Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 36 (1872)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1872)
- Date
- 1872-01-16
- Page
- Seite 45 (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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um einen Verein zu bilden, welcher deutsche Werke der jüdischen Literatur ins Englische übertragen und drucken lassen will, *) und äußert sich darüber folgendermaßen: „So dankenswerth diese Absicht ist, wenn sie zum Zwecke hat, die großen geistigen Erzeugnisse des Judenthums zur Kenntniß des englisch sprechenden Publicums zu bringen und damit zum Gemeingute einer größeren Anzahl der gebildeten Leserwelt zu machen, so hat die Sache doch auch ihre andre Seite, die wir jetzt einmal berühren wollen. Es läßt sich nicht verkennen, daß ein Zug der hier in Amerika wohnenden Israeliten deutscher Herkunft mehr und mehr dahin geht, sich von den Erinnerungen an deutsche Sprache, Sitte und Bildung zu emancipiren. Die gebildeten Israeliten, welche aus Deutschland eingewandert sind, pflegen bald mit Vorliebe der englischen Sprache im Verkehre unter einander sich zu bedienen, und schon die nächste Generation hat völlig die hier dominirende Landessprache adoptirt. Sogar aus dem jüdischen Gottesdienste sieht man nach und nach die deutsche Sprache verdrängt und den Ritus in englicher Sprache vollzogen werden. Wie weit in dieser Beziehung eine Umformung der bisherigen Gewohnheit Platz gegriffen hat, davon konnte die letzte Rabbinerconferenz in Cincinnati einen Beweis liefern. Bekanntlich wurde dort der Beschluß gefaßt, die bei dem jüdischen Gottesdienste gesprochenen Gebete künftig statt in deutscher in englischer Uebertragung anzuwenden; ebenso sollen die religiösen Lieder englisch gesungen werden. Wir haben damals jenen Beschluß der Rabbinerconferenz bedauert, indem wir das Verdrängen der deutschen Sprache gerade da, wo die tiefsten Beziehungen, die religiösen, in Frage kommen, als ein Zeichen ansehen, daß die Bekenner des mosaischen Glaubens in diesem Lande entschlossen seien, die Erinnerungen an die deutsche Herkunft, Sprache, Sitte und Cultur in den nachfolgenden Generationen fundamental auszulöschen. Nach einer oberflächlichen Betrachtung der Dinge könnte freilich den deutschen Israeliten in diesem Lande es *) Möchte doch dieser Verein, falls er sich realisirt, die beliebte amerikanische Weise, die Erzeugnisse der Geistesarbeit anderer Nationen sich ohne weiteres anzueignen, den meist armen oder doch bedürftigen jüdischen Gelehrten Deutschlands gegenüber nicht befolgen, und es als eine moralische Pflicht ansehen, die Autoren, deren Werke sie veröffentlichen, in etwas zu entschädigen. Redact. nicht verdacht werden, wenn sie sich von der Sprache und den nationalen Gewohnheiten eines Volkes lossagen, in dessen Mitte sie bis in die neuste Zeit hin Unterdrückung und Zurücksetzung aller Art erfahren haben.. Die deutsche Staats- und Rechtsgeschichte des Mittelalters sowie der Neuzeit liefert uns die Belege von der verachteten Stellung, welche in politischer und socialer Hinsicht bis in unser Jahrhundert hinein das Judenthum in Deutschland eingenommen hat. Waren die Juden im Mittelalter „des heiligen römischen Reichs deutscher Nation Kammerknechte" *), war ihnen der Usance der Zeit zuwider der Zinswucher gestattet, nur damit der Kaiser, wenn sie sich recht voll gesogen hatten, nach Belieben sie ausplünderte, so hat selbst die Bundesacte des wiener Congresses nur eine Duldung, aber keine Gleichstellung der Israeliten mit den Bekennern des christlichen Glaubens gebracht. Bis zum Jahre 1848 durfte in der „freien Hansestadt Bremen" bei Gefängnißstrafe kein Jude übernachten! Zeigt der Rückblick auf die Vergangenheit des Judenthums in Deutschland eine Leidensgeschichte, der babylonischen Gefangenschaft vergleichbar, „da die Töchter und Söhne Juda's die Harfen an die Weiden hingen und weinten, wenn sie an Zion gedachten," so ist auf der andern Seite nicht zu vergessen, welch einen glorreichen Antheil das Judenthum an der Culturentwicklung des deutschen Volkes genommen hat. Es hat die ganze geistige Kraft und die ganze Tiefe seines Wesens in keinem Lande der Welt herrlicher offenbart, als in Deutschland. Mit unvergänglichen Zügen hat es sich in die Annalen eingezeichnet, welche die Geistesgeschichte unsres Volkes der Menschheit überliefern. Und nicht auf dem kritischen Gebiete allein ist der Einfluß des Judenthums in Deutschland weithin sichtbar. Auf dem Gebiete der speculativen wie auch der Naturphilosophie, der Geschichte, der Poesie, Musik und der bildenden Künste haben die deutschen Israeliten in den vordersten Reihen geglänzt. Ist eine so glorreiche Vergangenheit nicht Werth, treu bewahrt zu werden? Wir sollten es denken. Die Sprache, welche in den Werken eines Mendelssohn, in den *) Doch darf man auch hierbei nicht vergessen, daß das deutsche Reich den Juden damals wenigstens den Aufenthalt gestattete, während England und Frankreich sie vertrieb und verbannte, und Spanien sie theils vertrieb, theils zum Christenthume zwang, und dann verbrannte. Redact.