Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 32 (1868)
- Issue
- Heft 22 (26.5.1868)
- Date
- 1868-05-26
- Page
- Seite 439 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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489 Rabrrden >tncr) orden?<&« >egs läßt, sucht eine geschäftige Neu-Orthodoxie dies zu beschönigen uud zu bemänteln. Das ist aber wirklich nicht der Weg, um Menschen aufzuhelfen, die im Winter sich meist mit Paschen beschäftigen, alle Untugenden dieser unmoralischen Lebensweise in sich ausgenommen haben und dem Staate dadurch um so verhaßter werden, je weniger er im Stande ist ihr Treiben zu beseitigen, ohne die härtesten Maßregeln zu ergreifen. Wer diese Leute kennt, weiß auch, daß Recht und Rechtlichkeit im Geschäft ihnen gar nichts gilt, und die Kaufleute von Königsberg, Tilsit rc. wissen davon zu erzählen. Der Herr vr. Rülff, Prediger in Memel, hat sich in dankenswerther Weise dieser armen Hungernden angenommen, überall hin Sammlungen anzuregen gewußt, und giebt jetzt unterm 5. Mai einen ersten Rechenschaftsbericht seiner Thätigkeit. Derselbe ist aber sehr eigen abgefaßt! Wahrscheinlich um Herrn Lehmann in Mainz zu gefallen, der zu den Sammlungen viel beigetragen, erzählt er, daß leider das Elend für die Armen im Sommer erst beginne, da der Winter ihnen keinen Erwerb gebracht, und daß diese Leute um so eher unterstützt werden müßten, weil sie selbst als Gewerbleute so eifrig Talmud studierten, daß einstens die Frauen dagegen aufgetreten, um sie lieber zur Arbeit und zum eigenen Erwerb anzuhalten. (Jedenfalls waren dabei die Frauen klüger wie ihre Männer!) Zuletzt schließt Herr vr. Rülff: „Es handelt sich nicht allein darum, in Hunger und Elend verkommene und verkommende Glaubensgenossen, sondern die Leute zu unterstützen, welchen eine große Zukunft bevorsteht. Jetzt ist es noch das Weltghetto, einstens werdet ihr aber daselbst des Glaubens und der Genossenschaft Stammhalter suchen und finden." Was dachte sich wohl der Herr Dr. Rülff unter diesen Worten? Glaubt er wirklich, daß diese Leute, in ihrer Verdumpfung und Anhänglichkeit an das Ceremoniale, einzig uud allein das Judenthum erhalten und repräsentiren werden? Wahrlich, dann hätten Viele Recht, wenn sie sich nicht mehr um das Judenthum kümmerten! Mir zitterte das Herz, als ich diese Worte las! Dabei weiß Jeder, daß gerade diese Leute wenn sie mit Andern, fern von der Heimath in Berührung kommen, am ehesten den Glauben verlassen, weil sie eben nicht die Idee, sondern nur das Aeußerliche desselben erfaßt haben. Welches Armuthzeugniß stellt damst Herr vr. Rülff den Juden Deutschlands, * Frankreichs, Italiens aus, daß sie solcher Rekrutirung bedürfen! Wohin hat uns diese Neu-Orthodoxie geführt, wenn ein deutscher Prediger solche Sätze aufstellt! Besser wäre es gewesen , wenn er die Juden Europas aufmerksam machte, diese Leute zu unterstützen und bei den Regierungen derselben dahin zu wirken, daß sie dem Unterricht und der Bildung der Neuzeit sich nähern möchten, da sie bei ihren sonstigen Talenten bei der leichten Fassungskraft ihrer Geister dann bald dahin gelangen werden, den Staaten zu nützen, die sie jetzt als unnütze, schädliche Elemente betrachten. Hierin muß etwas geschehen, sonst gehen die Leute unter, trotz allen Talmudstudiums, sie sind dann die Parias der Gesellschaft, welche sie von sich stößt, da sie die Zeit und ihre Verhältnisse nicht begreifen. Dies allein hat uns deutschen Juden geholfen, und Moses Mendelssohn und seine Freunde haben durch die Uebersetzung der Bibel und dadurch daß sie die deutsche Sprache und Wissenschaft unter den Juden förderten, wahrlich mehr gethan, als alle Rabbinen des vorigen Jahrhunderts Polnischer Abkunft, die ja auch für die Gemeinde die Stammhalter des Glaubens eine Zeit lang waren Weg mit aller Heuchelei, den Dingen grade in's Auge schauen, wenn wir nicht wieder die Jahre 1819 —1828 mit ihrem Abfall der Gebildeten erleben wollen. Mit solchen Redensarten, wie sie dieser Rechenschaftsbericht enthält, haben Sie, geehrter Herr Redacteur, den Russischen Juden freilich nicht geholfen, als Sie in ihrem berühmten Berichte und Memoire an den Kaiser aller Reußen denselben bei seiner Thronbesteigung baten, alle die Ausnahmegesetze zu beseitigen, die auf unseren Glaubensgenossen in Rußland lasteten. Aus der Provinz Posen im Mai. (Privatmitth.) Ein Mitglied der Stadtverordnetenversammlung in Raw ic z hat es sich angelegen sein lassen, im Jnterresse der Toleranz (wie es heißt) noch den Rest der Bestimmungen anzugreifen, welche den Unterschied der Konfessionen berücksichtigen. Selbst der jüdischen Religion angehörig, hat er von diesem Motive geleitet seinen Sohn bei der dortigen evangelischen Knabenschule angemeldet. Jndeß erfolgte die Aufnahme nicht, indem der Rektor der Anstalt eine solche Neuerung nicht eigenmächtig vornehmen konnte, weil der erste Paragraph des betreffenden Schulreglements ausdrücklich bestimmt, daß der Unterricht nur Zöglingen evan- 22