Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1896-02-28 · Heft 9 (28.2.1896) · p. [Seite]

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
60 (1896)
Issue
Heft 9 (28.2.1896)
Date
1896-02-28
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/3224737-3228148-3228158--52612-3258244
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

5 entity mentions

60. Jahrgang. Nr. 9. Berlin, 28. Februar 1896. 4n »tito Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements.Preis: Dnrch Buchhandel, Postoder direkt von derExpedition inBerlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3M. Redaeteur: Gustav Karpelcs. Begründet von - Rabbiner Ludwig Plhilippson-Konn. Verlags-Grpedrtion: Berlin, Jerufalemerftr. 48/49 Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der' .Allgem. Zeitung deS Judenthums*. Berlin SW.. Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Iuhllkk. Leitartikel: ..Der „Judenstaat." — Die Woche. — Aus der Berliner Gemeinde. — Unsere Glaubensgenossen im Lande des Abasverus. Von Tr. Max Grünfeld. — Ein Faschingszua im Prager Ghetto. Von Rudolf Kars. — Abraham Geigers Briefe an I. Derenbourg. Von Pros. Dr. Ludwig Geiger. — Feuilleton: Josef der Träumer. Erzählung von I. Zangwill. — Leib Weibnacbtskuchen und sein Kind. Novelle von Karl Emil Franzos. — Haman. Von EmilLehmann. — LitterarischeMittheilungen. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin. Ostrowo. Samotschin. Myslowitz. Breslau. Saalfeld i. Th.. Oberstem. Wien. Budapest. London. New-York. — Bon Nah und Fern. — Miseellen. — Geschäftliche Notizen. „Der Iudenstaat". Berlin, 25. Februar. «nter obigem Titel ist soeben in Wien eine kleine, aber sehr merkwürdige und beachtenswerthe Schrift erschienen. Der Verfasser derselben, Dr. Theodor Herzl, ist einer der geachtetsten und begabtesten Journalisten, ein Mann von Geist nnd Herz, der üb'roll, durch seine Schöpfungen wie durch seine Persönlichkeit, die wärmsten Sympathien gefunden hat. Dieser Malm, der — es muß dies ausdrücklich betont werden! — obwohl von Geburt Jude, sich ooch wohl kaum vorher ernstlich um Inden und Judenthum bekümmert hat, ist nun infolge der Ereignisse der letzten 20 Jahre — ein begeisterter Zionist oder mindestens ein begeisterter Vorkämpfer für die Idee der Wiederaufrichtung der jüdischen Nationalität geworden. Die Resultate seiner Studien und Beobachtungen hat er in dieser Schrift niedergelcgt, die, wie gesagt, nach mehreren Richtungen hin eine mehr als syinptomatische Bedeutung hat. Freilich, wer da meint, die Idee, alls der diese Schrift hervorgegangen ist, oder diese selbst mit einigen billigen Witzen oder gar mit harten Scheltworten abthun zu fönnen, der würde sich doch wohl aus einem argen Holzwege befinden. Wir haben schon vor Jahren davor gewarnt, die sogenannte zionistische Bewegung einfach zu übersehen oder mit fadenscheinigen Argumenten vernichten zu wollen. Man hat uns deshalb — was ja im Grunde mehr lächerlich als boshaft war — der Hinneigung zum Zionismus beschuldigt, während wir doch diese Strömung von Anfang an mit aller Entschiedenheit bekämpft haben, weil wir sie für utopistisch und' unjüdisch gehalten haben und noch immer halten, ohne daß wir aber darum den auf Kolonisation Palästinas gerichteten Bestrebungen je unsere Sympathie versagt Hütten. Auch die Darlegungen Herzl's haben uns keines Besseren zu belehren vermocht. Als ein klnger nnd gewandter Publizist hat er die Haupteiuwände, die mau gegen seine Idee erheben konnte, dadurch zu entkräften gesucht, daß er mit ihnen die Gegner seiner Idee selbst angreift. Nach dem strategischen Grundsatz, das; die beste Deckung der Hieb sei, erklärt er Diejenigen, welche die Lösung des Knotens und das Ende aller Wirren nicht in -der Wiederherstellung der jüdischen Nationalität, sondern in dem fortschreitenden Sieg der menschlichen Humanität und der Völkerfreiheit erblicken, für Schwärmer und Utopisten. Ja, er verwahrt sich sogar ausdrücklich dagegen, daß man seine Schrift für einen Staatsromau ausgebe. Es ist ihm heiliger Ernst um die Sache, und mau muß , — hat man von der Praemisse abgesehen oder dieselbe gar zugegeben — ehrlich eingestehen, daß seine Ausführungen durchaus : sachlich, frei von Fanatismus und Schwärmerei, klar und verständig, ja sogar praktisch erscheinen. Aber jene Voraussetzungen sind es ja eben, die wir von unserem :! Standpunkt durchaus nicht zugeben können, so daß wir uns in die Details des Herzl'schen Planes gar nicht einmal ein-;! lassen dürfen, weil wir der Ueberzeugung sind, das; die schweren und gewichtigen Bedenken, die wir gegen jene Voraussetzungen er-; heben müssen, allein schon das Fundament des „Judeustaates"!- erschüttern müssen. Der gewichtigste Einwurf gegen den Plan Herzl's ist und bleibt der religiöse. Die Vorkämpfer der zionistischen Bewegung haben dies ailch richtig herausgefühlt und deshalb das religiöse Moment entweder ganz alls dem Spiel gelassell oder einfach über Bord geworfen. Und doch ist die religiöse Idee, man mag sagen/ was mail wolle, das einzige feste Balid, das die Judeil zusammenhält. Um dieser religiösen Idee willen haben sie gelitten und getragen, und nur diese religiöse Idee ist es, die ihnen Existenzberechtigung ^gewährt/ Theodor Herzl hat aber dieses wichtigste Momeut gerade f am wenigsten beachtet. Er hat übersehen, daß die orthodoxen Juden selbständig gar nichts für eine Wiederherstellung der jüdischen Nationalität thun dürfen*) und daß den Reformjuden nicht die Wiederherstellung der Nationalität, sondern die prophetischen Verheißungen voll einer Zeit der Veredelung des ganzen Menschengeschlechts, wo der Ewige Köllig sein wird über die ganze Erde, wo Gott einzig und sein Name als einzig anerkannt werden wird von allen Menschen, als das letzte ideale Ziel gelten. Was aber zwischen diesen beiden großen Richtungen liegt, das ist eine träge Masse, die entweder in Materialismus versunkell oder zum Abfall *) Durch zwei Eidschwüre, so lehrt der Talmud, Ketubot lila, mit Hinweisung auf die heilige Schrift, hat Gott Israel verpflichtet, die Wiederherstellung seines Staates nicht selbständig und gewaltsam zu versuchen nnd den Staaten, die es ausgenommen, strengste Treue zu bewahren. Die Zeit der Erlösung ist nur Gott allein Vorbehalten nnd bekannt. Gott wird alle Israeliten, so lehren die orthodoxen Lehrbücher der Religion übereinstimmend, einst wieder zu einer Nation vereinigen und sie in ihr ehemaliges Land durch den persönlichen Messias zurückführen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.