Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 60 (1896)
- Issue
- Heft 29 (17.7.1896)
- Date
- 1896-07-17
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nie Woche. „ Berlin, 15. Juli. einiger Zeit hatte die Kultusgemeinde Wiesbaden bei der königlichen Negierung den Antrag gestellt, die nassanischen Kultusbestimmungen vom Jahre 1852 aufzuheben und durch das preußische Gesetz von 1847 über die Verhältnisse der Juden zu ersetzen. Motive: die alten Bestimmungen gewährten den Vorstehern in Kultus- und Schulangelegenheiten dein Rabbiner gegenüber zu wenig Einfluß;' außerdem müsse die Gemeinde Wiesbaden »/s (gegen 4000 Mark) zu den Kultussteuern des ganzen Regierungsbezirkes beitragen. Dieser separative Schritt erregte in allen jüdischen Gemeinden des ehemaligen Herzogthums Nassau den größten Unwillen, der in zwei eigens berufenen Vorsteherversammlungen, in Höchst und Ems, seinen Ausdruck fand. Aus der letzteren war der Antragsteller, der Vorstand aus Wiesbaden, durch drei Herren vertreten. Diese suchten durch Versprechungen, dann durch versteckte Drohungen die Vorsteher für ihren Antrag zu gewinnen. Trotzdem nahm die Versammlung eine Resolution an, die sich in scharfen Worten gegen die Petition ausspricht. Diese Resolution ging, von sämmtlichen Anwesenden, mit Ausnahme der drei Herren aus Wiesbaden, unterzeichnet, direkt an die königliche Regierung ab. lieber den weiteren Verlauf der Sache wollen wir später berichten. * In dieser Woche sind 25 Jahre verflossen, seitdem die „Auglo Jewish Association" in der jüdischen Westminster-Freischule in einer großen Versammlung begründet wurde. Der deutsch-französische Krieg war gerade vorüber, und die Alliance Jsraelite, welche ihre bewunderungswürdige Kulturarbeit im Orient eingeleitet hatte, lvar vorübergehend in den,Hintergrund getreten. Moses Montefiore stand in seinem 88. Lebensjahre, und es war vorauszusehen, daß er nicht mehr in gleicher Frische wie einst 1840 in Alexandria und Damaskus und dann in Jerusalem und Rußland die Sache der Judenheit werde führen können. Die Begründung der Auglo Jewish Association war ein Segen, umsomehr als diese Gesellschaft stets Hand in Hand mit der Alliance geht. Der erste Präsident der Auglo Jewish Association war Profeffor Valey, der indeß ans Gesundheitsrücksichten bereits im ersten Jahre der Wirksamkeit der Gesellschaft zurücktrat. Baron Henry de Worms, jetzt Lord Pirkbright, stand länger als ein Jahrzehnt an der Spitze der Gesellschaft, der er seine umfassenden parlamentarischen und diplomatischen Beziehungen zur Hebung der Lage seiner in verschiedenen Ländern hart bedrängten Glaubensgenossen zur Verfügung stellen konnte. Nicht weniger hervorragend thätig war sein Nachfolger Sir Julian Goldsmid, der noch bis zum vergangenen Jahre die Anglo Jewish Association leitete; er hat Hundertauseude für das Sckul- und Bildungswerk der Gesellschaft aus eigenen Mitteln beigesteuert. Der jetzige Präsident. Herr Claude Montefiore, ein Neffe des unvergeßlichen Moses Montefiore, ist auch in Berlin wohlbekannt; er hat hier einige Zeit hebräischen Studien obgelegen und ist Vielen schon damals wegen seines heiligen Eifers als zukünftiger würdiger Nachfolger des Sir Moses erschienen. * Dr. Theodor Herzl aus Wien, welcher seit einiger Zeit in London weilt, um Propaganda für eine von uns mehrfach erwähnte Idee der Gründung eines eigenen jüdischen Staates zu machen, trug dort neulich seinen Plan auch der Makkabäer-Gesellschaft vor. In der Versammlung begegnete man sowohl Juden wie Christen. Ist