Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 26 (27.6.1882)
- Date
- 1882-06-27
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Preis Vierteljährig 3 Mark. Abonnement in Deutschland (Postzeitungsliste Nr. 92) vnd Oesterreich bei allen Postämtern, außerdem durch den Buchhandel. 46. Jahrgang. Herausgegeben von Rabbiner vr. Ludwig Philippson in Bonn. Expedition; und Verlag: * In redactionellen Angelegenheiten wende man sich an vr. L. Phrlippson in Bonn direct, in allen übrigen an die > Berlqgshandlung. Beilagen (Gebühr j 12 M.) sind gleichfalls an letztere einzusenden. Baumgärtner's Buchhandlung in Leipzig.; v Leipzig, den 27. Juni 1882. No. 26. Inhalt. Leitende Artikel: Die Wende in Rußland. — Bekanntmachung. — Di^Eintvanderungsfrage im ungarischen Abgeordnetenliause. II. — Die Lage der Emigranten in Brody und Eydtknhnen. III. — Die durchschnittliche Bevölkerung und Einwanderung. — Literarischer Wochenbericht. — Zeitungsnachrichten: Deutschland: Berlin, Frankfurt a?M., Cottbus, Posen, Stettin. — Oesterreich- Ungarn: Aus Ungarn, Pest, Brody. — Frankreich:.Paris, Marseille. — Rußland: Warschau. — Rumänien: Galatz. — Türkei: Konstantinopel. — Bonn: Notizen. — Feuilleton: Die. Vertreibung der Juden aus Spanien in „Torquemada", Drama von Victor Hugo. £ci-tevu)e Ct-zMUeC. , Jv.-v- Bonn, Juni. Die Wende in Rußland. Was wir in Nummer 19 und 23 voraussehen zu können glaubten, daß nämlich in Rußland für unsre unglücklichen Glaubensgenossen eine Wendung zum Besseren eingetreten sei, scheint sich jetzt zu erfüllen. Graf Jgnatiew ist durchs' kaiserlichen Ukas seines Postens als Minister des Innern enthoben worden, und nur Mitglied, des Reichsraths und Generaladjutant des Kaisers geblieben./ An seine Stelle tritt Graf Tolstoi. — Der letztere, früher Minister des Unterrichts, wird zwar als von reaktionärer Gesinnung, jedoch zugleich als ein durchaus toleranter Mann, der allem Religions- und Rassenhasse fern sei, geschildert. Wie dem aber auch sei, die Absetzung Jgnatiew's ist an und für sich schon eine außerordentliche Erleichterung für die russischen Juden. Alle europäischen Blätter sprechen es aus, daß es vorzugsweise die „Judensache" gewesen sei, welche den Sturz Jgnatiew's, wenn' auch nicht geradezu herbeigeführt, doch vollends, bewirkt habe. Sei es, daß Kaiser Alexander IH erst nachträglich von dem ganzen Umfange dieser gräßlichen Scenen und ihren Folgen, namentlich von der Wirkung, welche sie aus die europäische Meinung ansgeübt haben, volle Kenntniß erhalten hat; sei es, daß die scharfe Opposition, in welche gerade wegen der Behandlung der Juden ein einflußreicher Theil der panslavistischen Partei und deren Führer Katkow, gegen Jgnatiew eingetreten war, den letzteren unhaltbar gemacht hat — jedenfalls muß zugleich eine Aenderung des Systems hinsichtlich der Juden vor sich gehen; es muß "der neue Minister des Innern vor Allem den kaiserlichen Ukäs über die strenge Bestrafung aller fernerhin an den Juden verübten Uebelthaten mit größtem Nachdruck ausführen; es dürfen weitere Austreibungen von Juden nicht stattfinden; es möchten wohl auch weitere Ausnahmegesetze gegen die Juden nicht erfließen. Dies ist es, was wir als thatsächlich logische Folge der Absetzung Jgnatiew's erwarten und erhoffen. Denn das haben ja die russischen Blätter selbst eingestanden, daß Jgnatiew der Hauptträger alles dessen gewesen, was seit anderthalb Jahren in Rußland über die Juden hereingebrochen. Die Nachlässigkeit der Behörden in der Bekämpfung der Erneuten, die sich in fast allen Fällen wiederholte; die Straflosigkeit, welche den Verbrechern gewährt wurde, und in deren Folge die Ausbreitung und Verstärkung der Plünderungen, Mordthaten und Schändungen, alles dies konnte nur durch die Connivenz des Ministeriums des Innern so lange Zeit hindurch zur Schmach und Schädigung Rußlands geschehen. Die grausame Austreibung der Juden aus Städten, wo sie so lange Zeit geduldet waren, zum . großen Theile auch nach gesetzlichen Bestimmungen sich niederlassen durften, konnte nur auf Befehl oder mit Zustimmung des Ministers des Innern vor sich gehen. Endlich ist es ja bekannt, welche weitgehende Ausnahmegesetze dieser