Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 23 (4.6.1872)
- Date
- 1872-06-04
- Page
- Seite 459 (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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wird, ja daß ein kräftiger Redner, der allzulang spricht, die Hörer geradezu erschöpft und nervös macht, und es bleibt nur zu verwundern , daß bei den Rednern hierüber noch eine so große Täuschung verbreitet ist. Fühlen die Hörer mit dem Schlüße der Rede sich geradezu wie erlöst, macht ihnen der Schluß ein Vergnügen, weil es der Schluß ist, so ist der Redner durchgefallen. Das Gedächtniß des Hörers rächt sich an dem Gedächtniß des Redners und verwischt von seiner Tafel alles, weil der Redner sich angemaßt hat, zu vieles darauf zu schreiben. Gestatten Sie mir daher nur die eine Bemerkung: es giebt noch immer Redner, welche glauben, ihre Kunst, ja ihre Meisterschaft dadurch zu beweisen , daß sie im Stande sind, Stunden lang zu sprechen, welche glauben, ihren Reichthum an Gedanken, ihren Ueberfluß an Redestoff dadurch zu bestätigen, daß sie Stunden damit ausfüllen. Dies ist alles Täuschung. Es besteht mehr Kunst darin, einen großen Gegenstand, einen reichen Stoff in den Rahmen einer kurzen Zeit in bedeutsamen und charakteristischen Zügen zu bringen; es ist eine wahre Kunst des Redners, mehr noch vom Detail zu übergehen, als vorzutragen, ohne der Sache und dem Hörer zu schaden. Nun lächeln Sie über mich, wenn ich gerade über das „Maß halten" noch recht vieles, vielleicht über das Maß hinaus zu sagen habe, heute aber hier abbrechen muß. Vermischtes. In diesen Tagen fiel uns ein am 13. Dec. 1866 von dem bekannten Romanschriftsteller FrievrichSpielhagen gehaltener Vortrag „Faust und Nathan" (Berlin, Franz Duncker, 1867) in die Hände, und wir gestehen gern, daß wir lange nicht einen so vortrefflichen, in Form und Inhalt ausgezeichneten Vortrag, ein so großartiges Bild in engem Rahmen gefunden haben. Wir müssen unsre Leser auf das kleine Schriftchen selbst verweisen, und können nur sagen, daß uns in ganzen Bänden über diese beiden wunderbaren Dramen nicht so viel Aufklärendes, Erleuchtendes urd Zutreffendes begegnet ist. Der Redner weist trotz der großen Verschiedenheit beider dramatischen Gedichte den innern Zusammenhang nach, der sie an einander knüpft wie Frage., und Antwort, wie Räthsel und Lösung. Wir heben hier nur die folgende Stelle hervor: „Es hat mich immer Wunder genommen, wie man sich darüber wundern konnte, daß der Dichter gerade einen Juden zum Hauptträger der Idee seines Gedichtes machte. Ich möchte sagen, wenn der Held der Novelle des Boccaz, die für Lessing. bekanntlich das Motiv zu seinem Nathan wurde, auch nicht ein Jude gewesen wäre, und-wenn er auch nicht den Juden Baruch Spinoza so tief verehrt und den Juden Moses Mendelssohn zum Freunde gehabt hätte, er hätte doch einen Juden zum Helden nehmen müssen. Gesetzt auch, der Tempelherr habe Recht zu behaupten, daß es das Volk der Juden war, welches die „Menschenmäkelei" zuerst getrieben,*) wer hat in der Folge unter dieser Menschenmäkelei so viel gelitten, wie der Jude? wem ist die Welt durch diese Menschenmäkelei so zur Hölle gemacht worden, wie dem Juden? zu einer um so furchtbareren Hölle, wenn er dabei an dem Glauben fest hielt, festzuhallen versuchte, daß sein Volk wirklich das auserwählte Volk des Herrn sei? Der Himmel der Abstraction,, in dem sich dier Fauste wiegen, bevor die reale Welt sie rauh aus ihrem Traume rüttelt, kann nicht herrlicher sein, als dieser Glaube; und wenn Faust, als ihn der Erdgeist in sein nichts zurückgeschleudert, in die knirschende Klage ausbricht : „Den Göttern gleich' ich nicht! Zu tief ist es gefühlt; „Dem Wurme gleich' ich, der den Staub durchwühlt; „Den, wie er sich im Staube nährend lebt, „Des Wandrers Tritt vernichtet und begräbt; —" wer wäre mehr im Stande, ihm diese Klage nachzufühlen, Wort für Wort und Buchstab für Buchstab, 'als der Jude, der aus dem Himmel seiner Gotterwähltheit geschleuderte, in alle Welt getriebene, verspottete, verhöhnte, gemarterte, zum Scheiterhaufen geschleppte, und immer wieder dem Leben,"das ihm eine Hölle ist, überantwortete? Nathan! Wer uns doch die Geschichte seiner Jugend erzählte! Ich habe mir immer gedacht, daß er armer Aeltern Kind gewesen ist, daß die Menschen den armen feueraugigen, heißblütigen, genialen Judenknaben gestoßen und getreten haben nach ihres Herzens böser Lust, und daß er so heranwuchs zu einem scheuen, in sich gekehrten grüblerischen Jüngling, die Welt verachtend, wie er von ihr verachtet ward, und daß er sich endlich aus der verachteten Welt zurückzog in eine kleine, enge Häuslichkeit, an der Seite eines geliebten Weibes, inmitten der blühenden Kinder, die sie ihm geboren, glücklich zu sein — in seiner Weise. Da mag er dann gelebt haben Jahre lang, immer grübelnd, immer philosophirend, und mag auf dem besten Wege gewesen sein, ein Geizhals und verstockter Egoist zu werden, bis sein Tag von Damaskus kam. ' Ihr traft mich mit dem Kinde zu Darun, Ihr wißt wohl aber nicht, daß, wenig Tage Zuvor, in Gath die Christen alle Juden Mit Weib und Kind ermordet halten; wißt Wohl nicht, daß unter diesen meine Frau Mit sieben hoffnungsvollen Söhnen sich Befunden, die in meines Bruders Hause, . *) Er meint damit den Glauben, daß das Volk Israel von Gott auserwählt sei. Allein dieser Glaube war im Volke doch stets nur ein abstracter und trat dem „Fremdling" wie den Völkern nie mit Ausschließung und Angriff entgegen, und dann kann es doch aus der Geschichte nicht geläugnet werden, daß der israelitische Stamm die Mission des Religionsvolkes, des Trägers der reinen monotheistischen Lehre und Wirklichkeit hatte und auf Providentiellem Wege vollführte. Die Redaction.