näheren behandelt werden soll. Salieri, als Rivale Mozarts nicht von bestem Rufe — die Biographen Mozarts haben ihm stark zugesetzt — hat anderseits ein Anrecht darauf, daß da, wo eines Schubert gedacht wird, sein Name nicht ganz vergessen werde. Er war übrigens auch der Lehrer eines anderen Komponisten im Dienste der Wiener Kultusgemeinde, nämlich des I g n a z M o s ch e l e s, der bei einer Gelegenheit, da er von seiner ersten Bekanntschaft mit Beethoven spricht, sich folgendermaßen vernehmen läßt: „Wie erstaunte ich aber erst, als ich eines Tages beim Hofkapellmeister Salieri, den ich nicht zu Hause traf, einen Zettel auf dem Tische liegen sah, auf welchem in Lapidarschrift zu lesen war: „Der Schüler Beethoven war da!" Das gab mir zu denken. Ein Beethoven kann noch von einem Salieri lernen? Um wieviel mehr ich. Salieri war der Schüler und wärmste Verehrer Glucks gewesen, nur Mozart und seine Werke wollte er nicht gelten lassen, das wußte man. Aber dennoch ging ich zu ihm, wurde sein Schüler, auch drei Jahre lang sein Adjunkt in der Oper und erhielt dadurch die Befugniß. alle Theater unentgeltlich zu besuchen. Es war ein heiteres, vielbewegtes Leben in dem lieben Wien." So weit Moscheles, über dessen tonkünstlerisches Verhältniß zur Wiener Kultusgemeinde ich mich in einem zweiten Artikel — nach der Schilderung des damaligen Aktuars Joseph Veit, des Bruders von dem berühmten Prediger an St. Stephan — verbreiten will. Für heute nimmt unser ganzes Interesse die Frage in Anspruch: Wie ist wohl ein Franz Schubert, dieser wahre Fürst im Reiche der Töne, dazu gekommen, seinen unerschöpflichen Born von musikalischen Gedanken auch in den Dienst der Synagoge zu stellen? Und da muß gleich hinzugefügt werden, daß infolge von Verdunkelungen, vielleicht gar absichtlicher Natur, diese Frage noch nicht ganz aufgeklärt ist. Der beste Biograph Schuberts, Kreissle von Hellb o.rn, scheint nur oberflächlich von der Existenz der hebräischen Komposition unterrichtet gewesen zu sein, wenn er (S. 610) schreibt: „Der 92. Psalm in hebräischer Sprache, für zwei Bariton, Sopran. Alt und Baß, enthalten ohne Angabe des Komponisten in dem „Schir Zion“ des Kantors Sulzer in Wien (komponirt 1828)." Denn thatsächlich ist der Psalm für Sopran, Alt, Tenor, Baß und Bariton-Solo geschrieben, und ebenso ist Franz Schubert als Komponist der Nummer 6 im „Schir Zion I", am Ende des hebräischen Inhaltsverzeichnisses, wohl bezeichnet worden, wie Sulzer selbst in den handschriftlichen Partituren des „Schir Zion" alle die Komponisten namhaft macht, welche entweder ihm persönlich oder schon früher dem Archive der Gemeinde ihre Kompositionen anvertraut hatten, was im zweiten Artikel nachgewiesen werden soll. Andererseits bietet die vielfach verbreitete mündliche Mittheilung Sulzers, daß der Psalm für ihn komponirt worden sei, den einzigen Anhalt für seine Entstehungsgeschichte. Denn der Umstand, daß in allen handschriftlichen Exemplaren des „Schir Zion", die Schubertsche Komposition fehlt, ist ebenso merkwürdig und beklagenswerth zugleich, wie der wahrscheinliche Abgang des Originals selbst, womit jede beweiskräftige historische Unterlage vermißt wird. Sehr wichtig ist daher, aber der Aussage Sulzers etwas widersprechend, die Notiz Nottebohms in seinem „Thematischen Verzeichnisse der im Druck erschienenen Werke von Franz Schubert", Wien 1874, S. 229, die da besagt, daß der Psalm im Juli 1828 für die israelitische Kultusgemeinde in Wien komponirt worden sei, „welche auch das Autograph besitzt." 