es doch eine bekannte Thatsache, daß keine christliche Nation eine solche Theilnahme an dem Schicksal der Juden und an deren Rückkehr nach Palästina nimmt, als die englische. Dr. Herzl erklärte in seiner Rede, daß der Sultan seinem Plane günstig gesinnt sei und auch eine große Anzahl seiner Glaubensgenossen auf dem Kontinent ihn zu unterstützen bereit sei. Der jüdische Schriftsteller Zangwill und der englische Maler Holman Hunt gaben dem Vortragenden Recht. Es fehlte jedoch nicht an starker Opposition. Der Oberrabbiner für das britische Reich, Dr. Adler, verhält sich dem Plane Dr. Herzls gegenüber höchst abweisend. * In Rußland beschäftigt sich jetzt die Presse sehr viel mit der Frage, welchen Antheil die einzelnen Nationalitäten und Bekenntnisse an der Krönung genommen haben. Vielfach bemerkt wird bei diesem Anlasse ein Artikel des hochosfiziösen „Warszawski Dniewnik", der über den Antheil der polnischen Juden an dem russischen Nationalfest im Gegensatz zu der mehr als kühlen Betheiligung der christlichen Polen an demselben sich in günstigster Weise ausspricht. Das nichts weniger als judenfreundliche Blatt kann nicht umhin, ausdrücklich und sicher auf höhere Weisung gu konstatiren, daß die Juden in Polen überall, auch in den kleinsten Gemeinden, die Krönung des Zaren durch Gottesdienst und Wohlthätigkeitsakte gefeiert haben, obwohl sie ja von allen das große Zarenreich bewohnenden Völkerschaften am wenigsten Veranlassung dazu gehabt haben, Freudenfeste, zu feiern. Der vielkonnuentirte Artikel des offiziösen Blattes schließt mit der emphatischen Erklärung, daß vom Tage der Krönung ab für die „Polen mosaischen Bekenntnisses" eine neue Aera beginne. Nous verrons! -Sr- Bericht über dir 14. Jahresversammlung des sndmestdentsthen Verstandes israelitischer Lehrer und Kultnsbramten. f ie diesjährige Jahresversammlung unseres Verbandes fand gemäß der Einladung des Vorstandes am 24. und 25. Mai d. I., Nachmittags 3 Uhr beginnend, in Trier im Berathungssaale des Gemeindehauses statt, welcher vom Vorstande der dortigen Synagogen- Gemeinde mit dankenswerther Bereitwilligkeit zur Verfügung gestellt war. 1. Tag. Mit herzlichen Begrüßungsworten bewillkommnete der Vorsitzende, Kollege Eppstein-Hoppstädten, die zahlreich erschienenen Mitglieder. Unter allseitiger Zustimmung hob er hervor, daß es endlich doch gelingen möge, die Ideen Pestalozzis, dessen Andenken in diesem Jahre vom den Lehrern Deutschlands gefeiert wird, auch für die jüdische Religionsschule fruchtbar zu machen. Er gedachte mit innigen Worten des kürzlich verstorbenen, für das Vereinswesen und die Hebung unseres Standes hochverdienten Kollegen Sender-Tholey, dessen Andenken von der Versammlung geehrt wurde. — Herr Oberrabbiner Dr. Baßs reund-Trier begrüßte die Versammlung im Aufträge des D. I. G. B., der auch in diesem Jahre einen Zuschuß zu den Reisekosten gesandt hatte. Bei der Vorstandswahl wurde der bisherige Vorsitzende Eppstein- Hoppstädten und dessen Stellvertreter Nußbaum-Trier wieder- und Ransenberg-Neuwied zum Schrift- und Kassenführer neugewählt. — Der Kassenbericht ergab einen Bestand von ca. 50 Mark. In der Berathung über Eintritt in den Lehrerbund gab der Delegirte, Eppstein-Hoppstädten auf besonderen Wunsch einen Bericht über die Verhandlungen der Delegirten-Versammlung in Berlin, obgleich die Zeitungsberichte längst bekannt sind. Seine Darstellung stand in vollem Gegensätze zu den Berichten, die in Zeitungen und Vereinen in gehässiger Weise von Feinden des Lehrerbundes abgestattet sind, und rief