Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 43 (1879)
- Issue
- Heft 18 (29.4.1879)
- Date
- 1879-04-29
- Page
- Seite 277 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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277 der „Gegenwart" veröffentlicht er unter der Ueberschrift „Kannibalische Ostern" folgenden Artikel: „Warum sich über derartiges erhitzen? — Wer nimmt solchen Unsinn noch für Ernst? — Diesen Einwand höre ich im Voraus gegen das, was ich hier zu sagen habe, und zuletzt heißt es noch: Glauben Sie denn, daß durch ein öffentliches Wort dem Elend abgeholfen wird? Ja das glaube ich. Wer könnte sonst im Dienste der Wahrheit ausharren. Es ist nur eine kleine Notiz und steht in den Zeitungen unter „Verschiedenes" oder „Vermischtes." Sie soll herausgehoben werden, damit die Schamröthe denen ins Gesicht steige, die noch erröthen können. In Kutais (Rußland) wird vor dem Kriegsgericht in diesen Tagen gegen sieben Juden verhandelt, die unter der Anklage stehen, ein Christenkind getödt und dessen Blut zu Osterkuchen verwendet zu haben. Also geschieht im Jahre 1879 nach Christi Geburt, vor Richtern, die sich zu Christi Lehre bekennen. Möglicherweise nehmen die Richter die Anklage nur auf, um den diabolischen Wahnwitz am offenen Tage zu entlarven. Denn die Freisprechung muß erfolgen. Aber warum schweigen die tausend und tausend Mistenden? Ist es nicht Sünde, eine Unthat geschehen zu taffen und nicht Zeugniß dagegen abzulegen? Sämmtliche christliche Theologen, vom Popen im Kaukasus, vom Proseffor Beyschlag in Halle bis zum Papst in Rom, wiffen, müssen wissen, daß zu keiner Zeit und in keinem Lande, dieser Beschuldigung gegen die Juden auch nur ein Atom von Wahrheit zu Grunde lag. Mit wessen Blute waren etwa die Osterkuchen^ gebacken, die Jesus als Jude beim Abendmahle brach und unter die Jünger vertheilte? Alle Geistlichen wissen, daß es den Juden verboten ist, Blut eines Thiercs zu genießen; sie wissen, daß eine Vertilgungswuth durch die ganze Welt rasen müßte, wenn der genannte religiöse Kannibalismus irgendwo stattfände; sie wissen das und warum legt Niemand ein öffentliches Wort der Verwahrung ein? Warum müssen wir Juden das Wort ergreifen? Haben denn christliche Theologen keine Pflicht gegen unschuldig Angeklagte fremder Confession, und keine Pflicht, der sittlichen Verwahrlosung christlicher Ankläger zu steuern? Es giebt auch eine große Genossenschaft zur Bekehrung der Juden, die ihre Missionäre in alle Welt aussendet. Unter diesen Missionären sind viele Judgeborene, die gläubig sich zur Lehre Christi bekennen. Warum erheben sie nicht ihre Stimme und sagen: Wir kennen die Gebräuche unserer vormaligen Glaubensgenossen und betheuern, daß nie und nimmer auch nur eine Spur eines solchen Brauches stattfand? Verlangt nicht die Religion der Liebe, daß man seine Nebenmenschen vor Ungerechtigkeit schütze? Ein Spinoza, ein Moses Mendelssohn, der eine lebenslang, der andere zeitweise von fanatischen Glaubensgenossen verfolgt') — wäre es möglich, daß sie doch nicht aus der Confession geschieden wären, wenn solcher Kannibalismus in ihr nur denkbar war? Es ist eine der bittersten Erfahrungen, daß Ungeheuer im Reiche des Gedankens tausend mal getödtet immer wieder auferstehen. Aber so oft sie sich erheben, und sei es im entlegensten Winkel der Erde, muß auf's Neue mit der Waffe der Wahrheit gekämpft werden. Berlin, Ende März 1879. Berthold Auerbach. . Bonn, 13. April. (Privatmitth.) Das jüngste Heft des „Centralblattes für die gesammte Unterrichts-Verwaltung in Preußen" bringt die Tabelle über die Frequenz der höheren Lehranstalten im Wintersemester 1877/78. Wir stellen aus den dort besmdlichen Angaben zur leichteren Uebersicht folgende Tabelle zusammen Protestanten — Katholiken — Juden. — Bevölkerung des preußischen Staats: 64'/-°/« 33'/,°/« i'/-°/° Schüler der Gymnasien und deren Vorschulen: 70., „ 18,, „ 10,8 " Schüler der Progymnasien: 5<1„ „ 40,, „ 0,4 « Schüler der Realschulen. 1. Ord- . nung: Schüler der Realschulen 2. Ord¬ 82„ „ 11 „ 8,7 ,, nung: Schüler der höheren Bürger¬ 77,, „ 6«, „ 16,2 " schulen: 78,, „ 15,, „ ,, Man ersieht aus dieser Tabelle, wie verhältnißmäßig ein sehr geringer Theil der katholischen Jugend die höheren Lehranstalten besucht (mit Ausnahme der Progymnasien), wie hingegen die evangelische über den Prozentsatz der Bevölkerung hinaus, die jüdische endlich in einem außerordentlichen Maße, nämlich fast überall sieben mal mehr als den Prozentsatz der jüdischen Bevölkerung, in den höheren Lehranstalten zn finden ift: Es ergiebt sich daraus, daß bei den jüdischen Eltern die 1) Auerbach will mit diesen Worten daS Verbleiben dieser beiden Männer im Judcnthume trotz der sie betroffenen Verfolgung als ein besonderes Zeugniß anrufen. Jndeß müssen wir doch bemerken, daß Spinoza durchaus nicht „lebenslang" von Juden verfolgt worden. Nach dem bekannten Conflict in Amsterdam (1660) ist Nichts wieder vorgcfallcn, was den Namen einer Verfolgung auch nur im Entferntesten verdiente. Judenthum und Spinoza hatten keine weiteren Berührungspunkte. Letzterer war auch später, z. B. 1663, wieder in Amsterdam. Ob der Bann, den drei Rabbiner über die deutsche Pentatcuchübersetzung Mendelssohn's auSfprachen, eine „Verfolgung" genannt werden kann, scheint uns sehr zweifelhaft. Mendelssohn selbst „lächelte" darüber, wie er schreibt, und ein leiser Druck von Kopenhagen aus brachte den Altonaer Rabbiner zum Schweigen. Redaction.