Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 33 (1869)
- Issue
- Heft 25 (22.6.1869)
- Date
- 1869-06-22
- Page
- Seite 504 (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
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504 Sonntag wird die Trauung im israelitischen Tempel in der inneren Stadt staltfinden. Der pariser Figaro enthielt in diesen Tagen Folgendes : „Mein Herr, diese Wohnung ist bequem, das Haus gefällt mir, die Bedingungen sind nicht übertrieben, ich bin bereit zu unterzeichnen." „Sehr gut", sagte Herr Vantour, und holt seinen Vertrag hervor. Im Augenblicke, wo sie unterzeichnen wollen, fragt der Miether: „Apropos giebt es eine Synagoge in der Nachbarschaft?" ,,Eine Synagoge, warum?" „Weil ich regelmäßig den Gottesdienst besuche und... „Himmel, sind Sie denn ein Jude?" „Ich bin so glücklich!" „Vade retru! Mein Haus ist nicht für Ketzer!" Dies geschah rue de Maiibeuge, den 15. Mai im Jahre 1869. Nun geht hin und macht Revolutionen." Soweit der Figaro. Die Redaktion der areh. isr. fügt hinzu, daß sie leider nicht bezweifle, es fände sich solche Gesinnung ofr genug selbst im Herzen von Paris, daß die Authenticität dieser Anekdote jedoch dadurch zweifelhaft werde, daß ein so eifriger Jude wohl nicht erst vom Vermiether oder Portier den Ort zu erfragen habe, wo eine Synagoge sich befindet. Die Sache hat kaum Wichtige keit, aber wir können uns den Vorgang doch möglich denken, wenn der Miether ein Fremder oder aus der Provinz war und er eines der kleinen Bethäuser meinte, die in Paris neben der Consistorialsynagoge so zahlreich bestehen. Anekdote. Der berühmte Professor Gesenius in Halle gehörte zu denjenigen Universitätslehrern, welche die Coüegiengelder nicht stundeten. Ein Studiosus der Theologie, der spätere Professor Dr. K., wollte ein von Gesenius erst spät angekündigtes Colleg über „semitische Dialecte und Paläographie" gerne hören, aber es fehlte ihm der zu diesem Colleg nöthige Honorar-Doppelfuchs. Selbst auf die Gefahr hin, kurz abgewiesen zu werden, entschloß er sich, bei dem großen Hebräer seine Bitte um Stundung anzubringen. Bis zu seinem Abgänge von Halle, also bis Schluß des Semesters sollte er ihm das Honorar auch nur stunden. Ehrerbietigste Verbeugung K.'s, höflichst erwiedert von Gesenius. „Studiosus theol. K." „Freut mich, Sie bei mir zu sehen. Sie sind mir als einer meiner fleißigsten und aufmerksamsten Hörer von Person schon wohlbekannt. Und was verschafft mir für heute die Ehre Ihres Besuches?" Verlag von Baumgartners Buchhandlung Verantwortlicher Re! K. trägt sein Anliegen im bescheidensten Bittton vor. Gesenius, nachdem er gehört, runzelt die Stirne und steht schweigend eine ganze Weile, den Petenten fixirend. Plötzlich faßt er diesen beim Arm, führt ihn an die offene Thür und, auf seine Familie in dem Nebenzimmer deutend, spricht er: „Collegia stunden, Herr Studiosus, ist ganz gut, aber unmöglich, wenn man so stark mit Kindern gesegnet ist, wie ich es bin." Halb wirklich verlegen und erschrocken, halb den Schelm im Nacken, erwiderteer mit seltsam ängstlichem Gesichte: „Ja, entschuldigen Sie, Herr Consistorialrath, dafür kann ich doch nicht?!" „Was? Nein! Dafür können Sie allerdings nicht, was ich mir übrigens auch verbeten haben wollte!" entgegnete lachend der Professor und — stundete das Colleg. K.'s Studienzeit ist zu Ende mit dem Semester, er will Halle verlassen und alle seine Schulden bezahlen. Alles ist auch glücklich gedeckt bis auf die semitischen Dialecte Gesenius, und für diese bleibt dem Candidaten nur ein einfacher Friedrichsd'or und ein Doppelter muß es doch sein. K. mustert wieder und wieder seine Habe, was etwa zu verkaufen sei, allein er findet nichts. Sinnend mißt er den Raum seiner Bude. „Welcher gute Geist verwandelt mir diesen einfachen Friedrichsd'or in einen doppelten?!" murmelt er und betrachtet dabei den Goldfuchs in seiner Hand. „Halt! so kann's geh'n!" ruft er plötzlich und eilt die Treppe hinunter und direct in die Werkstatt seines Hausphilisters, eines ehrsamen Schlossers. „Herr Wirth, einen Hammer und ein Dreheisen!" schreit er diesen an und legt das Goldstück auf den Ambos. Erstaunt reicht ihm der Schlosser das Verlangte und behutsam schlägt nun K. mit dem Eisen in die breite Randfläche des Goldfriedrichs eine kleine Vertiefung, die immerhin mit einem ziemlich großen Punkt verglichen werden darf. „Hochverehrter Herr Consistorialrath, ich komme, Ihnen dankbarst das gestundete Colleghonorar zu überreichen," spricht er zehn Minuten später zu Gesenius und legt dabei den Friedrichsd'or, den Punkt nach oben, vor dem Professor auf den Schreibtisch. „Schön, schön! Herr Candidat, danke Ihnen. Aber verzeihen Sie," — der Gelehrte hebt das Geldstück auf — „das ist nur ein Friedrichsd'or, und das Honorar beträgt doch zwei?" „Ganz recht, Herr Consistorialrath! Das ist aber einer mit 'nem Dagesch forte!" (das hebräische Verdopplungszeichen) antwortete lernt ä coup K. und deutet dabei ernsthaft auf den Punkt am Rand des Goldstücks. „Sie wissen Ihr Hebräisch gut an den Mann zu bringen," sagte halb lachend, halb ärgerlich der Professor. „Nun, behüt'Sie Gott! Das Colleg ist bezahlt! l Gartenlaube.) Leipzig. — Druck von Z. B. Hirschfeld. eur I>i% H. Lotze.