Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 53 (1889)
- Issue
- Heft 49 (5.12.1889)
- Date
- 1889-12-05
- Page
- Seite 766 (sequence 2)
- Language
- German
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766 welchen die vorkommenden Widersprüche auf diese Weise zu erklären sind?) Aus diesen Thalsachen ergiebt sich, daß eine „Ethik des Judenthums" wissenschaftlich nur in Gestalt einer Geschichte der jüdischen Ethik gegeben werden kann, d. h. in der Erforschung und Darstellung der sittlichen Lehren und Anschaungen der verschiedenen Perioden, wie sie sich in den Aussprüchen der hervorragenden Schriftwerke und im wirklichen Leben abspiegeln. Es versteht sich, daß in allgemeinen Darstellungen der jüdischen Religionslehre für populäre und pädagogische Zwecke, also in Lehrbüchern und Katechismen die mehr oder weniger systematische Zusammenstellung der sittlichen Lehren und Grundsätze gegeben werden kann und muß. Jedoch eine wissenschastliche Bearbeitung kann sich auf diese Wiedergabe der Resultate nicht beschränken, sondern sie muß, wie gesagt, um den Forderungen der Wissenschaft zu genügen, aus geschichtlichem Wege vor sich gehen, um ein wirklich begründetes unb umfassendes Bild vom ethischen Inhalt des Judeuthums darbieten zu können. Diese Ansicht haben wir seit langer Zeit wiederholt ausgesprochen?) Wir suchten auch zur Ausführung zu gelangen und trugen dem seligen Oberrabbiner!>r. Landau und bent seligen Landesrabbiner Dr. Herzselo an, an die Ausarbeitung eines solchen Werkes, einer „Geschichte der jüdischen Ethik" zu gehen, wozu wir die damals bedeutenden Mittel des Instituts zur Förderung der israelitischen Literatur zu Gebote stellten. Beide Männer hatten gewiß die Befähigung zu einer solchen Arbeit, welche allerdings ebenso vielseitige Gelehrsamkeit wie Scharfblick, reichhaltige Ideen, Umsicht und Ausdauer erforderte, aber beide lehnten den Antrag ab. Unt für unsere Ansicht einiges Material und Winke für die Methode zu geben, veröffentlichten wir in dieser Zeitung eine Reihe von Artikeln über die Moral mehrerer biblischen Autoren, Sirachs, der Pirke Abotl?) u. s. w. Dieser Ansicht sind wir noch heute und halten jeden anderen Versuch, die ©tEjtf | des Judeuthums gründlich und wissenschaftlich zu bearbeiten,^ für unzulänglich?) Das Judenthum ist keine Erscheinung, die fertig und; vollendet in die Welt trat. Die mosaische Lehre und das: 1) 2ief;e unsere Abhandlung über die Moral der Pirke Aboth; Jahrg. 1 8. :30b, 331, 353, 513, 530, 546. j 2 So he z. B. Jahrg. 1876 S. 579. 3> So die Moral Jestäa's, Jeremias, Ezechiel's, Iesaia's II,; der kleinen Propheten, Koöeleth'-, Sirach's, der Pirke Aboth, be^ . Midrwch, der Halachay Jahrg. 1877, 1878, 1885, 1886, 1887.! 4) Wie verwundenen, im* daher, als einem sehr bekannten, aber , jüdisch-theologisch nicht dnrchgebildeten Schriftsteller eine „Ethik des ’ I wen ihn ms"' zn verfassen aalgetragen werde, wunderten uns durchaus nicht, daß er diese Ausgabe nicht löste, wunderten uns jedoch sehr, daß derselbe sich ein sehr großes Honorar voraus hat zahlen lassen. Das ist nicht ethisch. Wrr wußten dies längst, aber wir halten den Grundsatz fest: schmutzige Wäsche nicht auf der Straße zu waschen. - Eine andere jüdische Zeitschrift hat die Sache in die allgemeines Oefsentlichkeck gezogen. mosaische Gesetz errichteten eine feste, unerschütterliche Grundlage, auf welcher die Zukunft den Weiterbau fördern und Herstellen sollte. Dahin weist die h. Schrift selbst, wenn sie auch gebietet, das schriftliche Gesetz weder zu vermehren noch zu vermindern, ein Gebot, das, wenn auch nach vielen Jahrhunderten, in seinem ersten Theile überschritten werden mußte. Die Schrift selbst, sagen wir, weist darauf hin, denn die Offenbarung giebt sich in ihr nicht als ein geschloffenes, gegliedertes Ganze, sondern als eine Geschichte der Offenbarung, die sich vom ersten Menschen bis zum letzten der Propheten erstreckt. Sie deutet selbst auf dem Gebiete der Gotteserkenntniß auf eine zwiefache Etappe hin, die patriarchalische und mosaische?) Das Gesetz zeichnet die Grundzüge auf allen Gebieten des socialen Lebens, aber es erfordert vielfach die Auslegung, die Ergänzung, die Gestaltung nach den veränderten Lebensbediugungen. So läßt es dem Volke die Freiheit einer republikanischen Verfassung, sei es mit hierarchischer, sei es mit weltlicher Spitze, oder der Monarchie, einer durch das Gesetz beschränkten Monarchie?) Es verändert Bestimmungen je nach dein Aufenthalte in der Wüste oder im Lande Israel?) Es werden auch für die Zukunft Propheten verheißen, wenn auch keiner unter ihnen an Geistesgröße und Offenbarungshöhe Moses gleichkommen werde?) So geschah es denn auch, und die Propheten hatten die Aufgabe, unter den gegebenen Verhältnissen auf die religiöse und sittliche Entwickelung auf's Nachdrücklichste einzuwirken. Neben ihnen vollzog sich dieselbe Arbeit, theils in der durch David geförderten Psalmdichtung, theils durch den gottgläubigen Rationalismus, der sich im Tempelgebete Salomo's, in den Sprüchen und in Kohelet ausprägte. Als die Stimme des letzten Propheten verklungen, übernahm die traditionelle Auslegung die Entwickelung und Neugestaltung des Gesetzes und der Lehre und erfüllte diese Aufgabe in einem großartigen Umfange, ohne sich zu scheuen, das Gesetz zu erweitern und zu beschränken, wie die völlig veränderten Lebensverhältniffe es erforderten. Aus dem großen Ocean des Talmuds Flüsse und Bäche abzuleiten, um ihr befruchtendes Gewässer über das ganze Leben der Juden in der Zerstreuung zu ergießen, war die Aufgabe des Rabbinismus, der dieser treu diente, bis er seinen Gegenstand erschöpft hatte und sein geistiges Leben ins Stocken gerieth. Da brach eine neue Zeit an mit sich schnell sehr verändernden Bedingungen. Da nun in dem Wesen des Judeuthums das ethische Element ein wesentliches war, so mußten die ethischen Begriffe, Anschauungen und Handlungsweisen in diesem großen Ent- 1) 2. Mos. 6. 2. 2) 5. Mos. 17, 9. 12. 14. 3) Z. B. das Schlachten aller Thiere als Friedensopser am Stiftszette in der Wüste und die Freigebung desselben aller Orten im Lande. 4) 5. Mos. 18, 18. 34, 10.