Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 52 (1888)
- Issue
- Heft 23 (7.6.1888)
- Date
- 1888-06-07
- Page
- Seite 365 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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365 des Rechtes und der Ehre und der Gegenstand eines öffent-! welche der Mensch entartet; daß ein Israelit den Müssiglichen Skandals werde; daß ein Israelit verzweifle und die! gang der Arbeit, die bitteren Unterstützungen der Wohlthätig- Vorsehung verfluche, welche ihm die kostbare Gabe des Daseins i feit den süßen Früchten seiner eigenen Arbeit vorziehe." — verliehen; daß ein Israelit sich den Lastern überlasse, durch Jeuil Äus der Praxis. Von L. S. VI. (Schluß.) Die neuere und neueste Zeit haben vom Mittelalter Her- Erbschaften erhalten, die ihnen schwere Bürden aufluden und deren allmähliche Beseitigung viel Mühe, Zeit und Kosten verursacht. Die Städte, durch Wälle und Mauern eingeengt, schmale Straßen, licht- und lustlose Wohnungen, die schlechtesten Wege überall, erbärmliches Pflaster, dürftige Beleuchtung und was noch mehr, verfallende Schul-, Krankenu. s. w. Häuser und was wir noch alles aufzählen könnten. Wenn gegenwärtig die Communen über die drückenden Abgabenlasten klagen, so hat dies seinen Grund in jenen Hinterlassenschaften, und noch unsere Enkel werden an den Schulden zu tragen haben, die wir deshalb jetzt contrahiren müssen. In den jüdischen Gemeinden war es nicht besser bestellt: die meisten Synagogen verfallen, die Baulichkeiten der Gemeinde in schlechtestem Zustande, das Armenwesen desorganisirt, vor Allem aber das Bettelwesen. Von letzterem mag ich etwas ausführlicher sprechen, weil — wie ich mit Befriedigung bemerke — es in den letzten Jahrzehnten merklich abgenoinmen. Es war sehr natürlich, daß sich bis zum vorigen Jahrhundert unter den Juden der Bettel in außerordentlichen» Maße entwickelt hatte. So oft von ihren Wohnstätten verjagt, an anderen nicht geduldet, ihrer Habe beraubt, was blieb Zahllosen übrig, als der Wanderd. h. der Bettelstab? Von der anderen Seite fühlten sich die ansässigen Glaubensgenossen um so mehr verpflichtet, diesen Orchim möglichst beizustehen, sie an ihrem Tische aufzunehmen, ihnen Kleider und Geld zu verabreichen. Man hatte diese Opfer ordentlich geregelt, und jeder Wanderer erhielt von einem Vorsteher eine „Pleite", d. h. ein Billet für das Haus, in welchem er über den Sabbath Beköstigung erhielt. Hieraus zog sich aber ein gewohnheitsmäßiger Bettel groß, indem die Wanderlust in unzähligen Subjekten vorherrschend ward, Andere sich bestimmte Wege durch gewisse Provinzen nach den Jahreszeiten ordneten. So erinnere ich mich eines Mannes, der zu bestimmter Zeit eintraf, aber nichts weiter verlangte als alte Filzhüte, die er gewiß recht gut zu veri e 1 o n. werthen wußte. Hervorheben muß ich, daß sich jedoch unter uns ein wahrer Gegensatz darin bildete, daß ansässige Juden nur iin äußersten Nothfall Unterstützung »«nahmen, und so die einheimischen verschämten Armen den Gegensatz ausmachten zu den wandernden. Diese letzteren besaßen in der Regel eine nicht zu übertreffende Unverschämtheit. Sie ließen ihre Opfer nicht los, bis diese geblutet hatten, und hatten sie erst eine Gabe, so kirüpften sie immer wieder eine andere Bitte daran. Ein solcher Schnorrer warf mir einst einZweigroschenstück vor die Füße und fragte mich, ob ich ihn denn für einen Bettler halte. „Gewiß", antivortete ich ihin, nahm das Geldstück auf und wies ihm die Thüre. Welche Flüche demjenigen zu Theil ivurden, der ihrem Verlangen nicht genügte, ist nicht zu sagen. Wehe dein Manne, der das Amt, Almosen an die Wanderer zu vertheilen, übernommen hatte. Lange konnte er diese Plagen nicht aushalten; denn jeder Bettler sah ihn von vornherein als seinen Feind an und that, als ob er sich zueigne, >vas er zu fordern sich für berechtigt hielt; dabei hielten sie wie eine Kette zusaminen, und waren stets genau unterrichtet, wo Etlvas zu bekommen und wie viel etwa? Ich hatte von der Direction einer Dampfschifffahrt conzedirt erhalten, daß auf meine Einpfehlung arme Passagiere umsonst befördert wurden. Dies wußten bald die Schnorrer bis hinter Moskau und der Zudrang war so groß, daß die Direction sehr bald ihre Bewilligung zurücknahm. Es kamen aber auch lächerliche Semen vor. Ein alter Mann mit grauem Haar, hoch in den Sechzigen, trat bei mir ein. „Lieber Herr Doctor, erbarmen Sie sich meiner, ich bin ein Joßem seine Waise), habe keinen Vater und keine Mutter mehr, helfen Sie inir!" „Nun," antwortete ich, „in Ihrem Alter haben >vir Alle keinen Vater und keine Mutter mehr." Am schlauesten glaubten manche dieser Bettler zu verfahren, indem sie die Rabbiner des letzten größeren Ortes, den sie passirt, überaus rühmten, was der für sie gethan, wie der für sie herumgelaufen u. s. w. Sie wollten hiermit die Nacheiferung wecken, da man sich ja schämen müsse, weniger für sie zu thun Ich frappirte diese Leutchen immer damit, daß sie ja dann Mittel genug hätten, weiter zu reisen. Das Aergerlichste war, daß die große Mehrzahl der Rabbiner jedem Bettler ein schriftliches empfehle»»des Wort gaben, wahr-