Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 48 (25.11.1879)
- Date
- 1879-11-25
- Page
- Seite 755 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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es auch sei, den Vorrang zugestehen zu müssen. Sie begeben sich daher oft genug auf die Fährten jener und ahmen sie nach. Wie wäre es da zu verwundern, daß ste es nicht ertragen können, die Ultramontanen seit Jahr und Tag die feindseligsten Angriffe auf die Juden richten zu sehen, ohne auch ihrerseits Speer und Schwert zu erheben? Stöcker sucht diesen Makel von seiner Partei abzuwälzen und tritt als Agitator gegen die Juden auf. Aber auch hier zeigt sich, daß, wo und sobald die Protestanten das eigentliche und erhabene Wesen des Protestantismus verlassen und verleugnen, wo sie als eine verketzernde und verdammende Partei auftreten, sie weit hinter den Ultramontanen Zurückbleiben und sich gegen diese nur als Schwächlinge erweisen. Mit aller möglichen Anstrengung reicht doch Stöcker einer „Germania", „Schlesischen Volkszeitung" und den anderen Organen der ultramontanen Partei in der Judenhetze nicht das Wasser. In den Zielen sind sie sich freilich gleich. Nimmt man all' das Phrasenhafte hinweg, so wollen sie einerseits den Pöbel zu einem Angriff auf die Juden Hetzen, andererseits die Gesetzgebung zu den äußersten Ausnahme- und Beschränkungsgesetzen gegen die Juden zurückschrauben. Beides ganz auf mittelalterlichem Fuße. Nun, das eine Ziel haben sie bis jetzt völlig verfehlt, zum anderen wollen wir ihre Schritte abwarten. Die beste Broschüre gegen Stöcker ist uns in diesem Augenblicke zugekomme: Anti-Stöcker. Offener Brief und Nachwort von I)r. E. Lefson, Sanitätsrath und Kreisphysicus a. D. Berlin, Schildberger 1879. Sie begleitet Stöcker Schritt vor Schritt, zeigt ihm, oft mit feiner Ironie, wie er seine Karten gemischt, wie er mitten durch unhaltbare, unlogische und unerwiesene Behauptungen und Verdrehungen aller Art, wozu auch unverdaute socialistische Phrasen von „Beseitigung des Hypothekenwesens im Grundbesitz, der unverkäuflich und unverschuldbar gemacht werden muß, Aenderungen des Creditsystems, welche den Geschäftsmann von der Willkür des großen Capitals befreit, Aenderung des Börsen- und Actienwesens" u. s. w. gehören, nichts beabsichtigt, als die urtheilslosen Zuhörer mit feindseligen Schlagwörtern zu versehen. Dies gelingt dem Verfasser vollständig, einem in Amt und Ehren ergrauten Manne. Freuen soll es uns, wenn der Verfasser Recht hätte, am Schluffe seines „Nachworts" zu sagen: „Jetzt sehe ich freudiger und zuversichtlicher in die Zukunft. Die Erhaltung des bürgerlichen Friedens verdanken wir dem Sinne für Freiheit und Recht in der Berliner Bürgerschaft. Aus die „Hellen Flammen der brennenden Frage" Stöcker's mit ihren Brandreden, Massenversammlungen, Glaubenstourniren, Musterreden, Resolutionen und Antisemitenliga fällt der kalte Strahl der — ungeheuren Lächerlichkeit!!" *) — 1) Zur Charakteristrung des Herrn Stöcker dient es, daß dieser, wie die Zeitungen melden, gegenwärtig mit Civilprocessen verfolgt wird, und zwar nicht von Juden. Zuerst hat Stöcker Wir haben hier noch einer eigenthümlichen Erscheinung zu gedenken, nämlich daß die „Germania" seit ungefähr vierzehn Tagen ihren Feldzug gegen die Juden eingestellt hat. Sie, die seit Jahr und Tag Nummer für Nummer fast ein Drittel ihres Raumes mit den heftigsten Jnvectiven gegen die Juden, mit den bittersten Beschuldigungen, mit den giftigsten Bemerkungen und Schilderungen füllte, ist mit einem Male in ein völliges Stillschweigen über die Juden eingctreten, und wo sie ihrer zu erwähnen nicht unterlassen kann, geschieht es in ruhiger, fast höflicher Weise. Wir können uns dies nicht anders erklären, da die Wandelung mit der Eröffnung des Abgeordnetenhauses zusammenfällt, als daß die Führer der Eentrumspartei diese Veränderung empfohlen haben. - Wie lange diese Periode ruhigen Verhaltens gegen die Juden dauern und ob sie sich auch auf die anderen, ultramontanen Organe erstrecken werde, wissen wir freilich nicht. Dennoch begrüßen wir sic gern. Wir behaupten noch heute, daß es unwahr ist, die Juden hätten den Culturkampf angefacht und geschürt. Die Juden als solche hatten hierzu gar keine Veranlassung, vielmehr mancherlei Motive zum Gegentheil. Jene Beschuldigung war nur ein Kampfmittel unsrer Gegner. Wenn sich unter den Culturkämpfern dieser und jener Jude befand, so hat dies mit der Gesammtheit nichts zu schaffen, und es war und bleibt die ungeheuerlichste Ungerechtigkeit, die Gesammtheit der Juden dafür verantwortlich zu machen. Innerhalb der Judenheit hat jeder Einzelne seine völlige Freiheit. Wir haben weder Lust noch Mittel, um den Bekennern unsrer Religion den Weg vorzuschreibcn, den sie in politischer, socialer, literarischer oder irgend einer Beziehung gehen mögen, und wir könnten genug Juden aufzählen, tvelche das Judenthum eher schädigen, als ihm nützen. Wann wird endlich diese einfache und thatsächliche Wahrheit Eingang und Beherzigung finden? ' Ernst Uenan's neueste -Zchrist. ll. Es. ist stets belehrend und interessant, einem emsigen Forscher und edlen Denker auf dem Wege zu folgen, auf welchem er zu seinen Ansichten gelangte, selbst wenn diese sich als richtig nicht erweisen sollten. Renan hatte einen Gegensatz zwischen Judenthum und Christcnthum darin gesunden, daß jenes nur den Glaubenssatz des .,Sf:henui“ vom einzigen Gotte und eine ausgedehnte Praxis, das ist das Gesetz, aufstellte, während das Christenthum sein eigentliches Wesen in .''<>00 Exemplare der Grüneberg'schen Wahlrede zu bezahlen und verweigert dies, obschon nachgewiesen ist, daß die Bestellung im Aufträge des Herrn Stöcker geichehen ist. Ferner hat er zu Agirationszwecken 46 Ballen Papier und 4 Centner neuer Schrift beordert und will nun dieselbe nicht abnehrnen.