Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 32 (10.8.1869)
- Date
- 1869-08-10
- Page
- Seite 635 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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635 von der Manie her. Sie rechnen dabei, daß das größere Publikum den genauen Wortlaut der Resolutionen unterdeß vergessen hat und daher für nach und nach einzuflößende Insinuationen zugänglich ist. Allerdings sind auf dem Gebiete der Theorie diese Leute wenig zu fürchten; dazu sind sie zu abgenutzt, entbehren gegenwärtig aller geistreichen Führer und ihre Devisen sind zu bekannt. Daß sie faktisch besonders in Preußen noch eine große Macht besitzen, ist bekannt - das vermag aber nur die Folgezeit zu ändern. Den Reigen beginnt die bekannte officiose „Zeidler'sche Correspondenz," und ich gebe Ihnen hier deren Auslassung, wie sie in der „Kreuzzeitung" vom 27. Juli abgedruckt ist. „Wer wie wir von der Voraussetzung und Ueberzeugung ausgeht, daß die Action des Judenthums auf dem socialen und politischen Gebiete eine consequente und systematische war und ist, in der Hauptsache darauf berechnet, der jüdischen Nation wiederum die ihr vermeintlich gebührende herrschende Stellung zu verschaffen, den wird es nicht überraschen, wenn wir ihm den Nachweis an die Hand geben, daß die Philosophie Moses Mendelssohns und die neusten Beschlüsse der in Leipzig versammelt gewesenen jüdischen Synode nahezu übereinstimmen. M. Mendelssohn weist nämlich alle andern Völker außer dem jüdischen auf die wesentlichen Gesetze des Naturrechtes an und schreibt diesen für die Gegenwart die Aufgabe zu, die christlichen Kirchen-Bekenntnisse zu verdrängen und den Arm des Staates von jeder Einmischung in die Glaubens- und Gewissens- Freiheit zurückzuhalten. Die jüdische Synode zu Leipzig sagt anstatt „Gesetze des Naturrechtes": „Principien des neueren Staates und der neueren Gesellschaft", verlangt auch ihrerseits die völlige Entleerung des Staates von jedem religiösen Inhalt und erkennt in Entwickelung dieser Principien die „höchsten Bedingungen für Bestand und Entfaltung des Judenthums." Man sollte meinen, daß dies deutlich genug wäre, um die Ueberzeugung zu gewähren, daß die Juden Juden sind und bleiben wollen, und daß die angebliche jüdische Aufklärung auch heute keine andere Antwort verdient, als welche Hr. Moses Mendelssohn seiner Zeit durch den sehr freisinnigen Pastor Schulze aus Gielsdorf erhielt, daß sich nämlich die Aufklärung am allerwenigsten zur Verehrung eines jüdischen Beherrschers des Geisterreiches bestimmen lassen wolle." Es wird wol kaum nöthig sein, diesen Unsinn ausführlich zu widerlegen. Es ist das alte Lied, daß die Juden systematisch nach der Beherrschung der Welt streben (!!), und daran soll Moses Mendelssohn schon gedacht haben zu einer Zeit, wo er bei Passiren von Städten noch Leibzoll geben mußte, wo der Jude noch von allen Lebensberufen mit Ausnahme des Handels ausgeschlossen war, in beschränkten Judenvierteln wohnte, nur eine gewisse Anzahl Familien gründen durfte u. s. w. Der einfache Kampf um die Gewissensfreiheit, ohne welche der Jude nicht existiren kann, der also ein Kampf um das nackte Dasein für ihn ist, wird als ein Streben nach Weltbeherrschung bezeichnet. Allerdings hat Mendelssohn, und das ist ein großer Ruhm für ihn, für die Gewissensfreiheit und gegen die Allgewalt einer Staatskirche gestritten; allerdings verurtheilte er die Einmischung des Staates in die Angelegenheiten des religiösen Gewissens und hierin stehen wir ganz auf seinem Standpunkt. Hiermit ist aber erst recht die Selbstständigkeit jeder Confession in ihrem Glaubensbekenntnisse gesichert und somit keine „Verdrängung der christlichen Kirchenbekenntnisse" aus den Kirchen so wenig wie des jüdischen Bekenntnisses aus dem Judenthume verbunden, vielmehr sind sie erst recht innerhalb ihrer eignen Kreise gewahrt. Herr Zeidler hat Recht, daß wir Juden Juden sind und bleiben wollen k, antworten sihm aber wie dem Herrn Pastor Schulze aus Gielsdorf, daß er der civilisirten Welt kein Compliment, sondern einen argen Schimpf anthut, wenn er ihr insinuirt, daß Gewissensfreiheit mit der „Verehrung eines jüdischen Beherrschers des Geisterreiches" — so weit man diesen Wortschwall verstehen kann — gleichbedeutend sei. Im Uebrigen weiß Jeder, welcher die Resolution der Synode gelesen hat, daß diese viel weiter geht als Mendelssohn, daß sie nicht blos die Gewissensfreiheit, sondern auch die Gleichheit vor dem Gesetze, die Gleichheit Aller an Rechten und Pflichten dem Staate und Vaterlande gegenüber, ja auch die Freiheit des Individuums in seinem religiösen Bekenntniß ausgesprochen hat, und das sind Dinge, die von einer Herrschaft und einem Ringen nach ihr so weit entfernt sind, wie die beiden Pole der Erdkugel von einander. Aber in ihrer Angst und ihrem Aerger wissen diese Leute zu nichts Anderem Zuflucht zu nehmen als zu einem Gespenst, das sie mit dem Augenblicke in die Welt gesetzt, wo der Jude das Thor des Ghetto verlassen durfte. Gespensterfurcht überläßt man aber in unsrer Zeit den alten Weibern. 32*