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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1889-11-28 · Heft 48 (28.11.1889) · p. Seite 762

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
53 (1889)
Issue
Heft 48 (28.11.1889)
Date
1889-11-28
Page
Seite 762 (sequence 14)
Language
German
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Rußland. Petersburg» 15. Nov. Dem Reichsrath liegt ein neues Gesetz über weitere Beschränkung des Aufenthalts der Juden außerhalb der sogenannten Ansiedelungs-Rayons vor. (Man wird sich erinnern, daß vor einiger Zeit berichtet wurde, der Senat habe die Aufhebung dieser Beschränkungen votirt!) Rumänien. Bukarest, 13. November. Wie das „N. W. Tgbl." meldet, leitete Ivan Bratianu die Wahlagitation mit einem heftigen Angriffe gegen den ungarischen MinisterPräsidenten Tißa ein, der sich hauptsächlich auf die ungarischen Juden stütze. Kein Rumäne dürfe zulassen, daß auch nur ein Jota von den rumänischen Forderungen, bezüglich des Handelsvertrages nachgelassen werde. — In diesen Tagen ist das konservative Ministerium gestürzt worden und ein gemischtes trat an dessen Stelle, welches wohl bedauerlicher Weise den Wiedereintritt Bratiano's den Weg bereiten soll. Südamerika. Paris» 20. November. (Privatmitth.) Wie aus der Argentinischen Republik hierher berichtet worden, sind den 800 russisch-jüdischen Emigranten nach ihrer Landung die in dem Contrakte mit den Agenten der Republik vorgesehenen Bedingungen nicht erfüllt worden; die Regierung hat ihnen einen Thcil des von ihnen gezahlten Geldes zurückgezahlt, um den Rest müssen sie klagbar werden. Ueberhaupt ist die Einwanderung hierher so stark, daß die Regierung dadurch nur in Verlegenheit kommt. In den letzten Jahren betrug sie jährlich übrr HO,000 Seelen, zu denen die Italiener das größte Contingent stellen. In dieser und jener Provinz des Landes übersteigen bereits die Einwanderer an Zahl die Eingeborenen. Bonn, 24. November. (Notizen.) Aus Paris wird bemerkt, daß der Oberstlieutenant Aron zu Belfort zum Obersten, und der Schwadronchef Naqnet zum Oberstlieutenant befördert worden. Ieuil Krakau, im November. Die Stampiglie. Jüdisch-polnische Skizze von S. Horowitz. Ja, originelle Käuze entstehen auf dem Boden unserer Kleinstädte und sie scheinen sich nur innerhalb des dumpfigen, freiwilligen Ghettos wohl zu befinden. Wohl hat unser Jahrhundert die mittelalterlichen Schranken beseitigt, aber der ererbte, verknöcherte Conservatismus hängt wie pietätvoll an dem Hergebrachten, sich gegen den modernen Zeitgeist abschließend. Der Gesichtskreis ist ein beschränkter, reicht nicht über den nächsten Schlagbaum hinaus, das Benehmen steif und linkisch. Geht so ein Bürger einer galizischen Kleinstadt auf Reisen, so schaut er verblüfft darein und fühlt sich unbehaglich. Sein Wesen kommt aus dem alltäglichen Geleise, verliert den Halt und erst auf der Heimreise kehrt allmählig die Courage zurück, in dem Maaße wie er den Kehrichthaufen seines Geburtsortes näher kommt. Eines trüben, kalten Octoberabends saßen wir gemüthlich im Salon des Großhändlers B. Der Thee wurde servirt und eine animirte Conversation versetzte die Gesellschaft in eine so heitere Stimmung, daß gute und schlechte Witze Lachsalven erzeugten. Das Gespräch drehte sich eben um Provinz und Provinzler, als das Dienstmädchen einen Fremden meldete, welcher den Herrn des Hauses geschäftlich zu sprechen wünsche. — Der Wirth, der keine besondere Lust zu haben l C t 0 tt. schien, jetzt von Geschäften zu sprechen, auch seine Gäste nicht verlassen mochte, einen vermuthlichen Geschäftsfreund anderseits nicht abweisen wollte, ließ den späten Besuch Hereinbitten. Zögernd und zaghaft öffnete sich die Thüre und eine hohe Gestalt betrat das Zimmer. Der Fremde drehte verlegen den Hut in den Händen, blieb an der Thür stehen, schaute sich schüchtern und ängstlich im Kreise um und wagte nicht näher zu treten. Der freundliche Hausherr schritt auf ihn zu und führte ihn zu einem Seitentischchen, dem Gaste einen Sessel hinschiebend. Der reisende Kaufmann, mit seinen Fußspitzen das Parquett kaum berührend und den den Fußboden bedeckenden Teppich scheu umsegelnd, wie selben mit seinen Stiefeln nicht zu profaniren, versuchte am äußersten Saume des Sessels Platz zu nehmen, woran ihn seine langen Kaftanschöße hinderten. Er machte sich also daran, seine Rockschöße zurückzuschlagen, aber die in seiner Rechten sich befindliche Kopfbedeckung hinderte ihn auch daran, so daß er vergebens seine Experimente wiederholte und rathlos, hilfesuchend und aus diesem Dilemma keinen Ausweg findend, dastand. Wir konnten uns eines Lächelns nicht erwehren und griffen instinktiv zu unseren Tassen, um unsere Lachlust zu dämpfen. Zum Glücke war der Thee nicht heiß, denn sonst wäre es unseren „bösen Zungen" schlecht ergangen. Herr B., um dessen Mundwinkel es ebenfalls zuckte, zwang sich ernst zu bleiben und nahm seinem Besuche den Hut aus der Hand, daß er, wie von einem Alpdrücken be-

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