Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 15 (9.4.1872)
- Date
- 1872-04-09
- Page
- Seite 300 (sequence 16)
- Language
- German
- Belongs to
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geschah dieses aus dem Grunde, weil die Süden daselbst einen neun Jahre alten Christenknaben mit vielen Wunden gemartert und gemordet haben sollten. So lautete die Anklage und-dies' war der Urtheilsspruch. Hören wir jedoch, was eigentlich vorgegangen ist: Der Graf Wolf zu Bösing war dem Juden Eßlein Ausch und mehreren andern Juden daselbst Geld schuldig. Er wollte sich seiner Schulden entledigen und suchte seine Gläubiger aus dem Wege zu räumen. Er fand Leute, die ihn in diesem Vorhaben unterstützten, nämlich Preßburger, die kurz zuvor die Juden daselbst vertrieben hatten. Der Vorwand war bald gefunden. Ein Christenknabe, der eben gestorben war, wurde aus ein Feld gelegt. Man brachte ihm Wunden bei, und nun hieß es, die-Juden hätten ihn ermordet. Eßlein Ausch, der Hauptgläubiger, wurde gefoltert, und er sagte aus, was . man eben wünschte und wollte, unter anderem auch, daß M Juden in Marchegg, welche ebenfalls Gläubiger des Grafen waren, Mitschuldige seien. Während dieser Pro- ' ceß geführt wurde , fehlte es nicht an den furchtbarsten Grausamkeiten, gegen die Juden, selbst schwangere Frauen; -wurden nicht geschont.. Der, Urtheilsspruch wurde über ^die Juden in?Bösing< gefällt und das Urtheil ausgeführt. Nun. sollte sich das Geschick gegen die Juden in Marchegg entladen. Doch hier.? sollten sich die Dinge nicht in :der Weiseabwickeln. Marchegg gehört zu Niederösterreich, und da waren die Juden nicht in dem Maß der -Willkür des Adels preisgegeben wie in Ungarn, da waren sie „Kammergut des Kaisers". , So sehr-dieses .Verhältniß ein schmähliches war, so diente es doch manchmal dazu, mm sie vor den Gewaltthaten des Klerus, des Adels, der Bürger und des Pöbels zu schützen. Die Juden in Niederösterreich, welche von dem Geschicke ihrer Glaubensbrüder in Bösing und von^dem, was ihren Glaubensbrüdern in Marchegg bevorstand, erfahren hatten, thaten sich zusammen, um neues Unglück abzuwenden. Sie unterbreiteten Kaiser Ferdinand I. ein Gesuch, in welchem sie den Vorgang zu Bösing sachgetreu erzählten. Sie weisen dann -hin auf verschiedene päpstliche ' Bullen und kaiserliche Mandate, welche die Nichtigkeit dieser Beschuldigung aussprechen^ Sie weisen ferner darauf hin, daß keiner von den getauften Juden, die als Renegaten mindestens dem Scheine-nach? ihrer neuen Religion eifrig nachleben und ans Uebereifer häufig gegen ihren ehemaligen Glauben und gegen ihre früheren Glaubensgenossen feindselig auftreten, eine derartige Anklage je erhoben hat. Dieses Schweigen sei beredter als die Bullen der Päpste und die Mandate der Kaiser und Fürsten. Sie schließen ihr Bittgesuch mit folgenden Worten (wir geben.sie hier.neudeutsch): „Hierauf bitten wir laut um Gottes des Allmächtigen willen Euere f. Majestät, wir armen Elenden, gegen gemeldeten Grafen Verlag von Bamngärtner's Buchhandlung i . von Bösing vösthrannisch unredlich verächtliche Handlung nach Recht und aller Billigkeit vorzugehen und -daß die armen gefangenen Juden, so zu Marchegg gefangen liegen,' auf des gemeldeten Juden Bekenntniß, das sie auf der Folter haben bekennen müssen, aus dem Gefangniß geschafft werden."?? v I ' Der Kaiser erließ hierauf, Linz, 21. Juni 1529, an den „Statthalter", Regenten und Rath unseres Regiments. der niederösterreichischen Lande , ein Mandat des Inhaltes, da die Juden kaiserliches Kammergut sind , so sollen die Angeklagten dem Grafen Niklas Salm dem alteren, Rath, Kämmerer und obersten Feldhauptmann der niederösterreichischen Lande, zur Untersuchung und, wenn, schuldig, zur Bestrafung übergeben werden. Nachdem die Untersuchung beendet und^ die Verhandlungen gepflogen waren — wurden die Juden freigesprochen und entlassen. Wir haben vor kurzem gesehen (s. den ersten Leitartikel in Nr. 13), wie die ultramontanen Scribenten es wagen, die spanischen Juden anzügreifen und zu schmähen. In der im vorigen Jahre veröffentlichten Biographie L'in n ä's von Schleiden sagt dieser letztere : „Es ist eine wunderbare Erscheinung, daß dasselbe Judenthum (das dem Christenthume den Ursprung gab) von einem verwandten semitischen Stamme, den Arabern, 'in Spanien geschützt, auch die Erlösung der Menschheit von der geistigen Nacht des Mittelalters einleitete. Die sogenannte Zeil/des Wiedererwachens der Wissenschaften im Mittelaller beginnt mit der erneuerten Kenntniß der griechischen Literatur, welche die Araber von Spanien aus verbreiteten. Aber die eigentlichen Träger dieses neuen Lebens waren die spanischen Juden, in deren Schulen ernste Philosophie, reiche Sprachkenntniffe und ein für jene Zeit großes Wissen in der Naturerkenntniß, besonders der Chemie und Medicin, herrschte und welche zuerst die griechischen Geistesheroen, zumal, den Hippokrates und Aristoteles, m's Arabische und aus dem Arabischen in's Lateinische übertrugen und so der Welt, die das Griechische selbst längst vergessen hatte, wieder zugänglich machten." —; r ' . :r' Im Mittelalter gab es ein angesehenes Rittergeschlecht in K ö l n, welches eine große Rolle spielte/' und „Z u m I ü d d e n" hieß. Es war auS dem Judenthüme übergetreten und führte zur Andeutung dieser Herkunft drei Schabbeshüte im Wappen. ' 1 - (1 l Leipzig. — Druck von I. B: Hirschfeld.' ' < :teur Dr. H. Lotze. - - - . - »r. **