Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 46 (13.11.1896)
- Date
- 1896-11-13
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Berlin, 13. November 1896. ■ WWW 60. Jahrgang. Nr. 46. Allgemeine eitung des Audenthums. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig PhiUppson-Äonn. Verlags-Crpedition: Leriin, Jerufalemerstr. 48/49 Alle Zusendungen fkr Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der j „Allgem. Zeitung des Judenthums', Berlin 8V^., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Inhalt. Leitartikel: Soziale Gerechtigkeit. — Die Woche. — Eine Frage. Von A. Treu. — Brief aus Oesterreich. — Briefe aus England. Von Rev. Dr. Cho tzner. — Arthur Schopenhauer und das Iudenthum. II. Von Dr. Fr. Rubinstein. — Das Buch Hiob. VII. Von Georg Brandes. — Feuilleton: Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. (Fortsetzung.) — Andere Zeiten. Eine Erzählung von Gotth ard Deutsch. (Forts.) Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Posen, Wreschen, Breslau, Hannover, München, Kirchen (Baden), Wien, Zürich, New-Pork. — Bon Nah nnd Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. Soziale Gerechtigkeit. Berlin, 10. November. fie wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Kämpfe unserer Zeit tragen den Stempel des Gigantischen an sich. Die europäische Menschheit erbebt unter den gewaltigen Stößen des Riesen „Soziale Frage". Eine mächtige Partei ist erstanden, wie sie so groß und so weit ausgebreitet noch kein Zeitalter gesehen hat, eine Partei, die angst- und bedenkenlos, im Lichte des Tages, daran arbeitet, die heutige Gesellschaft zu zertrümmern. Der -letzte Kongreß der Deutschen Sozialdemokratie in Gotha ist es, der uns wieder an das drohende Wetter erinnert, wenn wir vielleicht für eine Weile daran vergesten haben sollten. Er ist es, der uns den Ernst der Lage wieder einmal so recht deutlich klar macht. Und wenn wir dann über das furchtbare, weltbewegende Problem, über seine Entwickelung und Lösung Nachdenken, dann fällt uns auch unser vielverlästertes' und vielverkanntes Judenthum ein, wie es seit den ältesten Zeiten der sozialen Frage gegenübergestanden und welche Ansätze es gemacht, um sie zu lösen, — Ansätze, welche freilich zur direkten Entwickelung in Israel selbst nicht Zeit behalten sollten. Staunen erfaßt uns dann über das hochentwickelte soziale Bewußtsein unseres Stammes zu einer Zeit, in der es bei den anderen Völkern ein solches überhaupt nicht gegeben hat, ja noch mehr über ein soziales Bewußtsein, welches dasjenige, das die Nationen der Gegenwart erfüllt, weit überragt. Man wird das für eine jüdische Uebertreibung halten; man wird dem jüdischen Volke, an dem man kein gutes Haar zu lassen geneigt ist, auch diese leuchtende Seite nicht zugestehen wollen. Aber es giebt da kein Abstreiten, es giebt da kein Leugnen, kein Verdrehen, kein Todtschweigen. Die Gesinnung unserer Voreltern hat sich in Gesetzen verewigt, die Jedermann zugänglich sind, die ein Jeder Nachlesen kann, sofern er nur in der Bibel und im Talmud zu lesen persteht. Doch daran liegt es ja, daß dieses Verständniß so selten anzutreffen, daß das jüdische Schriftthum im Grunde so wenig genannt ist, so daß elende Verleumder wagen dürfen, ihre spitzbübischen Willkürlichkeiten in dasselbe hinein und aus ihm herauszuleseu. Es muß daher freudig begrüßt werden, wenn etwas geschieht, um deu Inhalt der jüdischen Gesetze vor aller Welt fest und gegen weitere Fälschungen sicher zu stellen. Und in dieser Hinsicht hat sich Herr Dr. jur. David Farbstein, der Verfasser einer neuen Schrift: „Das Recht der unfreien und der freien Arbeiter nach jüdischtalmudischem Recht, verglichen mit dem antiken, speziell mit dem römischen Recht",x) ein bedeutendes Verdienst erworben. Dasselbe liegt vom Standpunkte der jüdischen Sache weit weniger in der übrigens mit großer Gründlichkeit und Uebersichtlichkeit ducchgeführten wissenschaftlichen Verarbeitung des Stoffes, — hierfür mögen ihn die Fachgelehrten loben, — als vielmehr in dem unscheinbaren Anhang pes Büchleins, das uns alle Stellen des jüdischen Schriftthums, die über das soziale Gewissen bei den Juden Licht zu verbreiten, im strtext und in deutscher Uebersetzung anführt. Hier kann auch der /Laie die Belehrung schöpfen, die ihm der wissenschaftliche Ton der Schrift sonst erschwert. Wir können hier die Kapitel „Sklaverei" und „Schuldknechtschaft", welche für den Menschen der Gegenwart, der Nicht gerade von Wissenschaftswegeli mit ihnen zu thun hat, zu viel des Unfaßbaren und Peinlichen enthalten, füglich übergehen. Nur so viel sei erwähnt, paß auch hierin die Juden gegenüber den zeitgenössischen Völkern portheilhaft hervorstachen. Bei ihnen zeigten diese Rechts-Institute schon am Ausgangspunkte der Entwickelung ein humaneres Gepräge, als bei den Römern und Griechen am Endpunkte. Nie ward den Hebräern der Blick für das Menschthum des Sklaven verdunkelt. Ganz deutlich aber, selbst für den laienhaftesten Laien, geht der soziale Vorsprung, den unsere Vorfahren nicht blos gegenüber den antiken Nationen, sondern auch gegenüber den heutigen Kulturvölkern gewonnen hatten, aus jenem Theil der Gesetzgebung hervor, der das Verhältnis zwischen Arbeitern und Arbeitgebern behandelt. Man lese folgende Sätze und Bestimmungen: „Er versprach ihnen einen größeren Lohn, damit sie früher zur Arbeit gehen und später die Arbeit verlassen. Sie können ihm aber sagen: Du versprachst uns einen größeren Lohn, damit wir besser und fleißiger arbeiten." (Iraetat Baba Meziah S. 3a.) , „Zum Nachhausegeheu muß der Arbeiter seine Zeit verwenden, für deu Weg zum Arbeitsorte kann er die Zeit des Arbeitgebers benützen." (Ebendaselbst.) „War er ein Wochen-, ein Monat-, ein Jahrlöhner/ so bekommt er den Lohn für die Sabbathe." (Iraatat Baba Meziah 76 a.) 4 0 Verlag von I. Kauffmann, Frankfurt a. Main. 1896. '