Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 43 (22.10.1867)
- Date
- 1867-10-22
- Page
- Seite 861 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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861 Paris, 10. Oktober. (Privatmitth.) Herr Großrabbiner Isidor hat bei Gelegenheit der Feste seinen ersten Hirtenbrief an die Israeliten Frankreichs erlassen: gleichsam ein Manifest bei Antritt seiner Regierung, in welcher er die Ansichten darstellt, die ihn zunächst in seinem Wirken leiten sollen. Herr Isidor legt zuerst eine Art Glaubensbekenntniß ab, das im Ganzen recht orthodox klingt. „Wir müssen," ruft er seinen Collegen zu, „jeden profanen Uebergriff, jeden tollkühnen Versuch verhindern, fernhalten die unklugen Freunde wie die treulosen Feinde. Das französische Rabbinat," hören wir hier zum hundertsten Male, „ist Gott sei Dank, nicht reformatorisch. (Leider!) Es hat bis heute sich vor diesen ungesunden Versuchen zu schützen gewußt, die anderswo die Zersetzung, die Spaltung, das Schisma hervorgerufen haben." Ein Urtheil über diese wenig passende Sprache gegenüber ehrlichen und begeisterten Bestrebungen, denen das Judenthum seine neue Gestalt verdankt, brauchen wir hier wohl nicht zu fällen, um so weniger, als Hr. Isidor sich bald widerspricht, „ns '-b ma»b Wir müssen etwas für Gott thun. Wenn das Dogma unveränderlich ist, so verhält es sich nicht ebenso mit dem Cultus. Der Cultus, wenigstens in einigen seiner Theile, ist rein menschlichen Ursprungs und wesentlich dem Fortschritt unterworfen und der Verbesserung fähig." Sehr wohl, aber wer in aller Welt hat denn unter den Reformatoren Deutschlands, die Hr. Isidor oben jedenfalls gemeint hat, an eine Veränderung des Dogmas gedacht? Was hat man denn gethan, als den Cultus von den veralteten, „rein menschlichen" Ceremonien und Gebetstücken zu befreien und andere, sicher reiner menschliche an ihre Stelle zu setzen? Aber Hr. Isidor stellt noch eine andere Bedingung: es darf kein innerer Krieg entstehen. „Die israel. Gesellschaft Frankreichs bietet im Allgemeinen das Schauspiel der erbaulichsten Eintracht. In der großen Majorität unserer Glaubensgenossen in Frankreich giebt es keinen Reformgeist." Das ist leider nur zu wahr, denn in der großen Majorität der französischen Juden giebt es überhaupt kein Interesse für jüdische Angelegenheiten. Man schlägt die — offene und heimliche — jüdische Bevölkerung in Paris auf 40,000 Seelen an; nun trete man einmal an einem Sabbath in die kleine Synagoge und sehe, wie viel von diesen orthodoxen Juden erscheinen! Oder man wohne einer Wahl zum Consistorium bei, und bemerke, daß nicht die nöthige Zahl zusammengekommen, um dieselbe vorzunehmen. Doch kehren wir zu dem Rundschreiben zurück. Es drückt den zu verfolgenden Zweck mit den überaus deutlichen Worten aus: „Wir verabscheuen den Krieg, aber wir fürchten nicht die Bewegung. Wir wollen den Fortschritt, aber wir wollen ihn friedlich, vorsichtig, vernünftig." Das ist die Gesinnung eines jeden Wohlmeinenden. Aber eine geistige Bewegung ohne Widersacher, ohne Streit ist eben unmöglich. Nachdem nun das Rundschreiben sich so vier große Quartseiten durch fortwährende, sich beständig widersprechende Phrasen gedreht, kommt endlich die Entscheidung. Hr. Isidor stellt als Ziel seines ganzen Strebens zwei große Dinge hin: erstens die Abkürzung der Mischeberach und Haskaboth; und zweitens die Ersetzung der Kantoren, die zugleich lehren und predigen, durch Lehrer oder Prediger, die zugleich Vorsingen. Dies letztere muß — so wird hinzugesetzt, um die Chasanim nicht allzu sehr aufzubringeu — nur geschehen, ohne die schon bestehenden Verhältnisse zu verletzen. Wenn diese beiden, an sich ganz lobenswürdigen Dinge erreicht sind, dann ist das französische Judenthum vollendet, und die Gleichgültigkeit, die Herr Isidor selbst konstatirt, wird einer regen Betheiligung an der Religion und an dem Gottesdienste Platz machen; der letztere soll übrigens noch durch eine passende Einrichtung der Hochzeits- und Trauerceremonien gehoben werden. Man wird die Illusionen des Hrn. Großrabbinen sicherlich nicht im vollen Umfange theilen; zugleich muß man denselben aber auch bitten, doch vor jeder weiteren Verbesserung erst die schreienden Mißbräuche abzuschaffen, die noch unter seinen Augen bestehen. Was soll man dazu sagen', daß in einer der von der Gemeinde eingerichteten Nebensynagogen (in der rue d’Ah lemagne; vielleicht auch noch in andern) regelmäßig vor und während des Vorlesens aus der Thorah, das Mizwothversteigern noch besteht, und daß selbst der h. Jomkippur durch die Töne: Schlischi trois francs! Schlischi trois francs! quatre fraucs! huit francs! Schlischi dix francs! dix francs! dix francs! etc. unterbrochen wird? Um solchen Preis möchten wir den Frieden nicht eintauschen, denn ein solcher Friede ist ein Grabesfriede.