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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1879-04-01 · Heft 14 (1.4.1879) · p. Seite 210

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
43 (1879)
Issue
Heft 14 (1.4.1879)
Date
1879-04-01
Page
Seite 210 (sequence 3)
Language
German
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210 fang einen Werth habe ohne die Reinheit der Empfindungen, des Wollens, der Absicht. Das Bekenntniß zum israelitischen Berufe wurde jährlich durch das Darbringen und Verzehren des Peßachlammes emeuet; dazu mußten die israelitischen Familien nach der religiösen und nationalen Einheitsstätte Zusammenkommen; und hierin lag wieder die Verbrüderung aller Glieder der Nation ausgesprochen, wobei jedoch nicht unterlassen wurde, hervorzuheben, wie Israel schon beim Auszüge aus Aegypten von einer großen Masse fremder Nationalitäten begleitet wurde, feie es in sich ausgenommen, und wie kein Hausgenosse, selbst nicht der mit Geld erkaufte Selave, ausgeschlossen war, sondern in die Gemeinschaft der großen religiösen Genossenschaft ausgenommen wurde. Begnügen wir uns mit dieser Skizze, die noch weithin auszuführen wäre. Zweierlei Betrachtungen schlossen sich für uns daran. Zuerst wurde es uns deutlich, daß, wenn eine Institution, wenn ein solches Fest sich durch die Jahrtausende erhalten soll, es eben eine Fülle von Ideen, von ewig wahren Gedanken enthalten müsse, so daß jedes Geschlecht, jede Epoche daraus Nahrung zu ziehen vermöge, wie sie ihr zusagt, wie sie ihrer bedarf, um das, was in ihr zum Leben erwachen und sich gestalten will, zum Bewußtsein zu bringen und zu einer religiös-pttlichen Nothwendigkeit zu werden. Und dies ist im Peßach unerschöpflich vorhanden. Es war ein Fest der reifenden Achren für unsere Väter, und es ist ein Fest des Frühlingsmondes für uns, voll neu erwachender Hoffnungen, voll zuversichtlichen Ausblicks auch in die Zukunft. — Die zweite Betrachtung sagte uns: was wir da in diesen Predigten gefunden, bezeichnet uns so recht die wahre Aufgabe unserer Zeit und insonders der jüdischen Theologie. Die Methode, die diese jüdischen Redner befolgten, und die Ergebnisse, zu denen sie gelangten, sind aus keinem klaren und sormulirten Lehrsätze der homiletischen Theorie entsprungen, sondern aus dein einfachsten Bedürfnisse,, aus unmittelbarem Gefühl und Taet für das, was eben Noth thut und was sich in den jetzigen Geistern von selbst entfaltet. Dies ist keine Kritik und keine Analyse, sondern Synthese, schöpferische Behandlung des überlieferten Stoffes, Neueonstruirung des Gegebenen, Wiederbelebung des Erstarrten und höhere Entwicklung auf der höheren Stufe der Geistescultur. Wir verlassen nicht den geschichtlichen Boden; wir setzen uns vielmehr auf ihm immer fester. Aber wir verlassen den Boden der Buchstabenanhänglichkeit, der bloßen Betrachtung und gesetzlichen Behandlung der Form; wir dringen vielmehr in den innersten Gedankenkern ein, der darin immer enthalten, oft aber durch eine allzustarke Schale verschlossen war, und den wir mit aller Kraft und Anstrengung des Geistes zu entwickeln und mit der Erkenntniß unserer Zeit zu beleuchten streben. Wir suchen nach dem principiellen Gehalte und weisen ihn nach in allen einzelnen Erscheinungen und Bestimmungen. — Dies bezeichnet die heutige Stellung des jüdischen Religionslehrers, aber in ihr auch die aller aufrichtigen Juden. Wir haben der Kritik .nicht den Rücken zu wenden und die Resultate ernster, besonnener Forschung zu leugnen; aber wir dürfen nicht mit jener leichtfertigen, hypothetischen Bibelkritik kokettiren, die zuerst nur die Geschichte und das Schriftthum zersetzt, dann aber den ganzen Inhalt derselben auflöst und auseinanderwürfelt. Wir haben der freien geistigen Strömung unsrer Zeit uns nicht entgegenzustemmen, vielmehr ihr Folge zu geben. Aber wir dürfen nicht mit den Radicalen, mit den sogenannten Freidenkern liebäugeln, die ihre Forderungen so lange steigern, bis die positive Religion zwischen den Fingern zerrieben und die Staubkörner in alle Lüfte verflogen sind — ebensowenig wie wir da, wo die klerikale Atmosphäre sich herrschend gemacht und mit ihren Dunstwolken alles Licht zu verhüllen sucht, der rückwärtsgehenden Bewegung nachgeben und um ^bas Wohlgefallen des klerikalen Geistes uns zu bewerben hätten. Dies ist kein schwachmüthiger Vermittlungs- und Compromißgeist. Diesen eben verwerfen wir. Es ist Charakterfestigkeit, welche die Eigenart, in der die Wahrheit ausgesprochen ist, fest und treu bewahrt und sie' Niemandem preisgiebt, weder rechts noch links. Es ist aber auch zugleich die Festigkeit, welche auf dem Wege der Entwicklung beharrt, und diese besteht darin, daß ivir ebensowenig unsren Fuß hemmen, unsren Schritt bannen lassen, wie einem wilden Ansturm nachgeben, der uns in das öde Land der Auflösung, der Atomistik führen oder vielmehr jagen will Bei dieser Betrachtung haben wir Beispiele und Vorgänge fern und nah, in Ost und West vor der Seele. Sie ist aus der Erfahrung geschöpft, ebenso wie die vorangegangene Skizzirung aus vorliegenden Schriften. Feiern wir daher in echtem und freudigem Geiste das Fest, welches nicht blos ein Fest der Vergangenheit, sondern auch durch unsre eigene Geistesarbeit ein Fest der lebendigen Gegenwart ist! Skelfoutcj 6a<xcßtxcßteu/. Deutschland. Berlin, 19. März. Hiesige Blätter theilen Folgendes mit: „Ein Referendar an einem hiesigen Gericht hatte jüngst unter anderen Zeugen auch einem Sachverständigen den Sachverständig e n e i d abzunehmen. Derselbe weigerte sich, in die Hände des Referendars den Eid abzulegen, weil dieser ein Jude war. Der angesetzte Termin war in Folge dieser Weigerung ein vereitelter."

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