Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 38 (1874)
- Issue
- Heft 8 (7.2.1874)
- Date
- 1874-02-07
- Page
- Seite 126 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3226960-3226969--32373-3255335- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
126 Grunde, daß sie die Eltern hierzu nicht zwingen könne. Ohne diesen Grund an sich beurtheilen zu wollen, frage ich, weshalb kann denn die, Regierung die .christlichen Eltern zwingen, ihre Kinder an dem Religionsunterricht zum Theil auch an den kirchlichen Religionsübungen z. B. die katholischen früh morgens im Winter theilnehmen zu lassen? Fürth, im Februar. (Privatm.) Es wurde in früheren Berichtenvon mir wiederholt betont, daß die bayerische Verfassung das Princip der Gleichberechtigung anerkennt, alle Bayern vor dem Gesetze gleich, (erklärt), alle bürgerlichen und staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten von dem Glaubensbekenntnisse unabhängige erklärt. Mit der Realisirung dieses Princips ging man jedoch nur successive vor; erst vor kürzerer Zeit ernannte man die> ersten, jüdischen Handelsgerichtsbeamten, die wohl Sitz und Stimme, jedoch kein Gehalt vom Staate hatten. Ein besoldeter jüdischer; Richter war in Bayern noch nie angestellt. Wir hegten schon lange die Hoffnung und Ueberzeugung, daß das gegenwärtige Ministerium diese Frage einer gewissenhaften Prüfung unterwerfen und dieselbe derart zum Abschlüsse bringen werde/wie es den Bestimmungen des Gesetzes entsprechend, dem freien Geiste der Zeit würdig ist, denn ja gerade im Justizministerium, das die Richter vorschlägt oder ernennt, sollte Recht und Gerechtigkeit. nach allen - Seilen hin gehegt und gepflegt werden. Dieser Lage erfolgte nun die Beförderung der Bezirksgerichtaccessisten Max- Berlin von hier zum Assessor am königlichen Stadtgericht . in . Nürnberg. - Diese Ernennung , hat als eine-. Bethätigung liberaler Anschauung in den betreffenden Kreisen 'Äne nicht zu unterschätzende prinzipielle Bedeutung, und ist damit die letzte ..Spur einer Sonderstellung befähigter und würdiger, vom gesunden Menschenverstände längst gleichberechtigter Menschen auch in Bayern verschwunden zur Ehre unseres Jahrhunderts, von dem man ja sagt, es sei das der Humanität. Oesterrkichisch-ungarische Monarchie. .. Krakau, im Januar. (Privatmitth.) Seit den letzten Reichsrathswahlen,- wo die Juden. Galiziens zu m e rst e n M a l e zu Gunsten der Verfassung, der freiheitlichen Errungenschaften dev Neuzeit, selbstständig auftraten, ergehen sich die meisten polnischen Blätter in Anklagen und Verleumdungen, wider Juden und Judenthum und werden gar nicht müde,, die öffentliche Meinung, das christliche Volk gegen uns aufzureizen. Wenn irgendwo, so bestätigt sich hier buchstäblich das Wort des alten Meisters: Mulls dies «ins lines; denn es, vergeht fast kein Tag, wo die polnischen Zeitungen ihren leichtgläubigen Lesern nicht mit einem von Haß strotzenden Leitartikel oder mit einer hämischen, Juden und Judenthum der Lächerlichkeit preisgebenden Notiz aufwarten . sollen; alte, längstverschollene Ammenmährchen, längst verblaßte, lächerliche - Vorurtheile werden da wieder allen Ernstes aufgefrischt, wieder aus per Rumpelkammer des Wahnwitzes hervorgeholt, um nur ihr Müthchen an den verhaßten, .verfassungstreuen Juden zu kühlen. Besonders ist es die in Lemberg erscheinende, fcandalfüchtige, aber leider in den national-polnischen Kreisen tonangebende Gazeta Narodowa, die mit einem Feuereifer, mit . einer Consequenz, die einer besseren Sache würdig ist, gegen die Juden, ihre vermeintliche Gemeinschädlichkeit, ihre Verdorbenheit und. Verrätherei loszieht, und dieses volksbeliebte Thema in allen Tonarten behandelt; Alles, auch die abgeschmackteste, absurdeste Verleumdung ist ihr recht und billig, wenn es nur. gilt, die Juden zu kränken, diesen „Liberalen", „Centralisten", einen,Fußtritt zu versetzen. So lange diese Hetzereien -sich nur darauf, beschränkten, ihrem Unmuthe für die Haltung- > der Juden während der Wahlen Ausdruck zn geben, haben wir uns, die Wahrheit zu gestehen, um die Expectorationen einiger. hirnverbrannter Scribler blutwenig gekümmert; wir betrachteten sie als eine landläufige/periodisch immer wiederkehrende Plage, an. die . wir schon sattsam gewöhnt sind. Seitdem aber in ganz jüngster Zeit der humane (sie) Redacteur der Gazeta Narodowa-sich in, den Kopf gesetzt, die sociale Stellung der Juden zu unterhöhlen und. diese aus der ökonomischen Position, die sie seit Jahrhunderten in allen ehemaligen polnischen -Landen einnehmen, gewaltsam zu verdrängen; seitdem der Biedermann kein Wittel, keinen noch so gemeinen Kunstgriff scheuet, um-sein Ziel zu verfolgen, da können wir nicht länger diesem Treiben gleichgiltig und müßig zuschauen, „da ist es Zeit zu reden", da muß die -bessere. Presse zum Schütz der bedroheten Glaubensbrüder, der. verunglimpften Religion angerufen werden. So wurden auch in einem -hiesigen Blatte , das zwar nicht in ganz liberalem Geiste redigirt wird, aber auch nicht systematisch den Judenhaß schürt, eine Reihe von Artikeln eröffnet, die gegen das Treiben der Gazeta Narodowa gerichtet sind. Ich erlaube mir, Ihnen den ersten derselben auszugsweise in deutscher Uebersetzung einzuschicken. Ich weiß nicht, ob Sie alle darin enthaltenen Argumente unterschreiben möchten; Sie müssen aber Nicht äußer Achtlassen , daß sie. für ,ein polnisches Publicum bestimmt sind. Uebrigens -dünkt es mix, daß diese Argumente nicht nur für Galizien, sondern noch-für . einen großen/ namentlich von'Slaven bewohnten Theilr von Europa, stichhaltig und anwendbar fein dürften. - -; Rabbiner Dr. S. Dankowicz. (Wir können es nur mit Dank anerkennen, daß hervorragende und dazu befähigte Glaubensgenossen in Galizien den Fehdehandschuh aufnehmen und mit Scharffinn und. Nachdruck die boshaften Angriffe und Feindseligkeiten zurückweisen.. Der Raum dieser Zeitung gestattet uns aber nicht, diese'ausführlichen Artikel hier wiederzugeben, noch: dazu, da dieselben mit aller Kraft' in den polnischen Kreisen verbreitet werden müssen, in diesem Blatte -jedoch von geringerer Tragweite sind. Im. Uebrigen siÜd dergleichen auf Ausschluß der Juden von Handel und Industrie gerichteten Versuche stets erfolglos geblieben,'.und bald.