Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 47 (19.11.1867)
- Date
- 1867-11-19
- Page
- Seite 930 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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930 terbinden — der Tod wird dann nicht fern sein — statt durch angemessene Heilmittel, durch gesunde Nahrung, durch Bewegung und Thätigkeit die Beschaffenheit des Blutes zu verbeffern und die Stimmung der Nerven zu erhöhen. Jndeß der Herr Bürgermeister weiß es besser. Er beginnt damit selbst zu sagen: „Die Juden sind gesetzlich auf die Städte der Provinz beschränkt, nur in dem Flecken Polangen bilden sie noch eine besondere Revisionsgemeinde; sie können weder zu Landgemeinden angeschrieben werden, noch im Allgemeinen in andere Provinzen übergehen, selbst der zeitweilige Aufenthalt in diesen ist nur gewissen Klassen unter einschränkenden Bedingungen gestattet. Man sollte denken, das wäre, da hiermit das Verbot jedes Landbesitzes verbunden ist, doch Beschränkung genug, und sollten sich hieraus besondere Uebelstände Herausstellen, müßte der Bürgermeister von Mitau darauf dringen, diese Beschränkungen hinwegzuräumen. Aber nein: der große Nationalökonom stimmt für mehr Beschränkung! Weil nemlich mehr Seelen bei der Stadt angeschrieben, als anwesend sind, und dies bei den Juden um einen Procentsatz weniger der Fall ist, als bei den Christen, behauptet er, die Städte entleeren sich der Christen und die Christen werden von den Juden verdrängt, weil, „wenn bei dem Anwachsen der Bevölkerung in den Städten die Mittel zu ihrem Unterhalt nicht mehr gleichmäßig vorhanden sind, wenn die Nachfrage der Arbeit nicht mehr dem Angebot derselben entspricht und das Handwerk, der Handels- und Gewerbebetrieb den Bedarf übersteigen," dann weicht der, welcher wo anders hingehen kann, vor dem der bleiben muß, also in Mitau der Christ vor dem Juden. Wie gesagt, die einfache Logik würde, diese Sätze selbst zugegeben, sagen: nun gut, so laßt den Juden auch hingehen, wohin er will, Christ und Jude werden 'gleicherweise die überfüllten Städte verlassen, oder vielmehr diese schlechten undankbaren Städte, die für ihre arbeitenden Kinder nicht einmal ein Stück Brod haben. Aber diese Logik ist nicht Sache des Herrn von Z. Die Juden, die bis jetzt beschränkt waren, sollen nunmehr gewürgt werden. Das wird helfen. Freilich wundert man sich, wie gerade Mitau den Gegensatz zu zahllosen europäischen Städten bilden soll. Diese sind in den letzten Decennien zu einer nie dagewesenen Blüthe ausgestiegen, allesammt — wir sagen nicht zu viel — sind die Städte an Bevölkerung gewachsen und diese Zunahme, wie sie die Folge wachsenden Verkehrs, sich entfaltender Industrie war und ist, wird wieder zur Ursache steigender Bevölkerung. Anstatt daß der Herr Bürgermeister annimmt, daß in einer Stadt, wo die Bevölkerung zunimmt, das Angebot der Arbeit, des Handwerks und Handels die Nachfrage übersteigt, und dadurch die Auswanderung erwirkt, findet in allen Städten das Gegentheil statt: die Bevölkerung zieht sich zunehmend nach den Städten, und gerade dadurch wächst die Nachfrage. Ueberhaupt ist es ja bekannt, daß jeder Verkehrsplatz durch die wachsende Concurrenz an Verkehr nicht ärmer wird, sondern selbst wenn seine Industrie eine specielle ist, an dieser fortwährend zunimmt, weil dieser Platz hierdurch immer mehr Produktionsort und Bezugsquelle für diese Industrie nach immer weiteren Kreisen wird. Und dieser Erfahrung aus allen Theilen Europas sollte allein Mitau gegenüberstehn? Und diese Stadt allein sollte so beschränkte Absatzwege haben, daß durch einige wenige Tausend Einwohner mehr das Angebot die Nachfrage übersteige und die Einwohner gezwungen sind auszuwandern, und zwar Christen so gut wie Juden, die ersteren nur noch ein Mal so viel als die Letzteren! Diesen seltsamen Zustand in Mitau müßte, ehe wir ihn glauben sollen, der Herr Bürgermeister doch erst noch anders erweisen, als durch die Zahl der angeschriebenen und in Mitau nicht anwesenden Personen. Denn wir könnten ja voraussetzen, daß seit langer Zeit ein besonderes Interesse sich in Mitau anschreiben zu lassen, ohne dort zu verweilen, obwaltete, und da es nun mehr Christen auswärts gibt als Juden, so haben sich noch ein Mal so viel Christen als Juden in Mitau anschreiben lassen. Es fände dann gar keine Auswanderung aus Mitau statt, sondern vielmehr eine imaginäre Einwanderung, die bei den Christen doppelt so stark wäre als bei den Juden. Hierzu kommen wir noch aus einem besonderen Grunde. Diese vermeintliche größere Auswanderung von Christen aus Mitau als von Juden bildet den Eckstein zu dem Zwing-Uri, welches der hochpreisliche Bürgermeister für die letzeren errichten will. Er hätte diese nun Nachweisen müssen, indem er einfach sagte: 1850 wohnten so und so viel Christen und Juden 'in Mitau, 1860 so und so viel, 1867 so und so viel — dann wäre es erwiesen, und er hätte zwar immer noch nicht neue Beschränkungen darauf bauen dürfen, aber sein Eckstein, auf den er seinen Bau stellen will, hätte doch fest gelegen — wenn aber jener schwankt und fällt, wie soll dieser sich halten? Also um die Auswanderung der Christen aus Mitau zu verhindern, sollen die Juden beschränkt werden. Um