Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 31 (1867)
- Issue
- Heft 6 (5.2.1867)
- Date
- 1867-02-05
- Page
- Seite 112 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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112 zu seinem Vortheil einen imaginären Gewinn verschafft, läßt Herr D. die Deputation derselben einstimmig ansrufen: „„Sie sind ein braver Mann, ein gemeinnütziger Mann, kein Goldmacher, kein Blutsauger, kein Jud!"" — Und um gleichsam zwei Fliegen mir einem Schlage zu treffen, nennt Herr D. die Hebräer in seiner Anrede „das auserwählte Volk!" Denn auch diesen abgedroschenen Vorwurf suchen die modernen, allerneuesten Romanciers des Jahres 1866 aus der Rüstkammer des Mittelalters hervor und hat Herr D. das Vergnügen hierin eine zahlreiche Gesellschaft zu finden. So hat Herr Spielhagen, der seine demokratische Gesinnung ganz besonders in seinen beiden neuesten politischen Tendenzromanen zum Ausdruck bringt, um die Mitte dieses Monats im Berliner Handwerkerverein „zum Besten des Unterrichts" einen Vortrag gehalten über „Faust und Nathan". Sollte man es wohl für möglich halten, daß in einem Vortrage über Nathan, dieses hohe Lied der Toleranz, böswillige Verläumdung eines Volkes ob seiner Religion Vorkommen könne? Und doch! Herr Spielhagen, der sehr liberale Herr Spielhagen hat das Unglaubliche geleistet, allerdings nur in Einem Worte, aber in einem Worte, das uns an die Judenverfolgungen des Mittelalters erinnert. Nachdem nämlich Herr Sp. den Gegensatz der beiden Dramen in ihren Hauptpersonen nachzuweisen versucht hat, fährt er fort: „Lessing hätte zum Helden seines Gedichtes einen Juden wählen müssen, auch wenn er nicht den Juden Baruch Spinoza so tief verehrt und den Juden Moses Mendelssohn zum Freunde gehabt hätte. Denn gerade das Volk der Juden, das die Menschenmäkelei zuerst getrieben, hatte später selbst am meisten darunter zu dulden, wenn es am Glauben festhielt, daß es das auserwählte Volk des Herrn sei." Wir wollen hier auf diese obzwar philosophisch und historisch klingende, doch nichts desto weniger bei den Haaren herbeigezogene Erklärung der Wahl des Juden als Helden im Nathan, nicht näher eingehen; wollen es uuerörtert lassen, ob etwa der Patriarch mit seiner allein selig machenden Kirche oder der Moslem mit seiner die Ausrottung aller Giaurs durch Feuer und Schwerdt zur Pflicht machenden Vorschrift geeigneter gewesen wären zu Propheten der Toleranz als der Repräsentant der Religion, welche, obgleich Farbe bekennend, doch gleiches Recht dem Fremden, wie dem Einheimischen zuerkennt, die Liebe des Fr emden, seine milde Behandlung nachdrücklich anbefiehlt und den i SaA aufstellt: Die Frommen aller Nationen werden der ewigen Seligkeit theilhaftig, mit welchen Lehren uud Grundsätzen sein Freund, der Jude Moses Mendelssohn, den Dichter ohne Zweifel bekannt gemacht hat. Hier haben wir es eben nur mit den Symptomen des modernen Judenhasses zu thun, deren eines wir auch in dem erwähnten Vortrage nur allzudeutlich wahrnehmen. Oder ist es eine menschenfreundliche, eines wahrhaft freisinnigen Mannes würdige That, vor einer zahlreichen Zuhörerschaft von verschiedener Bildung und Fassungsgabe es ohne Weiteres auszusprechen, die Juden seien dasjenige Volk, das zuerst die Menschenmäkelei getrieben? Was denkt sich denn Herr Sp. unter diesem Worte? Wenn er nicht geradezu ei^Unwahrheit hat sagen wollen, so konnte er darunter doch wohl nur den Anspruch des jüdischen Volkes gemeint haben, ein auserwähltes Volk zu heißen. Dieser Anspruch kann aber dem jüdischen Volke doch nur insofern imputirt werden, als die Bibel es zuweilen ausspricht: „Dich hat der Herr erwählt, daß du ihm seiest ein Eigenthum vor allen Völkern auf der Erde" (Deuteron. 7, 6. 14, 2.) oder: „Ihr werdet mir sein ein Eigenthum vor allen Völkern, denn mein ist die ganze Erde" (Exod. 19, 5.). Sonst hat das jüd. Volk während seiner ganzen Geschichte aus dieser Wahl Gottes keinerlei Ansprüche erhoben, höchstens auf Duldung und Erbarmen. Die Bibel aber erkennt ja auch das Christenthum als ein Buch Gottes an und nennt sie das alte Testament! Over steht Herr Spielhagen nicht auf biblisch-christlichem Standpunkte? Warum sagt er dann weiter in seinem Vortrage: „Faust und Ahasver sind seltsam wahlverwandt; die Unseligkeit Beider besteht in ihrer hoffärtigen Lieblosigkeit, die den einen nicht leben läßt, weil er es seinem Hochmuth nicht abringen kann, nur ein Mensch unter Menschen zu sein; die den andern nicht sterben läßt, weil er in seiner Hoffärtigkeit des Menschen Sohn von seiner Thür gestoßen." Herr Spielhagen steht also sehr auf biblisch-christlichem Standpunkt, denn er versucht sogar aus dem Ahasvermärchen quasi wissenschaftliche Münze zu schlagen. Wieso haben denn nun die Juden Menschenmäkelei getrieben? Ist es etwa historisch unwahr, daß sie das auserwählte Volk Gottes? Ist dieser Name, wenn die Juden sich ihn beilegen, in der That Usurpation, Menschenmäkelei? Der Dank, den sie in ihren Gebeten auch heute noch Gott dafür darbringen, daß er sie erwählt, Blasphemie? Wie die Griechen das auser-