Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1869-09-07 · Heft 36 (7.9.1869) · p. Seite 729

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
33 (1869)
Issue
Heft 36 (7.9.1869)
Date
1869-09-07
Page
Seite 729 (sequence 17)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3226690-3226727--27567-3263152
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

Allgemeine Zeitung des Zudenthums. Femlleton-Mlage zu Rr. 36. Leipzig, den 7. September 1869. Der Philosoph und der Maler. Referat von Louis Weyl in Frankfurt a. d. Oder. I. Äus der G rücke. Der Philosoph ist Mendelssohn, der Maler ist Hoffmann. Sie treffen sich und werden Freunde. Wer sie zusammenführt, ist der talentvolle Schriftsteller Robert Springer. Er thut's in seinem neuesten Roman „Gräfin Lichtenau", von welchem unlängst durch die V. Z. eine „Skizze" veröffentlicht worden. — Du stehst, lieber Leser, wie stark unser Moses von Dessa u jetzt herhalten muß. Eben erst von Hugo Müller auf die Bretter gebracht und allda zum Helden eines Miuiatur-Drama's verwandt (vergl. unser Referat in Nr. 26. d. Bl.), muß er nun schon wieder einem andern Literaten ein Werk der Lectüre würzen helfen und darin — wie man so sagt — eine „interessante Figur" bilden. Ein Glück noch, daß Moses Mendelssohn nur ein Gelehrter und nicht ein Künstler, namentlich nicht ein „musikalischer Künstler" gewesen. Denn in diesem Falle wäre er Herrn Richard Wagner in die Hände gerathen, und wie der ihn zugerichtet hätte, kann man sich denken. Bon den beiden andern Schriftstellern wird der „Philosoph" mit säubern Händen angegriffen und — man muß es sagen — in sauberster, ja in delikatester Weise behandelt. Ganz besonders ist dies von dem Novellisten Springer hervorzuheben. — Derselbe läßt nämlich unfern Mendelssohn an einem Freitag Abende in Berlin die „Lange Brücke" passiren und ihn daselbst, dicht bei der Statue des „Großen Churfürsten", eines jungen Mannes gewahr werden, der mit seinem Oberkörper so weit über das Geländer vorgebeugt ist, daß hieraus nur auf einen unheilvollen Gedanken kann geschlossen werden. Und von einem solchen ist leider auch der Kopf des jungen Mannes erfüllt, weil sein Herz von unglücklicher Liebe zerrissen, von einer Liebe, die ihn mit brennender Gluth verzehrt, aber um so weniger die heiß ersehnte Erwiderung findet, als sie nur allzuhoch sich verstiegen, ohne auch im mindesten die weite Kluft zu beachten, die da zwischen ihr und dem augebeteten Wesen ausgebreitet. — Es geht uns Nichts an, wer dieses Wesen ist; denn unser Interesse erregt nur die verzweiflungsvolle Situation, in welcher der junge Mann von dem Philosophen angetroffen wird. — Ein Druck am Arm und die, mit (der nur an Mendelssohn gewohnten) Sanftmut!) gesprochenen, Worte: „Sie beugen sich zu weit über das Brückengeländer" wirken gleich einem elektrischen Schlage auf den Verzweifelten, der sich rasch umwendet, um nun beim malten Lampenlichte „den hagern, verwachsenen Mann von kleiner Statur und mit den feurig blitzenden Augen" vor sich stehen zu sehen. — Unser Unglücklicher ist der junge Maler Hoffmann. Aber es ist eben das größte Glück für ihn. hier von Mendelssohn überrascht worden zu sein. Denn dieser hat ihn nicht nur momentan vom Tode gerettet, sondern ihn für immer sich selber und der Menschheit wievergegeben. — Wie ist dies dem Weltweisen gelungen? Er hat sanft und eindringlich zn dem Jünglinge geredet, er hat ihn aufmerksam gemacht auf den schönen Sternenhimmel und ihm gesagt, wie die Planeten und andern Himmelskörper einen — sei es auch nur mittelbaren — Einfluß auf unsere Glückseligkeit hätten. Er hat ihm erklärt, wie die Betrachtung des Weltgebändes uns eine unversiegbare Quelle sei des Vergnügens, indem sie unsere einsamen Stunden versüße, unsere Seele mit den erhabensten Empfindungen erfülle und unsere Gedanken dem Staube der Erde entziehe, um sie dem Throne der Gottheit zu nähern. Ferner: wie jeder Mensch, gleich den Sternen des Himmels, seine „besondere Bestimmung" habe, welche aber in nichts Anderem als in dem „Streben nach Vervollkommnung" bestehe, und wie endlich dieses das erhabenste Geschenk sei, welches dem Menschen von der Natur verliehen worden. — Und auf die an den Jüngling direct gerichtete Frage, ob er denn mitten in der Verwirrung seiner Gedanken und der Bedrängniß seiner Seele niemals die tröstende und warnende Stimme der Vernunft vernommen? — hat derselbe geantwortet: „Ich vernehme sie eben jetzt, wenn auch nickt aus mir selbst!" und dabei die Thränen nicht zurückhalten können. Darauf hat der Welse noch das bekannte Gleichniß angeführt von dem Leben des Ungläubigen, — d. i. dessen, der arr Gott, Vorsehung und Unsterblichkeit nicht glaube — mit einer „Wanderung in Wind und Wetter — ohne

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.