Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1889)
- Date
- 1889-12-05
- Page
- Seite 773 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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773 rathende, nicht aber eine bestimmende Stellung einnimmt, so daß Alles auf Freiwilligkeit beruht. Dies weiß auch der Verf. und will deshalb für sein Project die Gesetzgebung beanspruchen. Es kann aber kaum zweifelhaft sein, daß weder die Regierung, noch die Mehrheit der Parlamentarier der Herstellung eines solchen jüdischen Tentralorgans die Hgnd bieten werden, noch dazu, wenn sie dabei auf Proteste seitens der Juden stoßen. Berlin, 2-1. November. (Voss. Ztg.) Sein vierzigjähriges Jubiläum als Docent der Berliner Universität feiert heute, am 24. November, Prof. Heinrich Steinthal. In weitere Kreise ist Steinthal's Namen nicht gerade viel gedrungen. Daran ist zu einem Theile der Umstand schuld, daß Steinthal ganz geflissentlich die Oeffentlichkeit meidet; seine Heimstätte ist die Studirstube und die Bücherei; zum andern liegt dies an der Eigenheit von Steinthal's Studien. Seine Sonderwissenschaft, die allgemeine Sprachwissenschaft, ist nicht dazu angethan, das Interesse weiterer Kreise rege zu machen, dazu ist diese Wissenschaft zu philosophisch, selbst unter den Gelehrten der verwandten Fächer giebt es immer nur wenige, welche der Sprachwissenschaft Beachtung schenken. Es ist aber vollends nur ein kleines Häuflein von Gelehrten, welche das Studium der Sprachwissenschaft zu ihrer Lebensaufgabe gewählt haben. Unter ihnen aber nimmt Steinthal eine hervorragende, in mancher Hinsicht die führende Stelle ein. Zum wenigsten weist sie ihm Benfey, der Geschichtsschreiber der Sprachwissenschaft, was die allgemeine Sprachwissenschaft angeht, bedingungslos zu. Steinthal ist ausgegangen von den sprachphilosophischen Schriften Wilhelm v. Humboldt's. Er hat diese Schriften so genau studirt, daß ihm kein Geringerer als Pott nachrühmt, er sei „von den Mitlebenden leicht der genaueste Kenner" der sprachphilosophischen Werke von W. v. Humboldt. Wie ein rother Faden zieht sich durch Steinthal's Schriften der lobende Nachweis alles Dessen, was Humboldt für die Sprachwissenschaft ge leistet hat. Steinthal's Erstlingswerk „De pronomine relativo“, das 1847 erschien, hebt mit einer Lobpreisung Wilhelm v. Humboldt's an. Von den andern Schriften Steinthal's sind noch zwei schon ihrem Titel nach auf die gerechte Würdigung Humboldt's als Sprachforscher gerichtet, das Buch „die Sprachwissenschaft Wilhelm von Humboldt's und die Hegel'sche Philosophie", das Steinthal 1848 bekannt gab, und die Dankrede auf Humboldt bei seinem 100 jährigen Geburtstage. Nahezu zwei Jahrzehnte später ging Steinthal daran, seines Meisters sprachphilosophische Werke neu herauszugeben, in einer Form, daß sie auch den neueren Fachgenossen nutzbar wurden. Von Steinthal's eigenen Werken, in denen er die Sprachwissenschaft, nach seinen eigensten Anschauungen und in der Form, wie er sie fort entwickelt hat, gilt als das bedeutendste die zweite Bearbeitung der „Klassifikation der Sprachen". Von seinen übrigen Werken sind besonders zu nennen: „Der Ursprung der Sprache" (1851, das zweimal neu aufgelegt wurde), „die Entwickelung der Schrift" (1852), „Geschichte der Sprachwissenschaft bei den Gnechen und Römern" (1863), „Philologie, Geschichte uitb Psychologie" (1864), und der „Abriß der Sprachwissenschaft" (1871). Eine Sonderheit Steinthal's in seiner Auffassung der sprachwissenschaftlichen Dinge ist die besondere Betonung des psychischen Momentes als eines hervorragenden Faktors in der Entwickelung der sprachlichen Erscheinungen. Er steht mit dieser Grundanschauung im graden Gegensatz zu Max Müller und Schleicher, welche beide der naturwissenschaftlichen Methode in der Sprachwissenschaft das Wort reden und so weit gehen, die Sprachwissenschaft gradezu als eine Naturwissenschaft zu bezeichnen. Die Auskundung des psychischen Moments zunächst in der Sprache, sodann in den anderen geistigen Schaffenskreisen, die Steinthal dauernd fortbetrieb, hat allmälig eine selbständige umschriebene Disciplin, die Völkerpsychologie gezeitigt, zu deren Pflege Steinthal seit 1859 mit M. Lazarus eine besondere Zeitschrift herausgiebt. Eine neuere Frucht dieser Studienrichtung ist das Entstehen einer besonderen Richtung in der Philologie, der „junggrammatischen", deren Wortführer Hermann Osthoff (Professor in Heidelberg) und Karl Brugmann (in Leipzig) sind, und der noch Wilhelm Scherer, August Leskien und Bezzenberger beizuzählen jiub. Gemeinsam ist diesen die besondere Betonung des Psychischen, gegenüber dem bloß Physiologischen. Nur eine Schrift Steinthal's fällt aus dem Rahmen der Sprachwissenschaft heraus, seine „Allgemeine Ethik". Sie ist das Werk der reiferen Jahre und ein Bekenntniß im Sinne Goethe's. Steinthal nennt es ein „Schmerzenskind". Er wollte sich damit von der Seele schreiben, was ihn bedrückte. Das äußere Leben Steinthal's verlief überaus ruhig. 1823 zu Gröbzig im Anhaltischen geboren, auf dem Gymnasium zu Bernburg vorgebildet, kam Steinthal 1813 nach Berlin und studirte hier bis 1847. Unter seinen Studienfreunden war Paul Heyse, an dessen Vater, den Sprachforscher Karl Wilhelm Ludwig Heyse, sich Steinthal besonders auschloß. 1819 habilitirte sich Steinthal als Docent, um neben Heyse, Bopp, Weber, Aufrecht und A. Benary über Sprachwissenschaft zu lesen. Von 1852 bis 1855 lebte Steinthal seiner chinesischen Studien wegen in Paris. Seit 1862 bekleidet er eine Professur. Besondere Ehrenbezeigungen hat Steinthal in den vierzig Jahren seines Lehrschaffens von oben her keine erhalten; bislang sind ihm die Pforten der Akademie verschlossen geblieben. (Noch mehr, er ist auch „außerordentlicher" Professor geblieben. Dafür wirkt Steinthal eifrig an der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judenthums als ständiger Docent.) 40