Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 41 (9.10.1896)
- Date
- 1896-10-09
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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60. Jahrgang. Nr. 41. ^]f Serlin, 9. Oktober 1896. Gin unparteiisches Organ für alles Mische Interesse. IS flVuvm Atuo Diese Zeitung erscheint wöchentlich. I , Degrnndel V0N H°7°7»L°L Nabbiner S- Ludwig Philippson-Konn unter Streifband bezogen vierteljährl. 8 M. Nedacteur: Gustav Karpeles. | Vertags-Trpedition: iöerlin« Äerufatemerftr. 48/49 Alle Zusendungen fltr Redaktion und I Expedition find an die Adresse: Verlag der! »Allgem. Zeitung deS JudenthumS*. Berlin 8rv., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Moffe, Berlin.! Änhltkl. Leitartikel: Die verjudete Welt. — Die Woche. — Briefe aus England. Von Red. Dr. Chotzner.— Die Ethik der jüdischen Philosophen vor Maimonides. III. Von Dr. Martin Schreiner. — Das Buch Hiob. II. Von Georg Brandes. — Ein Besuch bei Leopold Znnz. Von Dr. Adolf Frankl-Grün. —Feuilleton: Das Tagebuch eines Abtrünnigen. Von I. Zangwill. — Andere Zeiten. Eine' Erzählung von Gotthard Deutsch. (Forts.) — Von der Reise. VII. Von G. K. — Kitterarische Mittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Gnosen, Aus der Provinz Posen, Beuthen O.-Schl., Gleiwitz, Essen, Karlsruhe, Wien, Budapest, Warschau, Tanger. — Von Nah nnd Fern. — Miscellen. Me verjudete Mett. Berlin, 7. Oktober. f er abgelaufene Monat ^warZ die Zeit der Kongresse und Wanderversammlungen. Die Vertreter aller Wissenschaften und Künste, aller Zweige der Industrie,^ des Handels und. des Verkehrs pflegen sich auf solchen Kongressen zu versammeln, um die Interessen ihres Standeslzu berathen. Es ist das eine, löbliche Einrichtung ^der^neuen Zeit, die gewiß viel Gutes mit sich bringt. Aber es ist weder unser Zweck noch unsere Aufgabe, über den Werth oder Unwerth solcher Kongresse uns hier des Weiteren auszulassen. Dagegen möchten wir aber eine Thatsache besprechen, die in unmittelbarem Zusammenhang mit diesen WanderversammlungeMsteht. Die drei größten derselben waren wohl der deutsche Anwaltstag, der internationale Frauenkongreß und die Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte. Da war es nun rührend, in den antisemitischen Blättern die Klagen darüber zu Ilesen, daß alle diese Kongresse „verjudet" seien. Auf dem Anwaltstage hätte man überhaupt nur Juden gesehen, auf den: Frauenkongresse fast nur Jüdinnen und auf der Naturforscher- Versammlung nur wenige Christen. Es ist natürlich, daß diese Behauptungen, schlankweg erfunden waren. Es hat wohl noch nie ein Kongreß oder eine Wanderversammlung in Deutschland stattgefunden, auf dem, sei es in welchem Berufszweige immer, auch nur eine starke jüdische Minorität vorhanden war. Die Theiluehmer solcher Versammlungen pflegen, wenn sie diese regelmäßig wiederkehrenden antisemitischen^Klagen tejen , sie für Hellen Wahnsinn zu erklären. Ja, aber in diesem Wahnsinn liegt Methode, und zwar eine ganz nichtswürdig schlaue Methode. Man muß diese Methode kennen lernen, um den Zweck, den sie damit verfolgen , zu begreifen. Es soll nämlich dadurch dem urtheilslosen, oder wenn man will,, dem vorurtheilslosen Publikum bewiesen werden, daß Mlles, was in Deutschland, ja in ganz Europa das öffentliche Leben erfüllt und. bewegt, daß na mentlich^abev Alles, was in unserem Vaterlandes er allgemeinen Strömung sich entgegenstellt, durchweg verjudet sei. Aus dieser Erkenntniß erwächst ja nothwendig eine andere, daß es so nicht weiter gehen könne, daß das Judenthum eine Weltmacht sei, mit der man rechnen, oder gegen bieman Auftreten müsse. Alle Einwendungen und Berichtigungen werden natürlich nicht ^berücksichtigt, und so bleibt schließlich sür den Theil der Bevölkerung, der seine geistige Nahrung nur aus den Blättern dieser Richtung holt, die Thatsache fest bestehen, daß Alles, alle Klassen, Stände und Berufszweige verjudet seien, daß sich das jüdische Element überall vordränge, und daß es überall, wo es eingedruugen, die Herrschaft ' an sich reiße. Würde man alle derartigen Klagen und Behauptungen systematisch ordnen und zusammenstellen, so würde das Facit bie^* sein: Die ganze Welt ist verjudet! Natürlich nur die Kulturwelt, nnd , ebenso natürlich nur die liberale Kulturwelt. Diese aber ist gründlich vom jüdischen Geiste durchseucht: die Freimaurer sowohl wie die ^Sozialdemokraten, die Aerzte wie die Anwälte, die Wissenschaft und natürlich die Presse, der Handel nnd die Industrie, die Politik und ' die Kunst. Ja, selbst in Bayreuth bilden die Juden schon die Majorität, klagte kürzlich ein antisemitisches Blatt. Daß diese Methode, Alles auf der Welt für verjudet zu erklären, wie ein Kartenhaus zusanunenstürzeu würde, wenn inan die Statistik zu Hilfe riefe, das genirt unsere Gegner natürlich nur sehr wenig. Für sie ist die Statistik überhaupt keine Wissenschaft, oder nur in dem Falle, wenn sie ihre Behauptungen zu bestätigen geneigt wäre. Mit Berichtigungen und Dementis ist da absolut nichts auszurichten, und es bleibt nur ein Mittel übrig, um die Methode in diesem Wahnsinn zu bekämpfen. Man muß nämlich den Plan, der diesen Behauptungen zu Grunde liegt, immer wieder aufdecken, damit das Lächerliche, ja Absurde derselben der bethörten Masse von selbst in die Augen springt. Eine scheinbare Unterstützung gewinnt diese oben erwähnte. Methode der Antisemiten allerdings dadurch, daß auf inanchen Kongressen die Juden, obwohl sie auch dort nur eine sehr geringe Minorität bildeten, dennoch durch ihre Leistungen in den Vordergrund traten. Aber wer dürfte es wagen, ihnen daraus einen Vorwurf zu machen? - Nur der verstockteste Parteifanatismus, nur die raffinirteste Bosheit kann aus der psychologisch sich von selbst erklärenden Thatsache, daß ein Theil überschüssiger weil nicht gleichmäßig verwendeter Kraft und Intelligenz auf einzelnen Gebieten zu stärkerer Bethätigung gelangt, einen Vorwurf oder eine Anklage erheben. Wie rasch würde sich dies Alles Ausgleichen, wenn man den Juden erst einmal die volle Parität in allen Bernfszweigen gewähren wollte, die . ihnen gesetzlich längst verbürgt ist! Allein verlohnt es sich auch wirklich der Mühe, alle diese unzähligemal wiederholten Argumente noch einmal aufzuführen? Die Einsichtigen haben sie' längst als wahr