Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 46 (1882)
- Issue
- Heft 21 (23.5.1882)
- Date
- 1882-05-23
- Page
- Seite 348 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/3224737-3227393-3227415--39909-3257517- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
besitz im Reich haben dürfen. Man verhandelt jetzt über die anzuweisenden Ländereien. Die Regierung will bekanntlich Boden in Syrien hergeben, aber in Palästina' keine Juden zulassen. Inzwischen hat schon eine Privatauswanderung russischer Juden über Odessa begonnen; die aber ist nach Palästina gerichtet und die türkische Regierung arbeitet ihr infolge dessen entgegen. Sie hat ihren Consul in Odessa beauftragt, keine Auswanderungspässe nach dem Heiligen Lande mehr zu visiren. — Soweit der Bericht. Fragt man. warum die türkische Regierung die Juden in Palästina nicht einwandern lassen will, so kann man sich nur einen politischen Grund denken. Bekanntlich wohnen jetzt schon drei Mal mehr Juden als Mohamedaner in Jerusalem. Der Regierung erscheint es wohl für die Zukunft gefährlich, eine jüdische Massenansammlung in Palästina zuzulassen, die bei eventuellen Erschütterungen des Reiches an einen unabhängigen Besitz des heiligen Landes denken könnte. Das letztere ist aber auch von religiöser Seite den Mohamedanern eine heilige Stätte für ihren Cultus. Eine andere Gedankencombination läßt sich für ihre Weigerung nicht finden^' Eigenthümlich: Die Antisemiten rufen: Die Juden sollen nach Palästina! Die Türken rufen: Nicht nach Palästina! Glücklicher Weise giebt es eine Macht, die höher ist als die Antisemiten und die Türken. Amerika. Washington, 24. April. Wie die „C. T. C." aus Washington von heute meldet, empfing Präsident Arthur am heutigen Tage mehrere Personen, welche um seine Jnterzession zu Gunsten der russischen Juden nachsuchten. Der' Präsiident erwiderte, er werde sein Möglichstes thun, um die russische Regierung zu veranlassen, .den Juden wirksamen Schutz angedeihen zu lassen und habe in dieser Beziehung bereits dem amerikanischen, Gesandten in Petersburg entsprechende Instruktionen ertheilt. Unter allen Umständen würden die amerikanischen Juden, welche provisorisch in Rußland ihren Wohnsitz hätten, von den Vereinigten Staaten geschützt werden.. Ae u illeto n. Wie Moses MenLelssoh» berühmt wurde. Bon K. WatKewitz. Unter dieser Ueberschrift bringt die Sonntagsbeilage zur „Voss. Z." vom 23. April einen interessanten Aufsatz, der einen Vorgang ausführlich beschreibt, welchen auch Kayserling in seinem „Moses Mendelssohn" S. 122 bespricht, jedoch gedrängter und nicht ohne einige kleine Irrungen. Wir heben deshalb das Wesentliche aus gedachtem Artikel heraus, ohne indeß die Bemerkung zu unterlassen, daß immerhin M. M. durch diese Affaire in Berlin bekannter geworden sein mag, aber sicherlich seine „Berühmtheit" ihr nicht zu verdanken hatte. In überraschender Weise geht daraus hervor, wie selbst die höheren Schichten der Gesellschaft, Akademiker eingeschlossen, mit der deutschen Literatur und deren hervorragendsten Vertretern damals, es war gegen Ende des siebenjährigen Krieges, noch völlig unbekannt waren und sich stets bereit zeigten, die Bestrebungen um dieselbe, statt zu fördern, zu unterdrücken. Nicolai hatte sein zweites journalistisches Unternehmen/ die bekannten und höchst wirksamen „Neuesten Literaturbriefe" begonnen, als ihm plötzlich am 18. März 1762 vom Generalfiscal Geh. R. Uhden ein Schreiben zukam, welches ihm mittheilte: der König habe den ferneren Druck und Debit der Literatutbriefe verboten. Nun hatte Nicolai die Manuskripte dem Gesetze gemäß sorgfältig der Censur vorgelegt und deren Imprimatur erhalten. Er erfuhr bald, daß das Verbot von den Justizministern, welche den Staatsrath ausmachten , ausgegangen war. Unterdeß hatte Mendelssohn eine Aufforderung erhalten, am nächsten Vormittag vor dem Generalfiscal zu erscheinen. Herr Walkewitz fährt fort: Moses Mendelssohn war sonst sanften ruhigen Wesens; wenn es aber darauf ankam, Festigkeit zu zeigen, war er voll Standhaftigkeit und Würde. Die finstere Amtsmiene, mit welcher ihm der Generalfiscal entgegentrat, schreckte ihn daher nichts Mit welcher Verachtung auch der Beamte auf' den kleinen verwachsenen Mann herabschaute, den er übrigens nie vorher gesehen, von dessen Schriften er auch bis dahin Nichts gehört hatte, Mendelssohn blieb gefaßt und heiter und von seinem Munde floß die Weisheit Nathan's. Nicolai hat einen Theil des Gesprächs, welches sich bei dieser Gelegenheit zwischen dem Philosophen und dem Generalfiscal ent- , wickelte, wörtlich wiedergegeben. So mag es hier folgen: G. Hör' Er, wie kann Er sich unterstehen, wider' Christen zu schreiben? M. Wenn ich mit Christen Kegel schiebe, so werfe ich« alle Neune, wenn ich kann. G. Untersteht Er sich zu spotten? Weiß Er wohl, mit wem Er redet? M. Oh ja! Ich stehe vor dem Herrn Geheimen Rath und Generalfiscal Uhden, vor einem gerechten Manne. G. Ich frage Ihn noch ein Mal: wer hat Ihm erlaubt, wider einen Christen und noch dazu wider einen Hpfpredrger zu schreiben? M. Ich muß nochmal/ wiederholen, und wahrlich ohne Spott: wenn ich mit einem Christen Kegel schiebe, wäre es