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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1873-08-05 · Heft 32 (5.8.1873) · p. Seite 516

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
37 (1873)
Issue
Heft 32 (5.8.1873)
Date
1873-08-05
Page
Seite 516 (sequence 2)
Language
German
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516 Beobachtung des göttlichen Gesetzes erreicht werde, res Gesetzes, welches ebenso das Leben des Menschen als Individuum, als auch in der Gesellschaft umfaßt. 2n rer Entwickelung konnte man hierbei nicht stehen bleiben. Es ergaben sich zwei Wege. Ter Eine ging von der Betrachtung aus, daß alles Menschliche vergänglich sei und sich immersort wiederhole; den Weisen wie den Thoren, Den, der im Ueberflusse, wie Den, der in Dürftigkeit lebe, erwarte dasselbe Schicksal, der Tod und die Vergessenheit. Wir brauchen nicht zu bemerken, daß diesen Weg das Puch Kvheleth «Prediger Salomonis« schildert. Der Kernpunel res ganzen Buches liegt in 3, 11:. „Alles machte Gott schön zu seiner rechten Zeit, in das Her; res Menschen aber legte er die beständige Dauer." «S. hierüber unser Bibelwert B. III S. 7 13.) Es ist hiermit der in dem Menschen waltende Zwiespalt ausgedrückt, daß Alles ihn beirisst, und was er selbst tliiu,' er wandeln und vergehen, und in seiner Wirkung so wechseln sieht, das; Dasselbe ihm bald nützt, bald scharet, «„Alles ist schön zu seiner rechtes Zeit",) und in dem Menschen iui Gegen che: le das Verlangen „nach beständiger Dauer" vorhanden ist. Der Mensch begreift aus sich selbst heraus sein Nichtsein, ras Aushören seines Daseins nicht, und hat bei seinen Werken die Absicht und das. Verlangen der Dauerhaftigkeit in seiner Seele. Dieser Zwiespalt, dieser Widerspruch, den der Mensch in sich trägt, läßt ihn in allen seinen Handlungen einen Zweck haben, diesen Zweck aber schließlich unerreicht sehen. Wir sehen also, daß auch hier im menschlichen Handeln das Vorhandensein res . Zweckes anerkannt ist. in der Vergänglichkeit und rer Vergessenheit, denen alles Menschliche unterworfen sei, die „Eitelkeit" oder „Nichtigkeit" dieser Zwecke und der für sie ausgewcndetcn Mühen gesunden wird. Das Buch will über riesen Zwiespalt hinwegkommen, indem cs schließlich darauf verweist, daß „der Geist zu Gott zurückkehrt," alles menschliche Thun „dem Gerichte Gottes" unterzogen wird, und daher der Mensch „Gott fürchte und seine Gebote wahre." Es ist dies keine Lösung der aufgeworfenen Frage, sondern nur der Hinweis auf den Ausgang, um sich über die Zweifel zu beruhigen, und inmitten derselben den festen Boden und den sichern Weg nicht zu verlieren. Da dem^Berfasfer deS Buches das geschichtliche Bewußtsein, und hiermit der Begriff der Entwickelung, in welcher die Arbeit der Gegenwart auf die kommenden Geschlechter wirkt, und so das Vergängliche in dem Werdenden immer wieder weiter lebt und wirkt, und endlich auch das eigentliche Versiändniß der Unsterblichkeitslehrc fehlten, konnte er keinen anderen Ausweg finden. Der zweite Weg ging von einem anderen Gesichtspuncte aus, der dirccter gegen den vom Pentateuch ausgesprochenen Zweck des menschlichen Lebens lief. Das menschliche Leben, heißt es da, ist voller Mühsal und Leiden, auch ein gerechter und die göttlichen Vorschriften erfüllender Lebenswandel schützt nicht davor, und giebt eben so sehr, oft noch mehr dem grausamsten Geschick preis. Auch hier brauchen wirnicht zu bemerken, daß dies der Weg ist, den das Buch Hiob eingeschlagen. Dasselbe stellt denn auch für das menschliche Handeln einen anderen Zweck auf, nämlich: die Geschicke, die den Menschen treffen, sollen diesen prüfen, entwickeln, zur Entfaltung seiner Seelenkräfte dienen und ihn läutern, und diesem Zwecke soll der Mensch in seinem Handeln durch Uebung des Rechtes und der Liebe dienen. Hiermit wird der Zweck des menschlichen Handelns erreicht und die Pforte der Unsterblichkeit eröffnet; denn diese Entwickelung des menschlichen Geistes, dieses Hinaufsteigcn zu „Lichte des Lebens," kann feine Erfüllung nur in der jenseitigen Fortdauer erlangen. Weiche also auch die Fragen über den eigentlichen Zweck des menschlichen Handelns, welche die Zweifel über die ausgesprochenen Zwecke waren, das Vorhandensein des Zweckes selbst, wurde niemals in Zweifel gezogen. Diese Anschauung, sagten »vir oben, beherrschte nun auch ras Fudenthuni in allen seinen Phasen. Iiweß. wie es sich voraussetzen läßt, nicht ebne daß im Einzelnen Frrthümer sich cinmischten, und Vorurteilen der Zeit Raum gegeben ward. Es würde uns zu weil führen, wenn wir ans der nachbiblischen Literatur auch nur die bedeutendsten Schriftsteller hierüber anführen wollten. Heben wir daher nur Einiges hervor. Das älteste religionsphiloscphische Werk ist Emunot we-Döot von Saadja. Im zweiten Abschnitt Eapitcl IS erkennt er die AllweiSheii Gottes darin an, daß alles Geschaffene vollkommen und angemessen sei, und Gott, bevor es geschaffen, es so, und daß es nach den» Schassen so auSfatlen »vürde, voranswußle. \, .',7 ist er nicht ganz sicher, wie erden Zweck der Schöpfung angeben solle. Er sagt: „Mancher Denker »vird fragen: zu welchem Zwecke hat der Schöpfer das ganze Wesenheer geschaffen? Ans diese Frage haben »vir drei Anttvorten zu gebe»». Erstens können »vir sagen, daß die Schöpfung der Wesen gar nicht;»» einen» bestimmten Zwecke war, ohne daß jedoch gesagt »vcrden kann, sie sei unnütz uiw vergeblich getvesen; denn nur der Mensch thut Ettvas vergeblich, so er es ohne Zrveck thut, »veil er dadurch seinen Nutzen außer Acht gelassen; aber der Schöpfer »st über jede Nützlichkeit für sich erhaben. Ztveitens können »vir sagen, daß der Z»veck der Schöpfung ist, seine Allwcisheit zu zeigen und zu offcnbaren, wie die Schrift sagt (Ps. 115. 12): „Kund zu machen den Mensche»,lindern seine Stärke und die Herrlichkeit der Majestät seines Reiches." Drittens hat er damit den Nutzen und das Wohl der Geschaffenen gewollt, indem er durch die Schöpfung zur Erlenntniß und zu seinem Dienste erzieht, wie die Schrift sagt (Jes. 18, 17): „Ich bin der Ewige, dein Gott, der dich belehrt zu»n Frommen. der dich leitet auf den» Wege, den du gehen sollst." Diese Ungewißheit spricht Saadja jedoch nur aus, wo er den Gegenstand im Allgemeinen behandelt. Völlig sicher ist er seiner Sache im Besonderen, m»d hier finden »vir bei ihm das Vorurtheil jener Zeiten, »vie es aus rer unvollko»nme»»en Kenntniß res Universums floß, vollständig. Er sagt in» ersten Eapitel deS vierten Abschnittes: „Bei aller unendlichen Man-

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