1874 muß also das Autograph noch im Archiv der Gemeinde vorhanden gewesen sein. Weiter erzählt Nottebohm, was wir auch bereits wissen, daß der Psalm zuerst mit hebräischem Text in Sulzers Sammlung „Schir Zion" und im Jahre 1870 mit deutschem Text bei I. P. Gotthard in Wien') erschienen sei. Ich kann heute noch hinzufügen, daß auch die „Edition Peters" in dem Sammelband von Schuberts „gemischten Chören" (Nr. 1045) einen Abdruck dieser Ausgabe mit deutschem Text (nach Moses Mendelssohn) enthält, während der Psalm in hebräischer Sprache in der „Gesamlntausgabe von Franz Schuberts Werken", Serie XVII. Nr. 19 erst vor kurzer Zeit erschienen ist (Leipzig, Breitkopf & Härtel. Preis 45 Pfennig). Hier sei noch bemerkt, daß der Psalm nicht ganz durchkomponirt ist, sondern blos bis zum 9. Vers (oTito N7181). wahrscheinlich, um dem Kantor die Möglichkeit zu belassen, die weiteren Verse nach dem Rezitativ zu Ende zu führen, wie es im „Schir Zion" I. Nr. 7, mit einer kleinen Imitation zwischen Kantor und Sopran am Schlüsse, von Sulzer ganz vortrefflich komponirt ist. Daß diese Nr. 7 eigentlich zu Sulzers Komposition des 92. Psalms (Nr. 5) und nicht zu der von Schubert gehört, beweist eine, alte Handschrift meines Besitzes, woselbst (Handschr. 74, S. 292) dieses Rezitativ nach dein Vers 9 der Sulzerschen Komposition aphoristisch wiedergegeben ist. Die Komposition von Schubert fehlt auch hier ganz, ebenso die Nr. 5 des „Schir Zion"'. Da viele solcher Handschriften von Sulzers „Schir Zion" verbreitet sind, kann die Sache auch von anderer Seite einmal verglichen werden. Ueber Sulzers Bekanntschaft mit Schubert, die bei dieser Untersuchung wohl in Betracht kommt, weiß ich nur zu sagen, daß sie in Zusammenhang gebracht wird mit des Letzteren bekannter Komposition „Die Allnmcht". Als nämlich im Jahre 1828 (dem Todesjahre Schuberts) dieses Lied als „Opus 79" mit noch einem andern Liede bei Haslinger in Wien erschienen war, sei es bald stadtbekannt worden, daß der im neuen israelitischen Tempel als Kantor amtirende junge Sulzer (er war damals 24 Jahre alt) der beste Interpret desselben sei. Schon bei dem herrlichen Textanfange: „Groß ist Jehovah der Herr! Denn Himmel und Erde verkünden seine Macht", glaubte man einen levitischen Psalmgesang zu hören. Eine Gelegenheit, den jungen Sulzer dem Dichter des Liedes (Ladislaus Pyrker, Erzbischof von Wien) und dem Komponisten desselben vorzuführen, war bald gefunden (sie soll in dem Hause eines Mediziners Herz stattgefunden haben); der junge Sänger schlug durch, und seitdem sei sein Ruf als Liedersänger, und besonders als Schubertsänger ein allgemein verbreiteter geworden. Sulzer habe dann den Komponisten Schubert gebeten, ihm auch ein Baritonsolo für die Synagoge zu schreiben, was dieser auch gern that, und so sei der Schubertsche Psalm „Töw l’hödös" entstanden. So hatte denn der alte Salieri Recht gehabt, als er von Schubert sagte: „Der kann Alles; er komponirt Opern, Lieder, Quartette, Sinfonien und was man nur will!" 0 Die königliche Bibliothek in Berlin besitzt nur ein defektes Exemplar dieser Ausgabe.

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