Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 35 (29.8.1882)
- Date
- 1882-08-29
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227429--40144-3257766- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Allgemeine Zeitung des Iudmthums. Ein M-artenfches Organ fiir alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) und Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. Herausgegeben von Rabbiner Dr. Ludwig Wlippson in Bonn. GXpeörLion: Leipzig, WoßpLcth 18. In redactionellen Angelegenheiten j wende man sich an Dr. L.PHilippson in Bonn direct, in allen übrigen an die I Berlaashandlung. Beilagen (Gebühr 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. I 46. Jahrgang. Leipzig, den 29. August 1882. No. 35. Jtthalt, Leitende Artikel: Zu den bevorstehenden Feiertagen. I. — Die gegenwärtige Lage in Rußland. — Russische Briefe. XIII. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Dresden, Bremen. — Oesterreich-Ungarn: Von der Donau, Pest, Lemberg. — Niederlande: Haag. — Rußland: Grodno. —. Rumänien: Galatz. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Moses Mendelssohn und Johann G. Zimmermann. Von Dr. M. Kayserling. £cii'<yi'iDe- Ctzi'Uicf. Bonn, 23. August. Zu den bevorstehenden Feiertagen. ' .. i. „Wächter, wie steht's um die Nacht? Wächter, wie steht's um die Nacht? Der Wächter spricht: der Morgen kommt und auch die Nacht; Wenn Ihr begehret, begehrt! Kommt wieder!" (Jesaias 21, li. 12.) . Wie steht es um die Nacht? Sind es die Schatten der Nacht, welche den Himmel verhüllen, daß nur hier und da einer der ewigen Sterne seinen funkelnden Strahl herabsendet? Oder sind es schwarze Wetterwolken, welche den Horizont umzogen und schreckendes Dunkel in die Gemüther der Menschen sanken? Die Blitze, die bald hier, bald dort herniederzucken und die Erde in grellem Lichte zeigen, sind sie die Nachzügler des abziehenden Unwetters oder neue Boten des wiederkehrenden Sturmes der Elemente? So fragen wir^in der Nacht des Geschickes, die uns umgiebt, die über uns hergezogen und unserem ungeduldigen Harren nicht weichen will. So fragen wir wie einen Wächter das herannahende Neujahrsfest, was es uns bringen werde, nachdem fast drei Jahre hindurch Verfolgungen, zum Theil der härtesten Art unsere Glaubensgenossenschaft betroffen, ein Sturm gegen uns sich in dem einen Lande erhoben, nach dem anderen sich verpflanzt hatte und wieder in ein drittes übergesprungen war, ein Sturm von Beschimpfungen, Verlästerungen, von Plünderungen und Mord. Hatte er sich an dem einen Ende Europas gelegt, wachte er am anderen aus, und da, wo man es nicht erwartet, sprang er von Neuem auf und rüttelte an den bestehenden Verhältnissen; ein Sturm, der uns um so heftiger ergriff, je unerwarteter er kam, je unverhoffter er uns überfiel. Was der Wächter antwortet, ist gerade nicht tröstlich; es kommt der Morgen, aber auch die Nacht. Haben wir den lichten Morgen zu erhoffen, so kehrt doch auch die Nacht wieder. Auf den hellen Tag folgt abermals die dunkle Nacht. Wir mögen uns des ersteren freuen, aber auch der zweiten gewärtig bleiben. Wenn Ihr begehret, begehrt! Aber daß es erfüllt werde, dafür wird keine'Bürgschaft gegeben. Was ist es, was wir begehren? Nichts, als Ruhe und Sicherheit; nichts als daß wir auf dem Boden des Gesetzes und innerhalb des Gesetzes unsre Kräfte frei entfalten und verwenden dürfen zu unserem und zu der Gesammtheit Bestem. Wir wollen, wie alle unsre Mitbürgerstreben und arbeiten, erwerben und für das Leben verwertheu. Wir wollen, wie alle Söhne des Baieiländes, Pflicht ulld Recht üben > im Geiste und Leben desselben, die Stelle ausfüllen, die uns das Geschick gewährt und die wir'durch unsre Anstrengung erwerben; wir wollen unsre Kinher hierzu^ erziehen, unsre Jugend hierzu heranbilden. Dazu-begehren wir den Schutz der Gesellschaft, den sie uns schuldig ist, die Sicherheit des Lebens, des Vermögens und der Ehre, die der Staat jedem Bürger gewähren muß. Wir stehen hiermit ganz und gar auf derselben Linie, auf welcher alle Angehörigen des Staates stehen. Wir thun und treiben, was-sie ". - ■ . .35